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90. Jahrgang, 2010, Heft 1 · S. 64-66

Ökonomische Trends

Tägliche Dynamik auf dem deutschen Arbeitsmarkt

Thomas Rothe

Dr. Thomas Rothe, 41, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich Institutionen und makroökonomische Arbeitsmarktanalyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit.

Der Begriff "Dynamik" ist für die meisten Menschen zunächst positiv besetzt. Er verspricht Bewegung statt Stillstand und Aufbruch statt Abwarten. Wenn von Dynamik am Arbeitsmarkt gesprochen wird, ist die Bedeutung aber ambivalent. Dynamik bedeutet hier einerseits Einstellungen und die Schaffung neuer Stellen, aber andererseits auch Kündigungen, Entlassungen und die Vernichtung von Arbeitsplätzen. Diese Anpassung des Beschäftigungsstands ist nötig, damit Unternehmen auf Schwankungen der Nachfrage reagieren können. Im Sinne von Schumpeter sprechen deshalb renommierte Ökonomen, wie Cahuc und Zylberberg,1 auch heute noch von der "schöpferischen Zerstörung" von Arbeitsplätzen als treibender Kraft des Wachstums einer Volkswirtschaft.

Gerade in der wirtschaftlichen Krise häufen sich auch in Deutschland die Berichte über Betriebsschließungen, Insolvenzen und Arbeitsplatzabbau. Betroffen sind sowohl kleine Betriebe als auch große, namhafte Unternehmen, die seit Jahrzehnten die deutsche Wirtschaft und den Handel prägten. Es entsteht der Eindruck, dass jeden Tag tausende Arbeitsplätze vernichtet würden. Und dieser Eindruck täuscht nicht - wie im Folgenden zu sehen ist.

Weniger Beachtung in den Medien finden Betriebe, die neu entstehen oder die trotz der Wirtschaftskrise neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter suchen und einstellen, die ihre Belegschaft erneuern oder ausweiten. Tatsache ist, dass sowohl im Aufschwung wie auch in der Krise jeden Tag tausende neue Arbeitsplätze entstehen und tausende Beschäftigungsverhältnisse begonnen werden.

Das Ausmaß dieser Arbeitsmarktfluktuation ist weithin unbekannt. Dabei müssten wir eigentlich gut informiert sein. Monatlich stellt die Bundesagentur für Arbeit die aktuellen Zahlen des Arbeitsmarkts vor und jeden Monat wird darüber in den Zeitungen berichtet. Was die Öffentlichkeit aber erreicht, ist meist nur die Zahl der Arbeitslosen, die Arbeitslosenquote und vielleicht noch die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Das sind sogenannte Bestandsgrößen, die uns mitteilen, wie viele Personen an einem Stichtag von Arbeitslosigkeit betroffen sind - oder einen Arbeitsplatz haben. Diese Bestandszahlen ändern sich vergleichsweise langsam und verbergen somit die Dynamik des Arbeitsmarkts. Denn die Veränderung des Bestands an Beschäftigten ergibt sich letztlich aus den Arbeitsplätzen, die laufend geschaffen und vernichtet werden.

Geschaffene und vernichtete Arbeitsplätze

Durch Betriebsschließungen gehen jährlich etwa 4% aller Arbeitsplätze in Deutschland verloren, wie Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) für die Jahre 2000 bis 2006 zeigen.2 Darüber hinaus fallen etwa 8% aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse weg, weil Betriebe schrumpfen und Arbeitsplätze abbauen. Andererseits werden auch etwa 4% der Arbeitsplätze in neu gegründeten Betrieben geschaffen und weitere knapp 8% der Stellen entstehen durch Ausweitung der Beschäftigung. Demnach entstanden zwischen 2000 und 2006 pro Jahr durchschnittlich etwa 3,1 Mio. neue Stellen und etwa 3,2 Mio. Stellen wurden zerstört. Bei 250 Arbeitstagen pro Jahr werden somit jeden Arbeitstag rund 12 400 Stellen geschaffen und 12 800 vernichtet.

Fuchs, Ludewig und Weyh untersuchen die Determinanten des Stellenumschlags nach Ost- und Westdeutschland getrennt und zeigen, dass sich die Betriebsgröße und das Alter der Betriebe als besonders einflussreich erweisen. "Mit zunehmender Größe der Betriebe nimmt sowohl die Schaffung als auch die Vernichtung von Arbeitsplätzen ab."3 Jüngere Unternehmen schaffen zwar mehr Stellen, müssen aber auch häufig wieder Personal abbauen. Da es in Ostdeutschland vermehrt kleinere und jüngere Betriebe gibt, ist es nicht verwunderlich, dass die betriebliche Beschäftigungsdynamik in Ostdeutschland um etwa ein Drittel höher ist als in Westdeutschland. Neben diesen beiden Faktoren bewirken auch der Einsatz arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen und eine Vielzahl von "Notgründungen" aufgrund der schlechten Arbeitsmarktlage eine höhere Arbeitsplatzdynamik in Ostdeutschland.

Begonnene und beendete Beschäftigungsverhältnisse

Die Anzahl der begonnenen und beendeten Beschäftigungsverhältnisse ist noch bedeutend höher als die geschaffenen und vernichteten Arbeitsplätze. Denn häufig werden innerhalb eines Jahres in einem Betrieb sowohl Beschäftigungsverhältnisse beendet, sei es durch Entlassungen, arbeitnehmerseitige Kündigungen, das Auslaufen befristeter Arbeitsverträge oder durch den Übergang in den Ruhestand, als auch neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt. So war der kräftige Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung im Jahr 2008 um etwa 400 000 Personen (+ 1,5%) letztlich ein Ergebnis aus 7,2 Mio. beendeten Beschäftigungsverhältnissen und 7,6 Mio. Neueinstellungen.

Die begonnenen und beendeten Beschäftigungsverhältnisse zwischen dem 1. Quartal 1998 und dem 1. Quartal 2009 sind in der Abbildung dargestellt. Im Durchschnitt wurden in dieser Zeit an jedem Arbeitstag 30 660 sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse begonnen. Dies entspricht 7,67 Mio. Einstellungen pro Jahr. Andererseits wurden 30 480 Beschäftigungsverhältnisse pro Arbeitstag (oder 7,62 Mio. pro Jahr) beendet. Während der elf Jahre ergibt sich ein leichter Gewinn von knapp einer halben Million Arbeitsplätzen.

Determinanten der Arbeitsmarktfluktuation

Während der wirtschaftlichen Schwächephase der Jahre 2001 bis 2005 sank die Beschäftigung, weil mehr Beschäftigungsverhältnisse beendet als neu begonnen wurden. Daneben sank in diesen Jahren auch die Fluktuation auf dem Arbeitsmarkt insgesamt, d.h. es wurden nicht nur weniger Mitarbeiter eingestellt, sondern es wurden auch weniger Beschäftigungsverhältnisse beendet als in der vorangegangenen Aufschwungphase (vgl. Abbildung).

Auf den ersten Blick ist dieser Sachverhalt überraschend, er wird aber klar, wenn man bedenkt, dass die beendeten Beschäftigungsverhältnisse sich aus freiwilligen und unfreiwilligen Kündigungen zusammensetzen: Obwohl die Zahl der arbeitgeberseitigen Kündigungen in wirtschaftlich schwierigen Situationen tendenziell steigt, ist die Summe der beendeten Beschäftigungsverhältnisse im Abschwung rückläufig, weil weniger Arbeitnehmer freiwillig kündigen, um eine neue Stelle anzutreten. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit während einer wirtschaftlichen Krise ist somit weniger ein Resultat vermehrter Kündigungen, sondern ergibt sich vielmehr daraus, dass es besonders schwer ist, einen neuen Arbeitsplatz zu finden.

Während einer Boomphase suchen Betriebe häufig zusätzliche Arbeitskräfte, um neue Aufträge bearbeiten zu können und die Produktionskapazitäten auszuweiten. Darüber hinaus nutzen auch die Beschäftigten vermehrt die gute Arbeitsmarktlage und kündigen von sich aus, um eine bessere Arbeitsstelle anzunehmen. Die Aussicht auf eine Lohnerhöhung oder Verbesserung der Arbeitsplatzsituation lässt dann sowohl die Zahl der freiwilligen Kündigungen als auch der neuen Beschäftigungskontrakte steigen. Dadurch entstehen Einstellungs- oder Vakanzketten, die im Aufschwung zu einer höheren Dynamik auf dem Arbeitsmarkt führen.

Die Arbeitsmarktfluktuation im Beschäftigungsaufschwung der Jahre 2006 bis 2008 folgt jedoch nicht ganz diesem Muster. Im Vergleich zum vorangegangenen Aufschwung von 1998 bis 2000, war die wirtschaftliche Entwicklung ähnlich gut und dauerte sogar etwas länger an. Dennoch stiegen weder die Neueinstellungen noch die beendeten Beschäftigungsverhältnisse auf das Niveau der Jahre 1998 bis 2000 (vgl. Abbildung). Die Gründe für die verhältnismäßig geringe Dynamik könnten auf Seiten der Arbeitgeber oder der Arbeitnehmer liegen. Denn zum einen könnten Unternehmen mit Erfolg versucht haben, einem drohenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken, indem sie qualifizierte und gut eingearbeitete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Lohnzugeständnissen oder anderen Anreizen im Betrieb hielten. Andererseits könnten auch Beschäftigte trotz der guten Wirtschaftslage vor einem Arbeitsplatzwechsel zurückgescheut haben, weil ein Beschäftigungswechsel meist mit einer gewissen Unsicherheit und einer Probezeit einhergeht und durch die Arbeitsmarktreformen und die Einführung der bedarfsabhängigen Grundsicherung (Hartz IV und SGB II) das Risiko finanzieller Einbußen im Falle lang anhaltender Arbeitslosigkeit gestiegen ist.

Bewegungen auch bei Arbeitslosigkeit?

Ebenso wie bei der Beschäftigung ist auch die Dynamik unter den Arbeitslosen weitaus höher als allgemein bekannt. Die Zugänge in Arbeitslosigkeit variieren ebenso wie die Abgänge aus Arbeitslosigkeit mit der wirtschaftlichen Entwicklung.4 In Deutschland gibt es, wie auch in anderen europäischen Ländern und den USA, während eines Aufschwungs weniger Übergänge aus Beschäftigung in Arbeitslosigkeit und vermehrt Abgänge aus Arbeitslosigkeit in Beschäftigung. Typisch für Deutschland war allerdings bis in die 1990er Jahre hinein der "treppenförmige" Anstieg der Arbeitslosigkeit (Hysteresis), der dazu führte, dass sich ein verhärteter Sockel an Arbeitslosigkeit aufbaute. Vielfach ist dadurch der Eindruck entstanden, dass es sich immer um dieselben Personen handeln würde, die sich nicht mehr aus der Arbeitslosigkeit befreien konnten. Dabei wird übersehen, dass auch die Fluktuation unter den Arbeitslosen sehr hoch ist: Während des Jahres 2009 gab es insgesamt 9,25 Mio. Zugänge in Arbeitslosigkeit (10,8% mehr als im Vorjahr), andererseits konnten auch 9,03 Mio. Menschen die Arbeitslosigkeit verlassen (4,8% mehr als 2008).5

Aufgrund der wirtschaftlichen Krise stiegen die Zugänge aus Beschäftigung in Arbeitslosigkeit im Jahr 2009 im Vergleich zum Vorjahr um 12,4% auf 3,26 Mio. Personen an. An jedem Arbeitstag meldeten sich somit rund 13 000 Personen arbeitslos - und ohne den verstärkten Einsatz von Kurzarbeit wären es sicherlich noch weitaus mehr gewesen. Trotz wirtschaftlicher Krise zeigte sich aber eine erstaunliche Dynamik am Arbeitsmarkt: So konnten im Gegenzug pro Arbeitstag etwa 9500 Arbeitslose eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt finden. Im Jahresverlauf waren das 2,83 Mio. Personen (4,2% weniger als 2008). Für Arbeitslose lag die Wahrscheinlichkeit eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden im Jahr 2009 bei durchschnittlich 5,8% pro Monat. Das ist zwar weniger als im Jahr 2008 (6,3%), aber sogar etwas höher als im Boomjahr 2007, in dem das Bruttoinlandsprodukt um immerhin 2,5% wuchs.

Arbeitsmarktdynamik in Krisenzeiten

Angesichts des Ausmaßes der derzeitigen Wirtschaftskrise ist der Anstieg der Arbeitslosigkeit bisher überraschend gering. Eine Ursache dafür dürften die vergangenen Reformen am Arbeitsmarkt sein: Eine Untersuchung von Fahr und Sunde6 deutet etwa darauf hin, dass die ersten Stufen der Reformen (Hartz I bis III) sich positiv auf die Arbeitsmarktfluktuation auswirkten und Übergänge aus Arbeitslosigkeit in Beschäftigung im Zuge der Reformen beschleunigt werden konnten.

Der zu erwartende Anstieg der Arbeitslosigkeit in der aktuellen Wirtschaftskrise wurde somit von der Zugangs- und von der Abgangsseite her begrenzt. Die Bemühungen der Betriebe ihre Mitarbeiter zu halten und der Einsatz von Kurzarbeit haben eine noch stärkere Kündigungswelle bisher vermieden. Außerdem dürften auch die Reformen am Arbeitsmarkt dazu beigetragen haben, dass die Wechsel aus Arbeitslosigkeit in Beschäftigung weiterhin auf hohem Niveau blieben, nicht zuletzt weil die Konzessionsbereitschaft arbeitsloser Bewerber gestiegen ist.7

Obwohl wir die tiefste Rezession seit Bestehen der Bundesrepublik erleben, dürfte sich der Anstieg bei den beendeten Beschäftigungsverhältnissen in Grenzen halten, da vermehrte Entlassungen durch einen Rückgang der arbeitnehmerseitigen Kündigungen zum Teil ausgeglichen werden. Wie die Abbildung bereits vermuten lässt, ist für 2009 und weiterhin im Laufe des Jahres 2010 mit einem deutlichen Rückgang der Arbeitsmarktfluktuation zu rechnen, weil rezessionsbedingt weniger neue Stellen geschaffen und weniger Mitarbeiter gesucht werden. Da die Konkurrenz um offene Stellen zunehmend härter wird, dürften vor allem die Chancen für Personen mit geringen Qualifikationen sinken. Für diesen Personenkreis wird es schwieriger werden, die Arbeitslosigkeit zu verlassen.

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte sowie begonnene und beendete Beschäftigungsverhältnisse

(in 1000)

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Quelle: Bundesagentur für Arbeit: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte (SVB) inklusive Auszubildende, saisonbereinigt.

  • 1 Pierre Cahuc, André Zylberberg: The Natural Survival of Work: Job Creation and Job Destruction in a Growing Economy, Cambridge (Mass.) 2006.

  • 2 Michaela Fuchs, Oliver Ludewig, Antje Weyh: Einzelbetrieblicher Stellenumschlag im Ost-West-Vergleich. Viel Aufbau, viel Abbau, in: IAB-Forum 2/2009.

  • 3 Ebenda, S. 30.

  • 4 Thomas Rothe: Bewegungen auf dem Arbeitsmarkt. Eine Analyse aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive, IAB-Bibliothek 317, Bielefeld 2009.

  • 5 Bundesagentur für Arbeit: Der Arbeits- und Ausbildungsmarkt in Deutschland, in: Monatsbericht Dezember und das Jahr 2009, Nürnberg.

  • 6 René Fahr, Uwe Sunde: Did the Hartz Reforms Speed-Up the Matching Process? A Macro-Evaluation Using Empirical Matching Functions, in: German Economic Review, 10 (2009), H. 3, S. 284-316.

  • 7 Anja Kettner, Martina Rebien: Hartz-IV-Reform: Impulse für den Arbeitsmarkt, in: IAB-Kurzbericht 19, Nürnberg 2007.


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