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90. Jahrgang, 2010, Heft 4 · S. 212-214

Ölpreisbindung: Bewegt sich der Gasmarkt?

Sebastian Schröer

Als nach dem jüngsten Urteil des Bundesgerichtshofs die Ölpreisbindung in den Medien für hinfällig erklärt wurde, war dies etwas voreilig. Zwar dürfen Lieferanten im Endkundengeschäft die Erdgaspreise nicht mehr nur mit Hinweis auf die Heizölpreise erhöhen, allerdings ändert dies nichts an der Vertragsgestaltung beim Import. Hier ist gemäß den langfristigen Verträgen nach wie vor die Ölpreisbindung wirksam.

Grundsätzlich ist eine Preiskopplung an einen zweckmäßigen Index sinnvoll, solange kein funktionierender Weltmarkt und damit kein einheitlicher Preis existiert. Dies ist nach wie vor der Fall, denn Gas kann nur über ein kostenintensives und daher in der Reichweite begrenztes Leitungsnetz transportiert und auch nur begrenzt gespeichert werden. Die sich gegenwärtig entwickelnde Technologie des Seetransports von verflüssigtem Erdgas (LNG) ändert daran zunächst nichts, da sie immer noch relativ teuer ist und erst bei Entfernungen ab 3000 km mit Pipelines konkurrieren kann. Die Bedeutung von Flüssiggas wird zunehmen, dennoch wird sich hieraus erst langfristig eine preislich disziplinierende Wirkung auf die Anbieter von Pipelinegas ergeben. Die Preisbindung an Heizöl ist daher eine sinnvolle Maßnahme, um einen funktionierenden Markt zu etablieren. Ohne diese Preisgarantie wären sowohl die ausländischen Exporteure als auch die importierenden Unternehmen nicht bereit, die neuen Pipelines Nord Stream und Nabucco zu bauen. Beide Parteien müssten nach den getätigten Investitionen befürchten, bei der Preisgestaltung vom jeweils anderen übervorteilt zu werden.

Grundsätzlich ist die Annahme, dass sich mit Beendigung der Ölpreisbindung Gas dauerhaft verbilligt, zu hinterfragen. Aufgrund der stetig steigenden Nachfrage und der wenigen Anbieter ist auch vorstellbar, dass der Preis steigt. Zumindest wären angesichts der meist witterungsbedingt fluktuierenden Nachfrage deutlich stärkere Schwankungen sehr wahrscheinlich. Insofern geht die Diskussion um niedrigere Gaspreise fehl, wenn sie sich nur um die Ölpreisbindung dreht. Allerdings ist zu fragen, ob Öl als Index geeignet ist. Es wäre beispielsweise denkbar, Kohle zu bevorzugen, weil Kohle ein stärkeres Substitut für Gas ist als Öl. Da es sich bei den Verträgen zwischen den Importeuren und den ausländischen Anbietern aber um privatrechtliche Vereinbarungen handelt, ist diese Diskussion theoretisch.

Selbst bei der Schaffung eines funktionierenden weltweiten Marktes ist es fraglich, ob der Preis von Gas in Deutschland langfristig deutlich fallen würde. Sinkende Preise wären zwar möglich, weil einerseits zusätzliche Lieferregionen hinzukämen und andererseits Arbitragegeschäfte getätigt werden könnten. Allerdings sind auch Marktentwicklungen vorstellbar, die eher zu steigenden Preisen führen: So würden durch kostengünstigen Transport von Gas nicht nur neue Lieferanten, sondern auch neue Abnehmer hinzukommen. Generell wird sich die Nachfrage nach Gas auch weiter erhöhen, was nicht zuletzt am verhältnismäßig geringen Kohlenstoffanteil von Gas liegt. Mit steigenden Preisen für CO2-Emissionen wird es daher in Ländern, die sich an einem Emissionshandelssystem beteiligen, zu einer Substitution von Kohle und Öl durch Gas kommen. Wettbewerb auf dem Gasmarkt lässt sich nicht durch die bloße Abschaffung der Ölpreisbindung herstellen. Vielmehr sollte sich das Augenmerk eher auf die Diversifizierung der Bezugsquellen auf der Importstufe richten. Die gegenwärtig immer noch zu geringe europäische Integration in Verbindung mit der hohen Anbieterkonzentration wirkt nicht sehr wettbewerbsfördernd.

Sebastian Schröer

Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut

schroeer@hwwi.org


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