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92. Jahrgang, 2012, Heft 11 | S. 787-788

Konjunkturschlaglicht

Konjunkturabhängige Rohstoffpreise

Leon Leschus

Nach den starken Rückgängen Ende 2011 und in der ersten Jahreshälfte 2012 stabilisierten sich die Preise für Industrierohstoffe im dritten Quartal 2012. Besonders die Metall-, die Baumwoll- und die Kautschukpreise waren aufgrund einer schwächeren Konjunktur in China und den USA sowie einer Rezession in der Eurozone gesunken. Gleichzeitig wirkte auch ein höheres Angebot bei einigen Rohstoffen preissenkend. Die gute Angebotssituation ist damit zu erklären, dass hohe Rohstoffpreise in der Vergangenheit einen Anreiz für Investitionen in Rohstoffprojekte lieferten. Bei vielen Rohstoffen, speziell bei Industrierohstoffen, ist die Angebots- und Nachfrage-Balance auf dem physischen Markt ausgeglichen, teilweise ist sogar ein Angebotsüberschuss vorhanden. Trotzdem kam es im September bei vielen Industrierohstoffen zu Preisanstiegen. Zu erklären war dies mit der hohen Liquiditätsversorgung durch die Notenbanken, die Anleger für Investments in Rohstoffe nutzten, und mit vorübergehenden Angebotsausfällen. So führten indonesische Exportbeschränkungen auf unverarbeitete Metalle zwischenzeitlich zu Preisanstiegen bei Nicht-Eisenmetallen wie Aluminium und Nickel.

Starke Preiserhöhungen waren im Sommer bei den Nahrungsmittelrohstoffen zu beobachten, besonders bei Mais, Weizen und Sojabohnen. Der maßgebliche Grund lag bei Mais und Sojabohnen an einer ausgeprägten Trockenheit im Mittleren Westen der USA, während das Weizenangebot besonders negativ durch Missernten in Russland und der Ukraine betroffen war. Gute Reisernten und damit verbunden stabile Reispreise führten dazu, dass es in Entwicklungsländern nicht zu vergleichbaren Nahrungsmittelkrisen kam wie 2008. Gute Ernteaussichten für Sojabohnen und Mais in Südamerika führten im September wieder zu einem leichten Absinken des HWWI-Nahrungsmittelindex.

Nach großen Preisabschlägen im Mai und Juni stieg der Ölpreis im Verlauf des Sommers wieder an. Zwischen Ende Juni und Mitte Oktober erhöhten sich die Preise der Ölsorte Brent von knapp 90 US-$ auf über 115 US-$ pro Barrel. Dies entspricht einem Anstieg von mehr als 28% in 3½ Monaten. Preissteigernd wirkten Streiks von Arbeitern norwegischer Ölplattformen, das europäische Embargo auf iranisches Öl und politische Maßnahmen zur Stützung der Konjunktur. Vor dem Hintergrund einer weiterhin schwachen Weltkonjunktur - sowohl in den Industrie- als auch in den Schwellenländern ist das Wirtschaftswachstum zurückgegangen - haben politische Entscheidungsträger zusätzliche expansive Maßnahmen beschlossen, um dem Abschwächen der Konjunktur entgegen zu wirken.

In den USA wurde die Geldpolitik noch expansiver gestaltet, während in China Anfang September ein Konjunkturprogramm mit einem Umfang von 157 Mrd. US-$ beschlossen wurde. In Europa sind Maßnahmen gegen die Eurokrise ergriffen worden. Die Europäische Zentralbank kündigte an, auf dem Sekundärmarkt unlimitiert Staatspapiere mit einer Laufzeit von ein bis drei Jahren aufzukaufen. Diese Ankündigung werteten Marktteilnehmer als positives Zeichen und verbesserte ihren Ausblick für die europäische Konjunktur und die Rohstoffnachfrage.

Da die Konjunkturprogramme und geldpolitischen Maßnahmen erst mit einer Zeitverzögerung wirken, ist damit zu rechnen, dass sich die meisten Rohstoffpreise aufgrund der schwachen Weltkonjunktur und einer guten Angebotssituation in den nächsten Monaten seitwärts oder rückläufig entwickeln werden. Preisrückgänge sind bei Industrierohstoffen, speziell bei Metallen und Textilien zu erwarten. So wird von der AIECE-Rohstoffgruppe bei den Industrierohstoffen im Jahresdurchschnitt 2013 mit einem Preisrückgang von 15% gegenüber 2012 gerechnet. Unter der Voraussetzung, dass es zu keinen größeren Ernteausfällen in den nächsten Monaten kommt, sind auch sinkende Preise bei den Nahrungsmittelrohstoffen wahrscheinlich. Die im letzten Sommer kräftig angestiegenen Preise verstärken bei den Bauern den Anreiz, ihre Produktion an Sojabohnen und Mais durch einen erhöhten Düngemitteleinsatz auszuweiten. Aber es ist davon auszugehen, dass die Preise für Nahrungsmittelrohstoffe im historischen Vergleich auf einem hohen Niveau verweilen werden.

Bei den Energierohstoffen sind weiter sinkende Kohlepreise zu erwarten, weil in den USA zunehmend Gas für die Energieversorgung eingesetzt und dadurch Kohle verdrängt wird. Der Gaspreis dagegen wird dem Ölpreis mit einer gewissen Zeitverzögerung folgen und ansteigen, aber moderater, während Öl auf absehbare Zeit bei dem aktuell hohen Preisniveau bleiben wird. Eine sich leicht verbessernde Weltkonjunktur im Verlauf des Jahres 2013 dürfte sich preissteigernd auf Öl und allgemein auf alle Rohstoffe auswirken.

Leon Leschus

leschus@hwwi-consult.com

Abbildung 1 (zurück zum Text)
Rohstoffpreise1 2005-2014
Quartalswerte, 2010 = 100
Leschus Abb-1.ai

1 HWWI-Index auf US-Dollar-Basis. Ab 4. Quartal 2012 Prognose.

Quelle: AIECE-Rohstoffgruppe, Oktober 2012.

Abbildung 2 (zurück zum Text)
Rohstoffpreise1 2011/2012

Tageswerte, 3. Januar 2011 = 100

Leschus Abb-2.ai

1 HWWI-Index auf US-$-Basis.

Quelle: HWWI.


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