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90. Jahrgang, 2010, Heft 10 · S. 641-642

Reform des Arzneimittelmarktes: Grundsätzlich der richtige Weg

Jürgen Wasem

Die Arzneimittelversorgung ist kein Markt wie jeder andere. Durch den Krankenversicherungsschutz sind die Patienten vergleichsweise wenig preissensibel. Auch der verordnende Arzt hat - wenn er nicht durch gezielte Anreize motiviert wird - kein direktes finanzielles Interesse an preisgünstiger Medikation. Sind die Krankenversicherer verpflichtet, den vom pharmazeutischen Hersteller festgesetzten Preis zu zahlen, bestehen daher wenig Anreize für die Hersteller, besonders günstige Preise zu kalkulieren.

Genau dies ist gegenwärtig die Situation für patentgeschützte Medikamente in Deutschland. Mit der Zulassung durch die Arzneimittelbehörde können die neuen Medikamente automatisch zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) verordnet werden. Anders als in den meisten anderen Ländern gibt es bei uns bislang keine vorgeschalteten Preisverhandlungen der Krankenkassen oder staatlicher Institutionen mit den pharmazeutischen Herstellern. Zwar hat der Gesetzgeber in der letzten Gesundheitsreform beschlossen, dass patentgeschützte Arzneimittel einer Nutzen- oder Kosten-Nutzen-Bewertung unterzogen werden können - diese Verfahren greifen jedoch bislang noch gar nicht (Kosten-Nutzen-Bewertung) oder erst nachdem die Präparate schon einige Jahre auf dem Markt sind (Nutzen-Bewertung). Allerdings ist auch zu berücksichtigen, dass die patentgeschützten neuen Arzneimittel in Deutschland schneller als auf anderen Märkten in den Verkehr gebracht werden. Bei echten Innovationen profitieren die Patienten in Deutschland daher auch eher als in anderen Ländern. Insofern besteht ein Trade off zwischen Schnelligkeit des Zuganges und Preisniveau für neue Arzneimittel.

Vor diesem Hintergrund ist die Stoßrichtung des Gesetzentwurfs der Bundesregierung zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (AMNOG) grundsätzlich richtig: Neue Arzneimittel bleiben unmittelbar mit der Verordnung in der GKV erstattungsfähig und der Hersteller kann den Preis zunächst frei festsetzen. Aber es wird eine rasche Nutzenbewertung vorgesehen, die nach einem Jahr zur Vereinbarung eines Erstattungspreises des pharmazeutischen Herstellers mit dem Spitzenverband der Krankenkassen führen soll.

Unbefriedigend ist, dass das Instrument der Kosten-Nutzen-Bewertung damit auch in Zukunft faktisch keine Rolle spielt. Dabei stellt die Gegenüberstellung von Zusatznutzens gegenüber der bisherigen Therapie und Zusatzkosten eine wesentliche Information zur Beurteilung der Wirtschaftlichkeit dar, die bei der Preisvereinbarung berücksichtigt werden sollte. Auch hätte man sich eine stärker dezentrale, wettbewerbliche Lösung vorstellen können, bei der die Zahlungsbereitschaften der einzelnen Krankenkassen zum Zuge gekommen wären. Entsprechende Vorstellungen des Bundesgesundheitsministers waren in der Koalition aber nicht durchzusetzen.

Mit den in der Schlussphase der parlamentarischen Beratungen zum AMNOG vorgelegten Änderungsanträgen verschlechtert die Koalition allerdings nun teilweise die Voraussetzungen für eine wirtschaftliche Arzneimittelversorgung. So sollen Medikamente für seltene Erkrankungen (sogenannte "orphan diseases") grundsätzlich von der Notwendigkeit, ihren Zusatznutzen gegenüber bestehenden Therapien nachzuweisen, befreit werden. Da gerade neue Medikamente bei seltenen Krebserkrankungen mit häufig sehr teuren Therapiekosten einhergehen, ohne dass sie schon auf den ersten Blick überlegen sind, gehen von dieser Entscheidung erhebliche Kostenrisiken aus.

Jürgen Wasem

Universität Duisburg-Essen

juergen.wasem@medman.uni-due.de


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