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90. Jahrgang, 2010, Heft 2 · S. 135-136

Konjunkturschlaglicht

Keine aktuelle Inflationsgefahr

Jörg Hinze

Die Inflationsrate für die Verbraucherpreise ist in den vergangenen Monaten wieder merklich gestiegen, von -0,5% Mitte vergangenen Jahres auf zuletzt knapp 1%. Diese Zunahme bedeutet jedoch keine Wende von einer deflationären hin zu einer inflationären Preisentwicklung. Sie ist vor allem Reflex der stark volatilen Preisentwicklung für Öl und für Mineralölprodukte. Ohne diese wäre die Preisrate vielmehr zurückgegangen, von etwa 1% Mitte vergangenen Jahres auf 0,2% im Januar. Auch die HWWI-Kernrate (vgl. Schaubild 1), die die Mineralölpreise berücksichtigt - allerdings geglättet -, spiegelt einen äußerst schwachen, weiter verringerten Preisauftrieb wider.

Sieht man von den Sondereinflüssen seitens der Ölpreise und der davon abhängigen Preise ab, stehen die Verbraucherpreise in vielen Bereichen nach wie vor unter kräftigem Wettbewerbsdruck. Besonders deutlich wird das bei Nahrungsmitteln und längerlebigen Gebrauchsgütern. Im Zuge der Wirtschaftskrise hat sich der Preiskampf unter den Discountern eher noch verschärft, zumal nach einer GfK-Umfrage (Gesellschaft für Konsumforschung) viele Bürger vor allem bei Nahrungsmitteln und Restaurantbesuchen sparen. Dazu hat möglicherweise auch die Abwrackprämie beigetragen, die vielfach Käufer mit geringeren Einkommen zu Autokäufen, zudem häufig auf Kredit, veranlasste, die dann ihre flexibleren Ausgaben, eben für Nahrungsmittel und längerlebige Gebrauchsgüter, einschränkten. Nahrungsmittel waren im Januar durchschnittlich um 1,4% billiger als vor einem Jahr, langlebige Gebrauchsgüter um 0,1%, wobei bei bestimmten Produkten, wie Fernsehern, Kameras und Computern die Preisrückgänge sogar im zweistelligen Bereich lagen. Auch bei den anderen Produktgruppen blieben die Preise fast ausnahmslos recht stabil; Bekleidung und Schuhe waren zuletzt lediglich um 0,3% teurer als vor Jahresfrist, Haushaltsgeräte und Einrichtungsgegenstände um 1,2% und die Nettokaltmieten um 1,1%.

Der auf Jahresfrist kräftige Anstieg der Preise für Heizöl und Kraftstoffe um 13% muss bislang nicht beunruhigen. Die Preiserholung auf diesen Märkten stellt eine Teil-Korrektur des vorangegangenen drastischen Rückgangs in der zweiten Jahreshälfte 2008 dar (vgl. Schaubild 2). Damit bewegen sich die Preise für Heizöl und Kraftstoffe derzeit wieder etwa auf einem Niveau wie zwischen Mitte 2005 und Mitte 2007, bevor die Hausse bis Mitte 2008 einsetzte. Wenn sich die Ölpreise um das aktuelle Niveau herum stabilisieren, sollten von dieser Seite keine inflationären Anstöße ausgehen. Auch die Preisentwicklung auf den vorgelagerten Stufen, die normalerweise schneller und ausgeprägter auf konjunkturelle Änderungen reagieren, blieb insgesamt gesehen bislang gedämpft. Die Erzeugerpreise haben sich nach zuvor kräftigem Rückgang seit Mitte 2009 etwa auf dem gedrückten Niveau stabilisiert. Bei den Großhandelspreisen kam es zwar schon im Frühjahr 2009 zu einer Wende, doch der seither zu verzeichnende Anstieg war relativ moderat.

Auf mittlere Sicht beunruhigender ist hingegen die Arbeitskostenentwicklung, auch wenn sich hier mit konjunktureller Erholung einiges wieder "automatisch" bessern dürfte. Der im vergangenen Jahr kräftige Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten um mehr als 5% ist vor allem eine Folge des starken Produktionseinbruchs und des Einsatzes des arbeitsmarktpolitischen Instrumentes der Kurzarbeit, das eine rasche Anpassung der Beschäftigung - bewusst - verhinderte. Allerdings sind auch die Tarifverdienste vor dem Hintergrund der ungünstigen Konjunktur- und Produktivitätsentwicklung und der günstigen Preisentwicklung - zumindest unter Kostengesichtspunkten - real recht stark gestiegen. Angesichts der gedrückten Nachfrage auf der einen und des bei unterausgelasteten Kapazitäten hohen Wettbewerbsdrucks auf der anderen Seite überwiegen weiterhin die preisdämpfenden Faktoren. Daran wird sich wegen der vorläufig eher moderaten konjunkturellen Erholung nur langsam etwas ändern; das gilt weitgehend auch noch für 2011. Die Preiserhöhungsspielräume bleiben deshalb auch bei steigenden Kosten sehr beschränkt. Unter diesen Bedingungen zeichnen sich in nächster Zeit keine inflationären Preistendenzen ab. Die Inflationsrate wird nur geringfügig zunehmen. Im Jahresdurchschnitt 2010 dürfte sie etwa 1% betragen, 2011 wird sie sich dann auf 1½% erhöhen. Wieweit die auf längere Sicht teils vorherrschenden Inflationsbefürchtungen virulent werden, wird vor allem von der künftigen Geldpolitik, aber auch von der Fiskalpolitik abhängen.

Jörg Hinze

hinze@hwwi.org

Schaubild 1
Indikatoren zur Preisentwicklung in Deutschland

(Veränderungsrate in %)

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1 Kerninflationsrate: Berechnet aus geglätteten Indizes (gleitende 3-Monats-Durchschnitte für den Gesamtindex ohne Heizöl und Kraftstoffe sowie ohne Saisonwaren und 24-Monats-Durchschnitte für den Index für Heizöl und Kraftstoffe sowie für Saisonwaren) sowie ohne Steueränderungen.

Quelle: Statistisches Bundesamt, Berechnungen des HWWI.

Schaubild 2
Entwicklung der deutschen Verbraucherpreise und ausgewählter Komponenten

Index (2005 = 100)

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Quelle: Statistisches Bundesamt, Berechnungen des HWWI.


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