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90. Jahrgang, 2010, Heft 4 · S. 255-261

Analysen und Berichte

Hat die Finanz- und Wirtschaftskrise Verbreitung und Volumen der Riester-Rente beeinflusst?

Martin Gasche, Michael Ziegelmeyer

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich zwar negativ auf den Wert von Vermögensanlagen ausgewirkt - aber nicht so stark, wie allgemein angenommen wird. Die Dynamik in der Verbreitung der Riester-Verträge wurde allerdings durch die Krise gestoppt. Einen leichten Rückgang gab es vor allem bei den mittleren oder höheren Einkommen, wogegen das von diesen Gruppen auf den Riester-Konten angesparte Kapital gestiegen ist.

Dr. Martin Gasche ist Forschungsbereichsleiter am Mannheimer Forschungsinstitut Ökonomie und Demographischer Wandel (MEA).

Michael Ziegelmeyer, Dipl.-Volkswirt, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Mannheimer Forschungsinstitut Ökonomie und Demographischer Wandel (MEA).

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat zu Vermögensverlusten bei der Altersvorsorge geführt. Diese halten sich zwar in Grenzen. Doch kann die Krise auch Änderungen beim Altersvorsorgeverhalten hervorgerufen haben. So könnte die Verbreitung der Riester-Verträge und das auf den Verträgen angesparte Kapital beeinflusst worden sein. Um dieser Fragestellung nachzugehen, werden hier die Ergebnisse der SAVE-Umfrage 2009 - einer repräsentativen Befragung zum Spar- und Vorsorgeverhalten der Haushalte in Deutschland - analysiert.

Altersvorsorge in der Finanz- und Wirtschaftskrise

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat Wirtschaft und Gesellschaft stark beeinflusst und in fast allen Bereichen Spuren hinterlassen. Betroffen ist auch die private Altersvorsorge, allerdings weniger als gemeinhin angenommen wird. So können anhand des Volumens und der Struktur des Vermögens deutscher Haushalte durchschnittliche Vermögensverluste durch die Finanzkrise in Höhe von 2,0% (Altersvorsorgevermögen) und 4,3% (gesamtes Finanzvermögen) berechnet werden.1 Die direkte Befragung der Haushalte in Deutschland nach den erlittenen Vermögensverlusten ergibt, dass nur 20% der Haushalte überhaupt von Verlusten betroffen sind und dass der durchschnittliche relative Verlust 3,6% des Finanzvermögens ausmacht.2

Ähnlich wie die Betroffenheit der privaten kapitalgedeckten Altersvorsorge überschätzt wird, wird die Betroffenheit der umlagefinanzierten gesetzlichen Rente unterschätzt, denn durch die Finanz- und Wirtschaftskrise haben die Löhne und damit der aktuelle Rentenwert ein niedrigeres Niveau als ohne Krise. Damit werden die durch Beitragszahlungen zur Gesetzlichen Rentenversicherung erworbenen Entgeltpunkte im Vergleich zu einer Situation ohne Krise faktisch abgewertet, was man ebenfalls als einen Vermögensverlust interpretieren kann. Dieser Vermögensverlust ist quantitativ den relativen Verlusten bei der privaten Vorsorge sehr ähnlich.3

Diese Parallele zwischen privater und gesetzlicher Altersvorsorge zeigt sich auch, wenn man die Auswirkungen der Finanzkrise auf das gesamte Erwerbsleben und die Ruhestandsphase einer Person bezieht und die Rendite der Altersvorsorge für verschiedene Geburtsjahrgänge betrachtet. So ergibt sich bei der privaten Vorsorge ein Renditeverlust von maximal 0,1 Prozentpunkten (Altersvorsorgevermögen) bzw. maximal 0,2 Prozentpunkten (gesamtes Finanzvermögen) und bei der gesetzlichen Rente je nach unterstelltem Lohnszenario eine um maximal 0,1 bis 0,3 Prozentpunkte geringere implizite Rendite.4 In beiden Systemen ist die stärkste Betroffenheit bei den Rentnerjahrgängen und den rentennahen Jahrgängen, weil diese Jahrgänge zum Zeitpunkt der Krise schon viel Vermögen angesammelt hatten, entweder in Form von Entgeltpunkten oder in Form von Finanzkapital. Somit ist keines der Altersvorsorgesysteme von der Krise verschont geblieben. Die Auswirkungen halten sich jedoch insgesamt in Grenzen.5

Doch nicht nur die Auswirkungen auf die Vermögenswerte, sei es in Form von tatsächlichen Kapitalanlagen bei der privaten Altersvorsorge oder in Form von Entgeltpunkten bei der gesetzlichen Rente, sind von Bedeutung, sondern auch die Auswirkungen der Krise auf das Altersvorsorgeverhalten. So könnte sich die Finanzkrise auf das Altersvorsorgeverhalten vorübergehend negativ ausgewirkt haben, insbesondere was die Bereitschaft angeht, staatlich geförderte Altersvorsorgeverträge (Riester-Rente und Rürup-Rente) abzuschließen oder weiter zu bedienen. In diese Richtung deuteten einige Ergebnisse der sogenannten Postbankstudie zur privaten Altersvorsorge.6 Dort wurde ein nachlassendes Interesse an der Riester-Rente konstatiert und eine Krise der privaten Altersvorsorge befürchtet.7

Zwar kann von einer durch die Finanzkrise bewirkten generellen Krise der privaten Altersvorsorge schon aufgrund der oben aufgezeigten sehr begrenzten Betroffenheit durch die Krise nicht gesprochen werden. Gleichwohl ist es sinnvoll, der Frage nachzugehen, ob und wie sich die Finanzkrise auf die Verbreitung der Riester-Rente ausgewirkt hat und ob die Haushalte in Deutschland aufgrund der Krise die Riester-Konten weniger stark besparen. So könnten Neuabschlüsse zurückgehen, da Haushalte durch die unsichere wirtschaftliche Lage davor zurückschrecken, sich langfristig zu binden. Riester-Verträge könnten gekündigt werden, da aufgrund einer verschlechterten finanziellen Situation das Geld benötigt wird oder weil die im Zuge der Finanzkrise geringen Renditen die Anlageform unattraktiv erscheinen lassen. Ebenso wäre denkbar, dass eine Reduktion beim Einkommen, z.B. durch Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit, zu einer Abnahme des Sparbetrages führt. Nachfolgend werden die SAVE-Daten herangezogen, um die Verbreitung der Riester-Rente im Zeitverlauf sowie die Entwicklung des in den Riester-Verträgen angesparten Kapitals zu untersuchen.8 Dabei wird die neueste SAVE-Befragung aus dem Jahr 2009 in die Analyse einbezogen, so dass auch die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise, die ab Herbst 2008 besonders virulent wurde, berücksichtigt werden können.

Datengrundlage - SAVE Studie

Die Analyse basiert auf dem SAVE-Datensatz. Die seit 2001 erhobene und ab 2005 auf jährlicher Basis durchgeführte SAVE Befragung ist eine repräsentative Panelumfrage mit dem Ziel, das Spar- und Portfolioverhalten deutscher Privathaushalte genauer zu analysieren.9 Seit 2003 wurden die Haushalte über die staatlich geförderte Riester-Rente befragt. Die vorliegende Analyse bezieht sich auf die Befragungsjahre 2005 bis 2009. In diesem Zeitraum wurden die Haushalte jährlich gefragt, ob und wie viele Riester-Verträge ein Haushalt hat und wie viel Vermögen insgesamt auf den Verträgen angespart wurde.10 Dabei bezieht sich die Frage immer auf den Stand am Ende des Vorjahres.

Die anschließenden Analysen werden jeweils auf Basis eines "balancierten Panels" durchgeführt. Beim balancierten Panel werden nur diejenigen Haushalte analysiert, die im gesamten Betrachtungszeitraum in jedem Jahr an der SAVE-Umfrage teilgenommen haben; es werden also dieselben Haushalte über die Zeit betrachtet. Bei einem unbalancierten Panel werden für jedes Jahr alle Haushalte betrachtet, die in diesem Jahr an der SAVE-Umfrage teilgenommen haben. Da jedoch die Stichprobengröße durch Nichtteilnahme im Zeitverlauf sinkt ("Panelmortalität"), ist beim unbalancierten Panel die Stichprobe eines Jahres nicht vollständig mit der des vergangenen Jahres oder der des Folgejahres vergleichbar.11 Das balancierte Panel ist für die Untersuchung der Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise besonders geeignet, da beim balancierten Panel die Stichprobe in jedem Jahr identisch ist und es somit keine Veränderungen in der Stichprobenzusammensetzung geben kann, die die Ergebnisse beeinflussen.12 Vielmehr können im balancierten Panel nur die veränderten Bedingungen, denen sich die Haushalte z.B. aufgrund der Finanzkrise ausgesetzt sehen, zu Verhaltensänderungen führen. Das balancierte Panel wurde durchgehend mit dem Mikrozensus 2008 gewichtet, damit nicht allein schon Änderungen in der Gewichtung die Ergebnisse beeinflussen. Da letztmalig im Jahr 2006 neue Haushalte in die SAVE-Stichprobe aufgenommen wurden, ist die Stichprobe gealtert, junge Leute könnten also tendenziell unterrepräsentiert sein. Dieses Problem kann (zumindest teilweise) durch die Gewichtung kompensiert werden. Der SAVE Datensatz wurde durch ein multiples Verfahren imputiert, um Verzerrungen durch die Nichtbeantwortung bestimmter Fragen (Item-Nonresponse) zu vermeiden.13

Um Aussagen über die Verbreitung der Riester-Verträge und über das angesparte Volumen zu machen, ist es sinnvoll, die Stichprobe auf die relevante Population, also die förderberechtigten Haushalte, zu begrenzen. Ausgeschlossen wurden daher Einpersonenhaushalte, die entweder bereits in Rente sind oder Personen, die Renteneinkommen beziehen, aber noch einer geringfügigen oder gelegentlichen Beschäftigung nachgehen, wie auch Personen, die einer selbständigen Tätigkeit nachgehen, aber keine Landwirte sind.14 Ferner werden alle Mehrpersonenhaushalte ausgeschlossen, wenn beide Personen sich jeweils in einer der obigen drei Kategorien befinden. Insgesamt enthält das balancierte Panel in den Befragungsjahren 2006 bis 2009 jeweils 1139 Beobachtungen.

Verbreitung der Riester-Rente

Die Verbreitung der Riester-Rente kann mit den SAVE-Daten anhand von zwei Größen gemessen werden: Zum einen wird eine "Verbreitungsquote" abgeleitet, indem die Zahl der Haushalte, die mindestens einen Riester-Vertrag haben, ins Verhältnis zur Gesamtheit der in SAVE förderberechtigten Haushalte gesetzt wird (vgl. Abbildung 1). Da in SAVE seit der Befragung 2006 auch nach der Zahl der Verträge am Ende des Vorjahres gefragt wird, kann zum anderen für den Zeitraum Ende 2005 bis Ende 2008 eine "Vertragsquote" bestimmt werden, indem die Zahl der Verträge ins Verhältnis zur Zahl der förderberechtigten Haushalte gesetzt wird (vgl. Abbildung 1). Beide Maßzahlen kommen zum gleichen qualitativen Ergebnis: Nach einem rasanten Anstieg bis Ende 2007, kommt es Ende 2008 zu einem "Knick" im Verbreitungsgrad: So ging die Verbreitungsquote von 35,3% auf 34,2% leicht zurück. Die Vertragsquote ist von 49,4% auf 46,7% gesunken.15 Der stärkere Rückgang der Vertragsquote deutet darauf hin, dass vor allem Verträge in denjenigen Haushalten aufgelöst wurden, die über mehr als einen Riester-Vertrag verfügten.

Stagnierende Verbreitungsquoten könnten auf Sättigungstendenzen hinweisen.16 Dies wäre bei einer Verbreitungsquote von erst einem Drittel sicherlich besorgniserregend. Doch geht diese Stagnation zeitlich genau mit der Finanzkrise einher, was auf einen Sondereffekt schließen lässt. Die Finanzkrise dürfte mithin die Dynamik der Riester-Rente nur unterbrochen haben.

Auswirkungen auf bestimmte Personengruppen

Doch auf welche Personengruppen ist die Stagnation oder gar der Rückgang in der Verbreitung der Riester-Rente zurückzuführen? Um diese Frage zu beantworten, wird im Folgenden die Verbreitung der Riester-Rente unter den förderberechtigten Haushalten nach Alters- und Bildungsgruppen sowie Einkommensquintilen untersucht.

Die Einteilung in Altersklassen wird nach dem Alter der befragten Personen im Jahr 2009 vorgenommen. So soll verhindert werden, dass es mit fortschreitender Zeit zu Verschiebungen in der Zusammensetzung der Altersklassen kommt, dass Haushalte in verschiedenen Jahren also unterschiedlichen Altersgruppen zugeordnet werden. Als Ergebnis der Differenzierung nach Altergruppen zeigt sich: Der Rückgang in der Verbreitung der Verträge ist vor allem bei den älteren Altersgruppen (50- bis 65-Jährige) festzustellen (vgl. Abbildung 2). Hier mag die in den Jahren 2007 und 2008 geführte Diskussion, dass sich die Riester-Rente für Ältere nicht lohne, eine Rolle gespielt haben. Bei jüngeren Haushalten dagegen ist der Befund gemischt: Es kommt je nach Altersklasse sowohl zu schwachen Anstiegen als auch zu leichten Rückgängen.17 Der Rückgang bei den Älteren ist insofern weniger bedenklich, als für diese Altersgruppen die Reduktion des Niveaus der gesetzlichen Rente noch nicht so stark ausfällt wie für die Jüngeren.

Ein Blick auf die Verbreitungsquoten differenziert nach Einkommensquintilen des verfügbaren Haushaltseinkommens zeigt, dass vor allem im zweiten und dritten Einkommensquintil (Q2 und Q3) die Riester-Quote leicht abgenommen hat (vgl. Abbildung 3).18 Personen mit geringeren Einkommen werden sehr stark gefördert, was der Grund dafür sein mag, dass im untersten Einkommensquintil (Q1) weiterhin ein leichter Anstieg zu verzeichnen ist. Insgesamt bleibt aber der grundsätzliche Befund erhalten, dass der Riester-Verbreitungsgrad umso größer ist, je höher die verfügbaren Einkommen der Haushalte sind.19

Auch die Differenzierung nach Bildungsklassen, die hoch mit den Einkommensklassen korreliert sind, zeigt den höchsten Verbreitungsgrad der Riester-Rente bei der Gruppe mit der höchsten Bildung und den niedrigsten Verbreitungsgrad bei der Gruppe mit der geringsten Zahl an Bildungsjahren (vgl. Abbildung 4). Der leichte Rückgang der Verbreitung Ende 2008 ist vor allem in den mittleren Bildungsgruppen festzustellen, was mit dem Befund bei der Differenzierung nach Einkommensklassen konsistent ist.

Zwischenergebnis

Ingesamt kann man als Zwischenergebnis festhalten, dass die Finanzkrise die Dynamik in der Verbreitung der Riester-Rente gestoppt hat. Die Stagnation bzw. der leichte Rückgang der Verbreitung hat vor allem bei den Älteren und bei Haushalten mit mittleren Einkommen sowie bei Haushalten stattgefunden, die mehr als einen Vertrag hatten. Positiv ist, dass der Rückgang nicht auf Vertragsauflösungen in der Gruppe der Haushalte mit den geringsten Einkommen zurückzuführen ist. Die Finanzkrise erzeugt eher nachfrageseitige Hindernisse für die Riester-Rente wie beispielsweise eine geringere Sparfähigkeit durch Kurzarbeit. Deshalb dürften die derzeit viel diskutierten vermeintlichen angebotsseitigen Faktoren für die Stagnation bei der Riester-Rente keine Rolle gespielt haben.20

Der hier festgestellte Befund einer stagnierenden Verbreitung steht im Gegensatz zu der vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) veröffentlichten Zahl der Riester-Verträge, die trotz Krise immer neue Rekorde verzeichnet. Ende des Jahres 2009 waren fast 13,25 Mio. Riester-Verträge registriert (vgl. Abbildung 5). Bezieht man die offiziellen Vertragszahlen auf die Zahl der förderberechtigten Personen21 ergibt sich für Ende 2007 eine Vertragsquote von 27,9%, und für Ende 2008 von 31,5%. Diese Zahlen sind nicht unmittelbar mit den oben aus den SAVE-Daten abgeleiteten Quoten vergleichbar, da dort die Vertragszahlen auf die Zahl der förderberechtigten Haushalte und nicht auf die förderberechtigten Personen bezogen wurden. Ermittelt man mit den SAVE-Daten näherungsweise die Zahl der förderberechtigten Personen und berechnet eine solche "personenbezogene Vertragsquote", ergibt sich für Ende 2007 ein Wert von 29,6%. Damit liegt für 2007 die mit den BMAS-Daten ermittelte Vertragsquote sehr nah an der mit den SAVE-Daten ableitbaren personenbezogenen Vertragsquote. Für Ende 2008 kann man in den SAVE-Daten allerdings auch hier eine Stagnation bzw. einen Rückgang feststellen: auf 27,7%. Bei den BMAS-Zahlen steigt die Quote dagegen weiter auf 31,5% an.

Die Diskrepanz in der Entwicklung zwischen den SAVE-Daten und den BMAS-Zahlen könnte damit begründet werden, dass sich unter den offiziell gezählten Verträgen eine nicht unbeträchtliche Zahl von "Karteileichen" befindet, es sich also um Verträge handelt, die nicht mehr bedient werden und die SAVE-Haushalte diese Verträge deshalb bei der Befragung gar nicht mehr angeben. Auch könnte hier eine Rolle spielen, dass trotz Gewichtung junge Leute in der Stichprobe etwas unterrepräsentiert sind und deshalb in diesem Altersbereich die Zahl der Riester-Renten etwas unterschätzt werden könnte.

Volumen des Riester-Sparkapitals

Für die Analyse des Altersvorsorgeverhaltens und für die Beurteilung, ob die Finanzkrise tatsächlich einen Bruch bewirkt hat, sind nicht nur die Vertragszahlen wichtig, sondern auch die Beträge, die auf den Verträgen angespart werden. Denn nur, wenn ausreichend Kapital angespart wird, kann mit der zusätzlichen privaten Altersvorsorge das Ziel erreicht werden, die erforderliche graduelle Absenkung des Rentenniveaus in der gesetzlichen Rente zu kompensieren.

Betrachtet wird das durchschnittliche Sparvolumen auf den Riester-Konten bezogen auf die Haushalte, die mindestens einen Riester-Vertrag haben. Das durchschnittliche auf den Riester-Konten angelegte Sparkapital hat sich von Ende 2005 bis Ende 2008 nahezu verdoppelt auf nunmehr 2500 Euro (vgl. Abbildung 6). Dabei fällt auf, dass der Anstieg zwischen Ende 2007 und Ende 2008 am größten ausfällt. Dies ist deshalb bemerkenswert, da sich die Vermögensverluste 2008, die sich bei vielen Fondsverträgen ergeben haben, in den ausgewiesenen Kapitalbeständen niederschlagen. Somit muss es starke gegenläufige Effekte gegeben haben, die einen solchen Anstieg des Volumens begünstigt haben. Als erstes ist zu vermuten, dass ein größerer Teil der Haushalte offenbar "die Riester-Treppe mitgeht".22 So wurde der staatlich geförderte Höchstsparbetrag seit 2002 in Stufen erhöht, zuletzt Anfang 2008 auf 4% des sozialversicherungspflichtigen Vorjahresbruttoeinkommens oder maximal 2100 Euro. Viele Haushalte scheinen also die Förderung voll in Anspruch nehmen zu wollen und erhöhten das Sparvolumen. Ein zweiter Grund für den starken Anstieg kann auch die Tatsache sein, dass die oben festgestellten Vertragsstornierungen vor allem solche Verträge betroffen haben, die ohnehin ein geringes Sparvolumen hatten. Eine nähere Analyse der gekündigten Verträge im Vergleich zu den nicht gekündigten Verträgen zeigt tatsächlich, dass die gekündigten Verträge tendenziell ein geringeres Volumen aufwiesen als die Verträge, die weiter bespart werden.23 Ein dritter Grund für den Anstieg kann außerdem eine allgemein größere Altersvorsorgetätigkeit sein. Schließlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Einführung der Abgeltungsteuer zu einer Überzahlung der Verträge bzw. zum Abschluss nicht geförderter Verträge geführt hat.

Die Differenzierung nach Einkommensquintilen zeigt im obersten Quintil einen besonders starken Anstieg, was aber nicht verwunderlich ist, da dieses Quintil, wenn die Haushalte die Riester-Treppe mitgehen und nunmehr 4% ihres Bruttoeinkommens sparen, in absoluten Eurobeträgen ausgedrückt den größten Zuwachs aufweisen muss (vgl. Abbildung 7). Bedenklich ist der Rückgang beim untersten Einkommensquintil. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass diese Gruppe Schwierigkeiten hat, angesichts der Finanzkrise und der damit verbundenen Einkommensrückgänge, z.B. aufgrund von Kurzarbeit, das Sparvolumen auszuweiten. Der Rückgang des Volumens kann allerdings auch ein Spiegelbild des Zuwachses der Vertragszahlen im unteren Einkommensquintil sein (vgl. Abbildung 3). Neue Verträge weisen, da sie erst seit kurzer Zeit bespart werden, grundsätzlich ein niedrigeres Volumen auf, so dass das durchschnittliche Volumen je Riester-Haushalt gedrückt wird, wenn neue Haushalte mit neuen Riester-Verträgen dazukommen. Anders gewendet: Genauso wie in den oberen Quintilen die Vertragsauflösung von Haushalten mit einem geringeren Riester-Volumen zu einem Anstieg des Durchschnittsvolumens pro Riester-Haushalt führen kann, können im untersten Quintil zusätzliche Verträge bei Haushalten, die bisher noch keinen Riester-Vertrag hatten, den Durchschnitt pro Riester-Haushalt drücken, da "junge Verträge" ein geringeres Volumen aufweisen.

Zudem ist darauf hinzuweisen, dass ein Rückgang bzw. eine Stagnation des Volumens nicht bedeutet, dass nichts mehr auf den Riester-Konten angespart wird. Es kann vielmehr auch bedeuten, dass mögliche Wertminderungen (z.B. bei Fonds durch die Finanzkrise) größer bzw. gleich groß sind wie die in einem Jahr aufgebrachte Ersparnis. Somit könnte der Rückgang bzw. die Stagnation im unteren Einkommensquintil allein der Finanzkrise geschuldet sein. Ob es über die Effekte der Finanzkrise hinaus zu einer problematischen Entwicklung gekommen ist, kann erst im Zeitverlauf geklärt werden.

Fazit

Nach einer beachtlichen Dynamik in den Vorjahren stagniert mit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise die Verbreitung der Riester-Verträge unter den SAVE-Haushalten. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich also anscheinend auch auf die Riester-Rente ausgewirkt. Dieser Sondereffekt durch die Finanzkrise gibt aber keinen Anlass, eine generelle Krise der privaten Altersvorsorge zu konstatieren. Die Stagnation bzw. der leichte Rückgang der Verbreitung ist insbesondere bei den Haushalten mit den mittleren und höheren Einkommen festzustellen. Bei dieser Gruppe kann allerdings positiv vermerkt werden, dass das angesparte Volumen je Vertrag überproportional gestiegen ist. Die Haushalte mit den niedrigen Einkommen weisen dagegen eine leichte Abnahme bei den Sparvolumen je Vertrag auf. Hier ist die gute Botschaft aber, dass die Verbreitung der Riester-Rente im untersten Einkommensquintil trotz Finanzkrise weiter zugenommen hat.

 

Die Verfasser danken Prof. Axel Börsch-Supan und Dr. Anette Reil-Held für wichtige Anregungen und Hinweise.

Abbildung 1 (zurück zum Text)
Verbreitung der Riester-Rente unter den förderberechtigten Haushalten
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Vertragsquote: Anzahl der Riester-Verträge relativ zu allen förderberechtigten Haushalten. Verbreitungsquote: Anzahl der "riesternden" Haushalte relativ zu den förderberechtigten Haushalten.

Quelle: SAVE, eigene Berechnung, balanciertes Panel.

Abbildung 2 (zurück zum Text)
Verbreitungsquote der Riester-Verträge nach Altersklassen
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Quelle: SAVE, eigene Berechnung, balanciertes Panel.

Abbildung 3 (zurück zum Text)
Verbreitungsquote der Riester-Verträge nach Einkommensquintilen
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Quelle: SAVE, eigene Berechnung, balanciertes Panel, Durchschnittseinkommensquintile.

Abbildung 4 (zurück zum Text)
Verbreitungsquote der Riester-Verträge nach Anzahl der Bildungsjahre
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Quelle: SAVE, eigene Berechnung, balanciertes Panel.

Abbildung 5 (zurück zum Text)
Anzahl der Riester-Verträge in der Statistik des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales
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Quelle: Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Abbildung 6 (zurück zum Text)
Durchschnittliches Riester-Volumen je Riester-Haushalt

in Euro

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Quelle: SAVE, eigene Berechnung, balanciertes Panel.

Abbildung 7 (zurück zum Text)
Durchschnittliches Riester-Volumen je Riester-Haushalt nach Einkommensquintilen

in Euro

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Quelle: SAVE, eigene Berechnung, balanciertes Panel, Durchschnittseinkommensquintile.

  • 1 Vgl. A. Börsch-Supan, M. Gasche, M. Ziegelmeyer: Auswirkungen der Finanzkrise auf die private Altersvorsorge, MEA Diskussionspapier 193-09, MEA Mannheim 2009.

  • 2Vgl. A. Börsch-Supan, T. Bucher-Koenen, M. Gasche, M. Ziegelmeyer: Deutsche Privathaushalte in der Finanz- und Wirtschaftskrise - Betroffenheit und Reaktionen, MEA-Studie, Nr. 10, Mannheim 2009.

  • 3A. Börsch-Supan, M. Gasche, C. Wilke: Auswirkungen der Finanzkrise auf die Gesetzliche Rentenversicherung, ihre Beitragszahler und ihre Rentner, MEA-Studie, Nr. 9, Mannheim 2009.

  • 4 Vgl. ebenda, Kapitel 7; und A. Börsch-Supan et al.: Auswirkungen der Finanzkrise auf die private Altersvorsorge, a.a.O., Abschnitt 5.

  • 5 Zu diesem Ergebnis kommen auch T. Benz, B. Raffelhüschen, J. Vatter: Finanzmarktkrise und Altersvorsorge - Wie groß sind die Verluste wirklich?, Deutsches Institut für Altersvorsorge, Köln 2009.

  • 6 Vgl. Pressemitteilung der Postbank vom 6.10.2009. Die in Zusammenarbeit mit dem Institut Allensbach erstellte 304-seitige Studie wurde nicht veröffentlicht. In der Pressemitteilung wird ein deutlich nachlassendes Interesse an der Riester-Rente konstatiert. So sagten im Jahr 2008 noch 31% der 16- bis 29-jährigen Berufstätigen, im Alter über Leistungen aus einem privat abgeschlossenen Riester-Vertrag zu verfügen. Im Jahr 2009 betrug dieser Wert nur noch 28%. Die Ursache hierfür wird in Vertragsstornierungen gesehen: Rund 4% der jungen Berufstätigen gaben an, wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise private Riester-Verträge storniert zu haben.

  • 7 Zur Diskussion über die Sinnhaftigkeit der kapitalgedeckten Altersvorsorge, insbesondere der Riester-Rente vgl. A. Börsch-Supan, M. Gasche: Zur Sinnhaftigkeit der Riester-Rente, MEA Diskussionspapier 197-10, MEA Mannheim, Januar 2010.

  • 8Die Dynamik der Riester-Rente und verschiedene andere Aspekte im Zusammenhang mit der Riester-Rente werden unter Verwendung der SAVE-Daten untersucht von M. Coppola, A. Reil-Held: Dynamik der Riester-Rente: Ergebnisse aus SAVE 2003 bis 2009, MEA Diskussionspapier, Mannheim 2010, erscheint demnächst; T. Bucher-Koenen: Financial Literacy and Private Old-age Provision in Germany, MEA Diskussionspapier 192-09, MEA Mannheim, 2009.

  • 9 Vgl. A. Börsch-Supan, M. Coppola, L. Essig, A. Eymann, D. Schunk: The German SAVE Study Design and Results, MEA-Studie, Nr. 6, Mannheim 2009.

  • 10Die Frage nach der Zahl der Riester-Verträge kam erst 2006 hinzu.

  • 11 Die Ergebnisse aus der Analyse des balancierten Panels unterscheiden sich allerdings nur wenig von den Ergebnissen aus der Analyse des unbalancierten Panels. Vgl. dazu: M. Coppola, A. Reil-Held: Dynamik der Riester-Rente: Ergebnisse aus SAVE 2003 bis 2009, a.a.O.

  • 12Beispielsweise würde die Verbreitung der Riester-Rente steigen, wenn vornehmlich Haushalte ohne Riester-Vertrag an der Befragung nicht mehr teilnehmen und deshalb aus der Stichprobe fallen.

  • 13Vgl. M. Ziegelmeyer: Documentation of the logical imputation using the panel structure of the 2003-2008 German SAVE Survey, MEA Diskussionspapier 173-09, MEA Mannheim, 2009; D. Schunk: A Markov Chain Monte Carlo Algorithm for Multiple Imputation in Large Surveys, Advances in Statistical Analysis, 92 (2009), S. 101-114. Auch wenn man alle Analysen auf Basis der beobachteten und nicht imputierten Stichprobe durchführt, bleiben die hier vorgestellten Ergebnisse robust.

  • 14Damit wurden auch förderberechtigte Selbständige ausgeschlossen. Die förderberechtigten Selbständigen stellen jedoch eine deutliche Minderheit in der Gruppe der Selbständigen dar.

  • 15 Während in allen Vorjahren der Anstieg in der Verbreitungsquote und der Vertragsquote vom Vor- auf das Folgejahr immer signifikant zum 1%-Niveau war, kann die Hypothese der Gleichheit der Quoten Ende 2007 im Vergleich zu Ende 2008 nicht verworfen werden.

  • 16Vgl. M. Coppola, A. Reil-Held: Dynamik der Riester-Rente: Ergebnisse aus SAVE 2003 bis 2008, MEA Diskussionspapier 194-09, MEA Mannheim, Dezember 2009.

  • 17Wenn man das Alter nicht auf das Jahr 2009 normiert, sondern das Alter im jeweiligen Jahr betrachtet, sind die Ergebnisse sehr ähnlich.

  • 18Um auch hier zu vermeiden, dass sich die Zuordnung der Haushalte zu den einzelnen Quintilen im Zeitverlauf ändert, wurde die Einteilung in Einkommensquintile nach Maßgabe des über den Betrachtungszeitraum erzielten durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens vorgenommen.

  • 19Vgl. M. Coppola, A. Reil-Held: Dynamik der Riester-Rente: Ergebnisse aus SAVE 2003 bis 2008, a.a.O.

  • 20Zu dieser Diskussion vgl. z.B. K. Hagen, A. Reisch: Riesterrente: Politik ohne Marktbeobachtung, in: DIW Wochenbericht, Nr. 8/2010, S. 2-14.

  • 21 Fasshauer und Toutaoui quantifizieren die Zahl der unmittelbar und mittelbar förderberechtigten Personen in Bezug auf eine Riester-Rente auf 38 613 618 Personen Ende 2007. Vgl. S. Fasshauer, N. Toutaoui: Die Zahl des förderberechtigten Personenkreises der Riester-Rente - eine Annährung, Deutsche Rentenversicherung 6/2009, S. 478-486. Geht man davon aus, dass sich diese Zahl bis 2009 nur geringfügig verändert hat, so wird nunmehr eine Abdeckung auf Personenebene von etwa 34,5% erreicht. Diese Quote stellt allerdings einen Maximalwert dar, da eine Person auch mehrere Riesterverträge haben kann.

  • 22 Vgl. dazu auch U. Stolz, C. Rieckhoff: Beitragsjahr 2006: Erstmals mehr als eine Milliarde Euro Zulagenförderung durch die ZfA, in: RV-aktuell, 11/2009, S. 379.

  • 23 So hatten die 2008 gekündigten Verträge Ende 2007 ein Sparvolumen von durchschnittlich etwa 1750 Euro, die nicht gekündigten dagegen von rund 2150 Euro. Die Unterschiede verfehlen knapp das 5%-Signifikanzniveau.


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