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97. Jahrgang, 2017, Heft 4 | S. 236-237

Elterngeld: Mehr als eine Episodenleistung

Christina Boll

Am 1. Januar 2017 wurde das Elterngeld zehn Jahre alt. Das erste Lebensjahr eines Kindes ist, gemessen an einem 83-jährigen Frauen- und einem 78-jährigen Männerleben, eine sehr überschaubare Episode. Viel Lärm um nichts? Mitnichten. Das Elterngeld hat einen Paradigmenwechsel in der deutschen Familienpolitik eingeleitet. Es hat die berufliche Auszeit als Ausnahme von der Regel der Erwerbstätigkeit definiert. Das Elterngeld ist eine Lohnersatzleistung. Gegenüber dem bis dahin bedürftigkeitsorientierten Erziehungsgeld brachte dies einen Systemwechsel.

Die Ressource Zeit und ihre Kosten werden seitdem familienpolitisch mitgedacht, neben Infrastruktur und Geld. Das ist richtig so, vor dem Hintergrund steigender Erwerbsoptionen und -neigungen gut qualifizierter Mütter und einem Wirtschafts- und Sozialsystem, das Wohlstand an Arbeit knüpft. Denn nach der Familienphase ist zusehends mehr Erwerbsphase und nach der Erwerbsphase ist zunehmend mehr Ruhestand übrig: Während Frauen nach ihrer letzten Geburt zum Ende des 18. Jahrhunderts noch rund 20 Jahre verblieben, waren es um das Jahr 2000 noch 50 Lebensjahre. Und 67-jährige Frauen (Männer) haben derzeit noch eine fernere Lebenserwartung von 19 (16) Jahren.

Mit dem Elterngeld wurde der gewollte Schonraum für Familie in den zunehmend "langen Bogen" des Lebens eingepasst. Die Grundidee ist, dass sich beide Eltern um ihre Kinder kümmern sollen, damit auch beide Eltern ihren Fuß im Arbeitsmarkt und sich dadurch ihre ökonomische Unabhängigkeit erhalten können. Dies entspricht auch den Lebensentwürfen von Eltern heute, und kaum jemand stellt infrage, dass auch Kinder beide Eltern brauchen. Während traditionell die Mutter Regentin der familiären Sphäre war, hat das Elterngeld mit den Vätermonaten explizit die Rolle der Väter adressiert, die von diesen auch gern angenommen wird – allerdings bisher überwiegend für zwei Monate. Der schnellere Wiedereinstieg der Mütter in den Beruf klappt, zumal das ElterngeldPlus seit Juli 2015 hier weitere Anreize in Form einer doppelten Synchronität schafft: Wer in Teilzeit von 25 bis 30 Wochenstunden wieder einsteigt, bekommt mehr Elterngeldmonate; wenn beide Partner zeitgleich in dieser Stundenzahl Teilzeit arbeiten, wird dies zusätzlich mit einem Partnerschaftsbonus prämiert.

Die Bilanz des Elterngeldes zeigt: Es ist schon viel erreicht, aber es bleibt auch noch viel zu tun. Denn an die Auszeit für die Kinder schließt sich die Auszeit für die Eltern an. Es wird erwartet, dass es bis 2013 in Deutschland bis zu 3,5 Mio. Pflegebedürftige gibt. Auch hier stehen traditionell die Töchter und Schwiegertöchter in der ersten Reihe, vor allem, wenn es um die umfangreiche Pflege geht. Auch auf diesem Feld sind mehr Männer gefordert. Damit aus der Initialzündung, die das Elterngeld für die Übernahme von Familienaufgaben durch Männer gesetzt hat, ein dauerhafter Erfolg wird, müssen sich mehr Männer länger und umfassender in der Kinderbetreuung, im Haushalt und in der Angehörigenpflege engagieren.

Auf dem Weg zu echter Partnerschaftlichkeit in der Familie ist es also noch ein gutes Stück zu gehen. Dafür braucht es eine konsistente Politik, die dieses Ziel in allen Bereichen unterstützt. Und Arbeitsmodelle, die die biografische Perspektive stärker in den Blick rücken. Ein zunehmend längeres Erwerbsleben hält nur durch, wer mit seinen Kräften haushält. Statt uns atemlos von Auszeit zu Auszeit zu hangeln, weil wir im Job 150% leisten müssen, müssen künftige Arbeitsmodelle ein "Leben neben dem Job" dauerhaft ermöglichen – nicht nur für Familie, aber auch für Familie.

Christina Boll

Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut

boll@hwwi.org


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