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97. Jahrgang, 2017, Heft 8 | S. 603-604

Konjunkturschlaglicht

Aktuelle Entwicklung der Rohstoffpreise

Katrin Knauf

Bei dem weltweit wichtigsten Rohstoff Erdöl zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab. Am Rohölmarkt konnten von Mitte 2015 bis Anfang 2016 sinkende Preise beobachtet werden. Am 20. Januar 2016 notierte die Rohölsorte aus Dubai bei 23,81 US-$, die europäische Rohölsorte Brent bei 27,72 US-$ und die für den US-amerikanischen-Rohölmarkt maßgebliche Sorte, West Texas Intermediate (WTI), bei 28,35 US-$ pro Barrel.1 Diese Werte markieren im Vergleich zur Situation Mitte 2015 etwa eine Halbierung des Preisniveaus. Die niedrigen Preise wurden vor allem durch ein generelles Überangebot von Rohöl auf den Weltmärkten, vor allem durch den starken Ausbau der Fracking-Industrie in den USA ausgelöst. Die USA entwickelten sich in den letzten Jahren von einem erdölnachfragenden Industrieland zu einem maßgeblichen Erdölanbieter auf dem Weltmarkt. Der Preis von 28 US-$ war jedoch für die schnell anwachsende US-amerikanische Rohölindustrie langfristig nicht kostendeckend und demzufolge wurden viele Bohrlöcher stillgelegt. Saudi-Arabien, Russland, Venezuela und Katar konnten sich im Februar 2016 auf das Einfrieren der Produktionsmengen auf dem Niveau vom Januar 2016 einigen. Weiterhin wurde das Rohölangebot durch politische Krisen in Venezuela und Nigeria sowie Waldbrände in Kanada zusätzlich verknappt.2 Das Überangebot verschwand vom Markt und die Preise begannen in den folgenden Monaten des Jahres 2016 zu steigen.3

Da die weltweiten Rohölproduktionsmengen in der zweiten Jahreshälfte 2016 jedoch wieder kräftig stiegen, versuchte die Organisation der erdölexportierenden Länder (OPEC) ein Abkommen über eine Förderbeschränkung zwischen ihren Mitgliedern und anderen rohölfördernden Ländern zu vereinbaren. Ziel war es, den Rohölpreis dauerhaft auf einem hohen Niveau zu stabilisieren, um die Einnahmen aus den Rohölexporten zu sichern. Es gelang der OPEC, sich im Dezember 2016 nach intensiven Verhandlungen auf eine Begrenzung der Fördermengen mit den Ländern Russland, Mexiko, Kasachstan, Aserbaidschan, Oman, Malaysia, Brunei, Bahrain, Sudan und Südsudan, zu verständigen.4 Nach Bekanntgabe der Einigung stiegen die Preise am Rohölmarkt. Im Dezember 2016 konnte für ein Barrel ein durchschnittlicher Preis von 53 US-$ erzielt werden.5 Es schien, als ob die OPEC ihre Macht, den Rohölpreis über Angebotsbeschränkungen steuern zu können, zurückgewonnen hätte.

Im Januar 2017 stieg der durchschnittliche Rohölpreis lediglich moderat auf durchschnittlich 54 US-$ pro Barrel. Zweifel an der Durchsetzung der OPEC-Vereinbarung, der Amtsantritt von Donald Trump als US-Präsident und damit eine Wiederbelebung der Fracking-Industrie verhinderten signifikante Preissteigerungen. Im März fiel der Rohölpreis auf durchschnittlich 51 US-$ pro Barrel. Ursachen waren Berichte über volle Rohöllager und einen Ausbau der Schieferölförderung in den USA. Die Nachfrage der erdölverarbeitenden Industrie blieb sehr zurückhaltend, viele Unternehmen griffen auf eigene Vorräte zurück. Anfang April 2017 stiegen zum Monatsanfang die Rohölpreise in Erwartung einer steigenden Nachfrage zum Befüllen der gesunkenen Rohöllagerbestände. Jedoch hielt sich die erdölnachfragende Industrie zunächst zurück und begann erst, als sich die Preise zum Monatsende verbilligten, mit dem Auffüllen ihrer Lager. Im Mai 2017 sank der Rohölpreis auf durchschnittlich 50 US-$ pro Barrel. Die OPEC hatte am 25. Mai 2017 eine Verlängerung der Produktionskürzungen für die nächsten neun Monate erzielen können. Der Rohölpreis fiel nach Bekanntgabe des Vertrags, da die Markteilnehmer mit einer stärkeren Reduktion gerechnet hatten. Die Aussichten auf ein weiterhin großes Rohölangebot ließ die Preise im Juni weiter sinken. Der durchschnittliche Rohölpreis fiel auf 46 US-$ pro Barrel6 und sank im Vergleich zum Jahresbeginn um 15%.

Im ersten Halbjahr 2017 lässt sich die Entwicklung auf dem Rohölmarkt wie folgt zusammenfassen: Die Rohöllager der erdölverarbeitenden Industrie sind gut gefüllt, da die Nachfrage selbst in Situationen kurzfristig steigender Preise auf mittelfristig sinkende Preise setzt. Die USA sind vom Rohölnachfrager zum weltweit einflussreichen Rohölanbieter aufgestiegen. Der Preis für WTI ist seit Ende 2016 anhaltend die preiswerteste Referenzrohölsorte. Am 21. Juni 2017 erreichten die Rohölpreise den bisherigen Jahrestiefpunkt. Die Macht der OPEC, den Rohölmarkt durch Angebotsbeschränkungen langfristig steuern zu können, scheint gebrochen. Unterschiedliche geopolitische Interessen der einzelnen Staaten, bereits innerhalb der OPEC selbst, lassen die geplanten Angebotsbeschränkungen nicht wirken. Die Nachfrageseite verlässt sich auf langfristig niedrige Rohölpreise und fragt wesentliche Mengen erst ab einem Rohölpreis von unter 55 US-$ nach (vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1 (zurück zum Text)
Rohölpreise 2017

Quelle: Macrobond.

 

Die Preise für Industrierohstoffe sind im ersten Halbjahr 2017 gefallen. Der Index für Industrierohstoffe, ein Teil­index des HWWI-Rohstoffpreisindex, sank um 11% auf 106 Punkte. Der Index umfasst die wichtigsten agrarischen Rohstoffe und NE-Metalle7 sowie Eisenerz und Stahlschrott. Nachdem zu Jahresbeginn die Preise leicht stiegen, fielen sie seit Februar aufgrund von schwächeren Erwartungen an die Weltkonjunktur, insbesondere an das anhaltende Wirtschaftswachstum in China. Die Preise für Eisenerz gaben besonders stark nach, da der Ausbau von Eisenerzminen in den letzten Jahren zu einem Überangebot und hohen Lagerbeständen geführt hatte. Die Preise für Nahrungs- und Genussmittel sind ebenfalls im ersten Halbjahr 2017 gesunken. Gute Ernten, z.B. bei Kakao, Kaffee und Zucker, ließen die weltweiten Preise für diese Rohstoffe insgesamt um 9% sinken (vgl. Abbildung 2).

Abbildung 2 (zurück zum Text)
HWWI-Rohstoffpreisindex 2017

Index gemessen in US-Dollar, 2015 = 100

Quelle: HWWI-Rohstoffpreisindex; monatliche Durchschnittswerte.

 

Fallende Rohstoffpreise im ersten Halbjahr 2017 könnten auf eine sich abschwächende Weltkonjunktur hin deuten. Dabei gilt es jedoch zwischen den einzelnen Rohstoffgruppen zu differenzieren. Die Entwicklungen am Rohölmarkt basieren nicht auf einer schwächeren Nachfrage, sondern auf einem Wandel der Marktstruktur. Die fallenden Preise bei den Industrierohstoffen dagegen sind einem Überangebot, vor allem an Eisenerz, und Unsicherheiten über die globale Wirtschaftsentwicklung geschuldet. Die langfristige Entwicklung der chinesischen Volkwirtschaft steht hier immer wieder im Fokus von unterschiedlichen Einschätzungen über das Wachstum, die Geschwindigkeit der Öffnung des Marktes und der politischen Entwicklung des Landes. Ein zweiter Schwerpunkt sind die Erwartungen an die wirtschaftspolitischen Entscheidungen des US-Präsidenten Donald Trump hinsichtlich der versprochenen, aber noch nicht umgesetzten Infrastrukturinvestitionen in den USA. Diese Unsicherheit lässt die Preise unter anderem für Industrierohstoffe sinken.

Fallende Rohstoffpreise können für rohstofferzeugende bzw. -produzierende Länder zu einer Gefahr werden, wenn sinkende Preise mit einem Verlust an Einnahmen einhergehen, der nicht durch eine mengenmäßige Ausweitung der Produktion ausgeglichen werden kann. Für Industrieländer sind fallende Rohstoffpreise weitaus weniger gefährlich. Im Gegenteil, besonders exportorientierte Nationen wie z.B. Deutschland können von diesem Preistrend eher profitieren. Die für die Vorprodukte benötigten Rohstoffe werden billiger und damit können die Endpreise der produzierten industriellen Technologieprodukte sinken. Diese Kostenvorteile spiegeln sich in den Preisen der zu exportierenden Güter wider und lassen den Export steigen. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit dieser Industrieländer steigt.8 Solange sinkende Rohstoffpreise nicht auf einen generellen weltwirtschaftlichen Nachfrageeinbruch zurückzuführen sind, sondern auf Angebots- und Nachfrageschwankungen innerhalb von Teilmärkten, insbesondere bei einzelnen Rohstoffen, sind sie kein Indiz für eine sich verschlechternde Weltkonjunktur unter den zurzeit gegebenen Bedingungen.

Katrin Knauf

Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut (HWWI)

knauf@hwwi.org


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