Ein Service der

Inhalt

92. Jahrgang, 2012, Heft 1 | S. 64-67

Analysen und Berichte

Erwiderung auf Rainer Maurer

Sebastian Dullien, Mark Schieritz

Prof. Dr. Sebastian Dullien lehrt Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin.

Mark Schieritz ist Finanzmarktkorrespondent der Wochenzeitung DIE ZEIT in Frankfurt am Main.

Wir hatten in unserem Beitrag in der Juli-Ausgabe des Wirtschaftsdienst 20111 gezeigt, dass nach disaggregierten Investitionszahlen in Deutschland seit dem Jahr 2000 vor allem die öffentlichen Investitionen und der Wohnungsbau, nicht jedoch die Ausrüstungsinvestitionen, schwach gewesen sind. Wir führten diese Beobachtung als Argument an, dass die Standortbedingungen in Deutschland kaum außergewöhnlich schlecht gewesen sein können, wenn die Unternehmen einen ähnlich großen Anteil des BIP in Ausrüstungen investierten wie in anderen Euroländern. Demnach machten wir für die Investitionsschwäche vor allem die öffentliche Finanzpolitik, die staatliche Wohnungsbauförderungspolitik und die schwache Lohnentwicklung verantwortlich und führten an, dass diese Politiken entscheidend zum Leistungsbilanzüberschuss in Deutschland beigetragen haben.

In seiner Replik will Rainer Maurer nun zeigen, dass entgegen unserer Analyse die Investitionsschwäche in Deutschland ein Zeichen von Standortproblemen gewesen sei. Er führt an, dass die Ausrüstungsinvestitionen in Deutschland - anders als nach den von uns präsentierten Zahlen - seit der Einführung des Euro 1999 im europäischen Vergleich außergewöhnlich schwach gewesen seien, zumindest wenn man die Nettoinvestitionen betrachte. Im zweiten Schritt argumentiert er, dass sich die Leistungsbilanzungleichgewichte in der Eurozone vor allem durch Inflationsdivergenzen erklären ließen, die wiederum die Spar- und Investitionsentscheidungen in den einzelnen Ländern unterschiedlich beeinflusst hätten. Dankenswerterweise hat uns Rainer Maurer für unsere Antwort seine Datenbasis und seine Berechnungen bereit gestellt, sodass wir diese nachvollziehen konnten und im Weiteren diese Zahlen verwenden werden.

Während wir in der Analyse der Ursachen möglicher Divergenzen in der Eurozone zumindest in Teilen durchaus Rainer Maurer zustimmen würden (auch wenn im Detail das Argument der individuellen Spar- und Investitionsentscheidung eher wackelig ist), halten wir seine Daten zu den Nettozahlen der Ausrüstungsinvestitionen in Deutschland für methodisch fehlerhaft. In unserer Erwiderung wollen wir uns deshalb auf diesen Punkt konzentrieren, zumal dies der Hauptpunkt unseres Beitrages war.

Rainer Maurer argumentiert, dass in Deutschland zwar die Bruttoinvestitionen in Ausrüstungen gemessen am BIP ähnlich hoch gewesen seien wie in anderen Euroländern, dass aber die Nettoinvestitionen in Ausrüstungen im Verhältnis zum BIP seit 1999 schwächer als im Rest der Eurozone ausgefallen seien (vgl. Abbildungen 1 und 2 in Rainer Maurers Beitrag).

Berechnung der Nettoinvestitionen

Da diese Nettoausrüstungsinvestitionen nicht in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) veröffentlicht werden, hat Rainer Maurer sie selbst geschätzt, indem er die gesamtwirtschaftlichen Abschreibungen eines Jahres ins Verhältnis zu den gesamten Investitionen dieses Jahres setzt. Sodann teilt er das Ergebnis auf die jeweiligen Investitionskategorien - öffentliche Investitionen, private Wohnungsbauinvestitionen, private Ausrüstungsinvestitionen - auf, und zwar entsprechend des Anteils dieser Kategorien an den gesamten Investitionen. Unserer Einschätzung nach ist diese Methode bei einer Schwäche der Wohnungsbauinvestitionen und öffentlichen Investitionen logisch dazu verdammt, irreführende Ergebnisse für die Nettoausrüstungsinvestitionen zu erzeugen. Das Problem ist dabei Maurers Bestimmung der Abschreibungen. Abschreibungen beziehen sich definitionsgemäß auf den gesamten Kapitalstock, also eine sich langsam verändernde Bestandsgröße. Maurer dagegen bezieht seine Abschreibungen auf die Investitionen, eine stark schwankende Stromgröße.

Methodisch korrekt wäre es also, die Abschreibungen anhand des Anteils der verschiedenen Unterkategorien des Kapitalstocks - etwa Immobilien- und Anlagevermögen - am gesamten Kapitalstock aufzuteilen. Dabei müsste noch die durchschnittliche Lebensdauer berücksichtigt werden. Führt man eine solche Berechnung anhand der Vermögensrechnung nach Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis) durch (zur Vereinfachung zunächst ohne Berücksichtigung unterschiedlicher Nutzungsdauern), wird schnell deutlich, dass sich die Anteile an den gesamten Sachanlagen im Zeitablauf kaum geändert hat (vgl. Abbildung 1). Im Jahr 1995 betrug der Anteil der Ausrüstungen am gesamten Anlagevermögen 14,8%, im Jahr 2008 gerade einmal 13,3%. Der Anteil der Abschreibungen, der bei einer solchen Rechnung den Ausrüstungen zugerechnet werden müsste, würde sich im Zeitablauf kaum ändern. Schwierig ist allerdings der internationale Vergleich dieser Daten, da die europäische AMECO-Datenbank die Vermögensbestände nicht hinreichend ausweist.

Rainer Maurer wählt deshalb den Weg, die Anteile der verschiedenen Investitionskategorien an den gesamtwirtschaftlichen Investitionen als Näherung für die Anteile der jeweiligen Bestände am gesamten Kapitalstock zu nehmen. Das muss allerdings in Situationen, in denen sich eine Komponente schneller ändert als die anderen, eindeutig in die Irre führen. Wenn die Wohnungsbauinvestitionen dramatisch einbrechen, die Ausrüstungsinvestitionen aber relativ stabil bleiben, wird nach dieser Rechnung plötzlich ein dramatisch höherer Anteil der gesamtwirtschaftlichen Abschreibungen den Ausrüstungsinvestitionen zugerechnet. Dies wirkt umso stärker, als zwar Ausrüstungen kürzer genutzt werden als Bauten, der Wert der Bauten aber etwa ein Fünffaches des Wertes von Ausrüstungen ausmacht.

Abbildung 2 illustriert diesen Effekt: Trotz des Rückgangs der Ausrüstungsinvestitionen nach 2000 in Deutschland schoss der Anteil der Ausrüstungsinvestitionen an den gesamten Investitionen in die Höhe, weil die öffentlichen Investitionen und die Wohnungsbauinvestitionen noch dramatischer einbrachen. Der Anteil der Ausrüstungsinvestitionen an den Gesamtinvestitionen stieg so von 1993 bis 2005 von knapp 32% auf rund 42%. Damit stieg der Anteil der gesamtwirtschaftlichen Abschreibungen, die von Rainer Maurer den Ausrüstungen zugerechnet werden, um fast ein Viertel, während der Anteil des Bestandes der Ausrüstungen an den gesamten Sachanlagen in diesem Zeitraum sogar leicht zurückging (und damit eigentlich eine geringere Zuordnung der Abschreibungen für die Ausrüstungsgüter angesagt gewesen wäre). Plastischer ausgedrückt: Durch die verwendete Methode wurde in der Phase schwacher Wohnbauinvestitionen ein Teil der Abschreibungen auf deutsche Wohngebäude den Abschreibungen auf Ausrüstungsgüter zugerechnet.

Das Problem wird deutlich, wenn man mit der Maurer-Methode die Abschreibungen auf die Ausrüstungsinvestitionen im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt errechnet und für die europäischen Länder vergleicht. Zu diesem Zweck haben wir für Abbildung 3 die von Rainer Maurer errechneten Nettoausrüstungsinvestitionsquoten von den Bruttoausrüstungsinvestitionsquoten abgezogen. Glaubt man den Ergebnissen von Maurer, so wäre die gesamtwirtschaftliche Abschreibungsquote bei den Ausrüstungen plötzlich nach dem Jahr 2000 in Deutschland in die Höhe geschossen, während sie in anderen europäischen Ländern, insbesondere in Irland und Spanien, in den Keller ging. Es gibt keinerlei plausible Erklärung, warum nach dem Jahr 2000 plötzlich die Ausrüstungen in Deutschland wesentlich schneller abgenutzt sein sollten (was die höhere Abschreibungsquote erklären würde) bzw. warum diese plötzlich in Irland viel länger halten sollten. Deutschlands Ausrüstungsinvestitionen dürften sich von der Struktur her nicht wesentlich von den Ausrüstungsinvestitionen in den anderen Ländern unterscheiden. Es ist unverständlich, dass bei ähnlich großem Kapitalstock und ähnlich großen Bruttoinvestitionen die Abschreibungen auf Ausrüstungen in Deutschland mehr als 6% des BIP ausmachen sollten, während sie in anderen Ländern zum Teil nicht einmal 2% erreichen.

Fehlerhafte Zuordnung

Was wir hier in den Daten erkennen, ist ein Artefakt der fehlerhaften Zuordnung der gesamtwirtschaftlichen Abschreibung nach der Maurer-Methode, wenn die Investitionen im Wohnungsbau überproportional steigen. Zentral ist dieser Kritikpunkt, weil die unterschiedliche Aufteilung der Abschreibungen im Zeitverlauf die von Maurer ausgemachte vermeintliche relative Investitionsschwäche in den Daten fast vollständig erklärt: Über den gesamten Zeitraum laufen die Bruttoausrüstungsinvestitionen in Deutschland in etwa gleich mit jenen in der Eurozone. Auch in den Maurer-Zahlen entwickeln sich die Nettoausrüstungsinvestitionen in Deutschland zunächst im Gleichlauf mit dem Rest Europas. Nach dem Jahr 2000 allerdings sackt die Nettoausrüstungsquote in Deutschland plötzlich ab, ohne dass ähnliches für die Bruttoquote gelten würde.

Wir halten deshalb auch und gerade nach Durchsicht des Artikels von Rainer Maurer an unserer Analyse fest, dass die Ausrüstungsinvestitionen in Deutschland nach dem Jahr 2000 mitnichten im europäischen Vergleich besonders schwach gewesen sind und dass deshalb die These der Standortprobleme nichts als eine Mär gewesen ist.

Hohe Realzinsen als Ursache?

Zum Abschluss noch eine kurze Bemerkung zu der These, dass der Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Sparquote in Deutschland auf die relativ höheren Realzinsen in Deutschland durch die niedrigere Inflation in dem Land zurückzuführen sei. Diese Analyse ist unserer Einschätzung nach fragwürdig, da für eine Veränderung der Sparentscheidungen der Haushalte nicht die relativen Realzinsen im Vergleich mit anderen Ländern, sondern die Veränderung der Realzinsen über den Zeitablauf relevant sein sollten. Hier widersprechen die empirischen Daten klar der These Rainer Maurers: Abbildung 4 zeigt den deutschen Realzins als die Differenz zwischen dem Zins auf zehnjährige Staatsanleihen und der Verbraucherpreisinflation sowie die gesamtwirtschaftliche Sparquote in Deutschland. Der Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Sparquote ging einher mit einem starken Rückgang des Realzinses. Dies lässt sich unserer Einschätzung nach zumindest mit der einfachen mikroökonomischen Erklärung der Sparentscheidung von Rainer Maurer nur schwer erklären. Wichtig ist hier, sich die Ursache des Anstiegs der gesamtwirtschaftlichen Sparquote anzusehen: Interessanterweise ist nämlich die Sparquote der privaten Haushalte nur wenig gestiegen. Der Hauptanstieg der gesamtwirtschaftlichen Sparquote ergibt sich aus einbehaltenen Gewinnen der Unternehmen (vgl. Abbildung 5). Diese gigantischen Gewinne sprechen ebenfalls kaum für ernsthafte Standortprobleme.

Es bleibt also dabei: Die staatliche Investitions- und Investitionsförderungspolitik ebenso wie die Lohntrends in Deutschland haben einen deutlichen Anteil an der Erklärung der Leistungsbilanzungleichgewichte. So populär die These von den Standortproblemen und der daraus resultierenden Investitionsschwäche der Unternehmen in den 2000er Jahren ist, sie bleibt in den empirischen Fakten schwer zu belegen.

 

Die Diskussion wird hier auf der Website des Wirtschaftsdienst fortgeführt. Lesen Sie dort eine weitere Replik von Rainer Maurer sowie eine Erwiderung von Sebastian Dullien und Mark Schieritz.

Abbildung 1 (zurück zum Text)
Bestände: Ausrüstungen in Deutschland

in % der Sachanlagen

missing image file

Quelle: Statistisches Bundesamt, Sektorale und gesamtwirtschaftliche Vermögensbilanzen.

Abbildung 2 (zurück zum Text)
Ausrüstungsinvestitionen in Deutschland

in % der Anlageinvestitionen

missing image file

Quelle: R. Maurer: Die deutsche Investitionsschwäche und die EWU - Fakt oder Fiktion? - eine Replik, in: Wirtschaftsdienst, 92. Jg. (2012), H. 1, 56-64; eigene Berechnungen.

Abbildung 3 (zurück zum Text)
Abschreibungen auf Ausrüstungen nach der Maurer-Methode in verschiedenen Ländern

in % des BIP

missing image file

Quelle: AMECO-Datenbank.

Abbildung 4 (zurück zum Text)
Realzins und gesamtwirtschaftliche Sparquote in Deutschland

in %

missing image file

Quelle: OECD: Economic Outlook, Sommer 2011.

Abbildung 5 (zurück zum Text)
Gesamtwirtschaftliche Sparquote und Sparquote privater Haushalte in Deutschland

in %

missing image file

Quelle: OECD: Economic Outlook, Sommer 2011.

  • 1 S. Dullien, M. Schieritz: Die deutsche Investitionsschwäche: Die Mär von den Standortproblemen, in: Wirtschaftsdienst, 91. Jg. (2011), H. 7, S. 458-464.


Kommentare zu diesem Artikel

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Ihr Kommentar

Wir freuen uns über Ihren Kommentar.
Die Redaktion behält sich vor Beiträge, die diffamierende Äußerungen enthalten oder sich eines unangemessenen Sprachstils bedienen, nicht zu veröffentlichen.

SPAM-Schutz * Welcher Buchstabe fehlt im folgenden Wort?