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90. Jahrgang, 2010, Heft 10 · S. 703-704

Konjunkturschlaglicht

Arbeitsmarkterholung schreitet voran

Alkis Henri Otto

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist im vergangenen Monat erneut gesunken. Saisonbereinigt wurden im September 3,15 Mio. Personen als arbeitslos gezählt. Damit ist die Arbeitslosigkeit auf das Niveau bei Ausbruch der Finanzkrise vor zwei Jahren zurückgekehrt, obwohl die gesamtwirtschaftliche Produktion den krisenbedingten Einbruch noch nicht ganz wettmachen konnte. Zu beachten ist jedoch, dass die Entwicklung der Arbeitslosenzahl nach wie vor durch Sondereffekte beeinflusst wird. So wird sie einmal durch eine Veränderung bei der Erfassung infolge der Neuausrichtung der arbeitsmarktpolitischen Instrumente niedriger ausgewiesen. Hinzu kommt, dass auch die Arbeitsmarktpolitik Beschäftigungsverlusten aktiv entgegenwirkt. Die mit Verzögerung erscheinenden Kurzarbeiterzahlen weisen für den vergangenen Juli 288 000 Arbeitnehmer in konjunkturell bedingter Kurzarbeit aus. Sofern der im März gemessene durchschnittliche Arbeitszeitausfall pro Kurzarbeiter nach wie vor 32% beträgt, verhindert dies die Arbeitslosigkeit von etwa 90 000 Arbeitnehmern. Auch das Arbeitskräfteangebot trägt zum Rückgang der Arbeitslosigkeit bei, da nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung im laufenden Jahr knapp 110 000 Personen dem Arbeitsmarkt demographisch bedingt nicht mehr zur Verfügung stehen.

Gleichwohl ist die Erholung am deutschen Arbeitsmarkt angesichts des Ausmaßes der Krise bemerkenswert. Als vor zwei Jahren der Kollaps der US-amerikanischen Investmentbanken die Finanzmärkte und mit kurzer Verzögerung auch den Welthandel auf Talfahrt schickte, deuteten die massiven Produktionseinbrüche der deutschen Wirtschaft im 4. Quartal 2008 und im 1. Quartal 2009 auf einen deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit hin.

Tatsächlich nahm die Arbeitslosigkeit in Deutschland vor allem um das 1. Quartal 2009 rapide zu (vgl. Abbildung 1), wobei vor allem Arbeitsplätze in den Exportbranchen in Mitleidenschaft gezogen wurden. Doch bereits zur Mitte des Jahres 2009 stagnierte diese Entwicklung und ging in der zweiten Jahreshälfte in eine Erholung am Arbeitsmarkt über, die 2010 zunächst noch an Tempo gewann. Maßgeblich dazu beigetragen haben dürfte die relativ rasche Erholung des deutschen Außenhandels, die der deutschen Wirtschaft im 2. Quartal 2010 ein Rekordwachstum von annualisiert knapp 9% bescherte. Angesichts der noch nicht voll ausgelasteten Kapazitäten und der fortdauernden Erholung des Welthandels gibt es Anzeichen für einen weiteren, wenn auch langsameren Abbau der Arbeitslosigkeit in den kommenden Monaten.

Auch die strukturelle Verfassung des Arbeitsmarktes dürfte einer weiteren Besserung nicht entgegenstehen. Dies kann anhand der Beveridge-Kurve illustriert werden, die Unvollkommenheiten des Arbeitsmarktes wie friktionelle und strukturelle Arbeitslosigkeit widerspiegelt. Die Beveridge-Kurve verknüpft die zu einem Zeitpunkt gemeldeten offenen Stellen und die registrierte Arbeitslosigkeit miteinander. Genauer gesagt wird die Vakanzquote, definiert als das Verhältnis ungeförderter offener Stellen zum Arbeitskräfteangebot, in Beziehung zur Arbeitslosenquote gesetzt. Dabei besteht entlang einer Beveridge-Kurve ein inverser Zusammenhang zwischen der Vakanzquote und der Arbeitslosenquote. Wie Abbildung 2 zeigt, verbesserte sich die strukturelle Lage des Arbeitsmarktes vom Frühjahr 2007 bis zum Sommeranfang 2008. Sowohl die Arbeitslosenquote als auch die Vakanzquote waren rückläufig, so dass sich die Beveridge-Kurve von ihrer Position 2005/2006 in Richtung Ursprung verschob. Im Sommer 2008 geriet der Arbeitsmarkt dann in einen Abschwung, der sich in einer Abwärtsbewegung auf der aktuellen Beveridge-Kurve, also einer geringeren Vakanz- und einer höheren Arbeitslosenquote, zeigte. Mit der im Sommer 2009 einsetzenden Erholung am Arbeitsmarkt kehrte sich diese Bewegung um. Die Lage der Beveridge-Kurve hat sich durch die Finanzkrise jedoch nicht verändert, was darauf hindeutet, dass Such- und Arbeitsvermittlungsprozesse durch die Krise nicht in Mitleidenschaft gezogen wurden. Alles in allem lassen sich aus der Betrachtung der Beveridge-Kurve damit keine Anzeichen dafür finden, dass es am Arbeitsmarkt zu strukturellen Verschlechterungen und damit zu einer höheren natürlichen Rate der Arbeitslosigkeit in Deutschland gekommen wäre. Dieses konnte noch zu Anfang des laufenden Jahres angesichts der Tiefe der Krise und drohender Firmeninsolvenzen nicht ausgeschlossen werden.

Alkis Henri Otto

otto@hwwi.org

Abbildung 1 (zurück zum Text)
Arbeitslose in Deutschland

in 1000 Personen

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Quelle: Bundesagentur für Arbeit.

Abbildung 2 (zurück zum Text)
Beveridge-Kurve des deutschen Arbeitsmarktes
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* Saisonbereinigt mit Census-X-12-ARIMA.

Quelle: Bundesagentur für Arbeit, eigene Berechnungen.


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