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94. Jahrgang, 2014, Heft 11 | S. 839-840

Konjunkturschlaglicht

Ölpreis im freien Fall

Leon Leschus

Nachdem die Brentölpreise seit April 2013 über 100 US-$ pro Barrel notiert hatten, rutschten sie im Verlaufe des Septembers 2014 unter diese Marke. Anfang November lag der Preis für ein Barrel Brent nur noch bei 83 US-$ und damit rund 28% niedriger als Mitte Juni (vgl. Abbildung 1). Die Preisrückgänge lassen sich durch eine gute Angebotssituation auf dem internationalen Rohölmarkt, bei gleichzeitig sinkender Ölnachfrage erklären. Schwächer als erwartete Wirtschaftsdaten insbesondere aus Europa, Japan und China führten dazu, dass die Internationale Energieagentur (IEA) sich in den letzten Monaten mehrmals dazu veranlasst sah, die prognostizierte Menge weltweit nachgefragten Öls nach unten zu revidieren. In ihrem letzten Ölmarktreport im Oktober 2014 rechnete die IEA mit einem Anstieg der täglichen globalen Ölnachfrage für 2014 um 0,7 Mio. auf 92,4 Mio. Barrel pro Tag, während sie im Juli noch von einem Wachstum von 1,2 Mio. Barrel ausgegangen war.

Abbildung 1 (zurück zum Text)
Rohölpreis für die Sorte Brent

US-Dollar pro Barrel

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Quelle: HWWI.

 

Neben der schwächeren Ölnachfrage hat aber auch die außerordentlich gute globale Ölversorgung zu den Preisrückgängen geführt. Nach Daten der IEA war das Ölangebot im September um 2,8 Mio. Barrel höher als noch vor einem Jahr. So stieg im dritten Quartal 2014 die Ölproduktion der OPEC-Länder stark an. Vor allem in Libyen konnte die Produktion trotz der dort bestehenden Unruhen ausgedehnt werden. Zudem blieb die Ölproduktion im Irak durch die Kämpfe gegen die Terrormiliz Islamischer Staat weitestgehend ungestört. Zuvor hatten Sorgen vor einer möglichen irakischen Produktionsreduktion den Preis für Brentöl im Juni auf über 115 US-$ getrieben. Außerhalb der OPEC ist die Ölförderung vor allem in Russland und auch in den USA angestiegen. In den USA ist dies auf die Schieferölrevolution zurückzuführen. Russland produziert so viel Öl wie seit Sowjetzeiten nicht mehr und im laufenden Jahr wird mit einer Fördermenge von gut 10,9 Mio. Barrel pro Tag gerechnet. Mit der hohen Fördermenge zielt Russland darauf ab, die Einnahmeverluste aufgrund sinkender Ölpreise durch ein erhöhtes Angebot zu kompensieren.

Saudi-Arabien, der größte Ölproduzent innerhalb der OPEC, scheint bisher die niedrigeren Ölpreise zu akzeptieren und reagiert bisher nicht mit Produktionskürzungen auf die starken Preisrückgänge. Stattdessen strebt Saudi-Arabien an, seinen mengenmäßigen Marktanteil zu halten und über die niedrigeren Preise die Rentabilität der Ölproduktion in Nordamerika in Gefahr zu bringen. Im Vergleich zu der Ölförderung in Saudi-Arabien ist die Ölgewinnung in Kanada aus Ölsanden mit schätzungsweise 90 US-$ pro Barrel teuer. Auch in den USA wird mit komplizierter Fracking-Technologie das Öl aus dem Schiefergestein herausgebrochen. Die Kosten dürften hier im Rahmen von 70 US-$ bis 80 US-$ pro Barrel liegen. Seinem Bestreben, die Ölförderung in Nordamerika unter Druck zu setzen und dort Investitionen in neue Ölfelder unwirtschaftlich zu machen, bekräftigte Saudi-Arabien Anfang November mit der Ankündigung, die Preise für Ölexporte in die USA zu reduzieren.

Die nächste OPEC-Sitzung in Wien am 27. November 2014 verspricht, in Hinblick auf die unterschiedlichen Interessen der Mitgliedsländer spannend zu werden. Länder wie der Iran oder Venezuela könnten auf eine Produktionskürzung drängen. Ihre Hoffnung wäre, dass über ein geringeres Angebot die Ölpreise wieder steigen. Dies würde aber gerade der möglichen Strategie Saudi-Arabiens zuwiderlaufen, unliebsamen Konkurrenten in Nordamerika über stark gefallene Preise den Ölhahn zuzudrehen. Besonderes Konfliktpotenzial bieten die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen innerhalb der OPEC. Während Saudi-Arabien nur einen Ölpreis von schätzungsweise 80 US-$ pro Barrel für einen ausgeglichenen Staatshaushalt benötigt, liegt diese Zahl beispielsweise für den Iran und Venezuela mit über 120 US-$ wesentlich höher. Da die USA für Venezuela einen wichtigen Exportmarkt für Rohöl darstellt, dürften auch schon die von Saudi-Arabien gewährten Preisnachlässe für US-amerikanische Kunden das südamerikanische Land brüskiert haben.

Neben der Entscheidung der OPEC-Länder über die Förderquoten wird für die Ölpreisentwicklung in den nächsten Monaten auch das weitere Wachstum der Weltwirtschaft von Bedeutung sein. Entwickelt sich die globale Konjunktur schwächer, so führt dies zu einer geringeren Energienachfrage. Besonders China war in den vergangenen Jahren für einen beachtlichen Teil des Nachfragewachstums auf dem Ölmarkt verantwortlich. Sollte sich das chinesische Wirtschaftswachstum weiter abschwächen, so würde dies beim Öl preisdämpfend wirken. Niedrigere Ölpreise aufgrund einer guten Versorgungslage könnten jedoch zugleich stimulierend für die Weltwirtschaft wirken, für die das Öl einen wichtigen Inputfaktor darstellt. Ein Strich durch diese Rechnung könnte jedoch eine Krise in einem wichtigen Ölproduzentenland machen. Risiken hierfür, die bei den zurzeit fallenden Ölpreisen von den Marktteilnehmern überwiegend ausgeblendet werden, gäbe es genug. Unruhen in Libyen, Sorgen um eine Destabilisierung im Irak und der weiter schwelende Ukraine-Russland-Konflikt wären in diesem Zusammenhang zu nennen.

Leon Leschus

leschus@hwwi.org


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