Ein Service der

Inhalt

97. Jahrgang, 2017, Heft 5 | S. 313-314

Stromnetzausbau: Mehr als nur Übertragungsnetze

Markus Groth

Der Ausbau der Stromnetze liegt in Deutschland weiterhin deutlich hinter den Planungen zurück, sodass die Fertigstellungsprognosen in den letzten Jahren wiederholt revidiert werden mussten. Dies ist weithin bekannt und schon so etwas wie ein selbstverständlicher Teil der Diskussion über die Energiewende geworden. So hat sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel im Rahmen des 9. Energiepolitischen Dialogs der Unionsfraktion am 24. April 2017 kritisch zum schleppenden Ausbau der Stromnetze geäußert, wobei die Unzulänglichkeiten beim Netzausbau vor allem durch den insgesamt erfreulich stark voranschreitenden Ausbau der erneuerbaren Energien immer offensichtlicher werden.

Jedoch wird der notwendige Stromnetzausbau fast immer nur mit dem Ausbau der Übertragungsnetze gleichgesetzt. Natürlich wird hier ein Netzausbau benötigt, vor allem um die Windenergie aus dem Norden in den Süden zu transportieren. Zu wenig berücksichtigt wird jedoch die Ebene der Verteilnetze, die mit knapp 900 Verteilnetzbetreibern ungefähr 98% der Länge des Gesamtnetzes ausmacht. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten sind auch hier substanzielle Anpassungen und Erweiterungen der Netzinfrastruktur als Reaktion auf die sich wandelnden Energieerzeugungsstrukturen notwendig. Hierbei ist zudem zu berücksichtigen, dass sich die ökonomische Bedeutung des Verteilnetzes regional stark dahingehend unterscheidet, welche ökonomische Wertschöpfung verloren geht, wenn eine Kilowattstunde Strom nicht geliefert wird oder wie groß die durchschnittliche ökonomische Bedeutung des Stromnetzes pro Netzkilometer ist.

Insbesondere im Südwesten und Westen Deutschlands sowie z.B. in Metropolen wie Hamburg, Berlin oder München zeigt sich ein relativ hoher ökonomischer Wert einer zuverlässigen Stromnetzinfrastruktur. Das Mittelspannungsnetz ist dabei von großer Relevanz für die Qualität der Versorgung, die auch vor dem Hintergrund zusätzlicher Anforderungen im Rahmen der Energiewende als Wettbewerbsvorteil für den Industriestandort Deutschland auf hohem Niveau aufrechtzuerhalten ist. So betrugen 2015 die durchschnittlichen Versorgungsunterbrechungen nur 2,25 Minuten im Niederspannungsnetz und 10,45 Minuten im Mittelspannungsnetz, was internationale Spitzenwerte sind. Um dies weiterhin zu gewährleisten, gilt es, das gesamte Energiesystem übergreifend zu optimieren und eine isolierte Betrachtung der elektrischen Energie zu überwinden. Für diese unter dem Schlagwort der Sektorkopplung zunehmend diskutierte Betrachtung der Energiewende eröffnet gerade die Verteilnetzebene wichtige neue Möglichkeiten.

Zusammenfassend steht außer Frage, dass der elektrizitätswirtschaftlichen Infrastruktur eine zentrale Rolle für das Gelingen der Energiewende zukommt und sie durch einen angemessenen Netzausbau sowie eine Weiterentwicklung der Anreizsetzungen zukunftsfähig zu machen ist. Die bisherigen politischen Rahmenbedingungen, wie das Netzausbaubeschleunigungsgesetz, sind jedoch noch nicht ausreichend. Zudem zeigt sich, dass neben den Übertragungsnetzen auch die Verteilnetze eine deutlich stärkere Berücksichtigung finden sollten – sowohl im Rahmen der politischen Diskussion als auch hinsichtlich einer engeren Kooperation von Übertragungs- und Verteilnetzbetreibern. Die Kritik am schleppenden Ausbau der Übertragungsnetze ist also nicht neu, aber weiterhin richtig und wichtig. Doch sie greift letztlich dahingehend sogar noch zu kurz als die Verteilnetze das eigentliche Rückgrat der Energiewende sind und die zunehmend wichtigeren Möglichkeiten der Sektorkopplung noch viel deutlicher berücksichtigt werden müssen, um das Infrastrukturpuzzle der Energiewende effizient, nachhaltig und resilient zusammenzufügen.

Markus Groth

Climate Service Center Germany (GERICS)

Markus.Groth@hzg.de


Kommentare zu diesem Artikel

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Ihr Kommentar

Wir freuen uns über Ihren Kommentar.
Die Redaktion behält sich vor Beiträge, die diffamierende Äußerungen enthalten oder sich eines unangemessenen Sprachstils bedienen, nicht zu veröffentlichen.

SPAM-Schutz * Welcher Buchstabe fehlt im folgenden Wort?