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90. Jahrgang, 2010, Heft 7 · S. 451-453

Analysen und Berichte

Der Nationale Wohlfahrtsindex und die Diskussion um eine Ergänzung zum BIP

Anmerkungen zum Beitrag von P. M. von der Lippe und C. C. Breuer

Hans Diefenbacher, Roland Zieschank

Prof. Dr. Hans Diefenbacher ist apl. Prof. am Alfred-Weber-Institut für Wirtschaftswissenschaften der Universität Heidelberg und stellvertretender Leiter der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) Heidelberg.

Roland Zieschank ist Dipl.-Verwaltungswissenschaftler an der Forschungsstelle Umweltpolitik der Freien Universität Berlin.

Mit ihrem Beitrag in dieser Ausgabe des Wirtschaftsdienst haben von der Lippe und Breuer eine Diskussion nicht nur um die Machbarkeit, sondern auch um den Sinn von neuen Kenngrößen entfacht, die Defizite des BIP thematisieren und eine andere Zielrichtung haben. Die ins Grundsätzliche gehende Kritik der beiden Autoren richtet sich gegen Überlegungen, die im Anschluss an den so genannten Stiglitz-Report vorgebracht würden und zu einem großen Teil auf zwei Missverständnissen beruhen würden: dem Sinn des Produktionsbegriffes der Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung und der Rolle der amtlichen Statistik.

Explizit wird auch gegen den von uns vorgestellten "Nationalen Wohlfahrtsindex" (NWI) argumentiert, dass er von der methodischen Seite her fiktiv, willkürlich und normativ bzw. mit Werturteilen aufgeladen sei und politisch alle Aussagen von zweifelhafter Überzeugungskraft seien (S. 447-449). Hinzu kommen einige, aus der Tiefe methodischer Detailfragen eruptiv aufsteigende Äußerungen zur Intention unserer Arbeit, auf die wir nicht gedenken, näher einzugehen, sondern es mit einem Hinweis auf die Wissenschaftsfreiheit bewenden lassen (jedenfalls kann sich der Leser selbst ein Bild machen, ob mit dem NWI eine "autoritäre Variante der Statistik" vorliegt, die "Wertvorstellungen diktiert" und "kennzeichnend für bestimmte Regierungsformen" sei.)

Folgende Hinweise sind uns wichtig

Wir haben uns bereits mit der Rolle des BIP und möglichen Ergänzungen befasst, bevor die von dem französischen Staatspräsidenten Sarkozy beauftragte Kommission ihre Arbeit aufgenommen hatte. Deshalb liegen für Deutschland auch erste, aber sicherlich verbesserungswürdige empirische Berechnungen vor.

Die Kritik an Defiziten der traditionellen Wachstumskennziffern ist in der Tat nicht neu, im Unterschied zu den Anfängen um Nordhaus/Tobin während der 70er Jahre zieht sie aber nun Kreise und Folgen nach sich. Unsere Arbeiten zur Konzeption eines Nationalen Wohlfahrtsindexes stehen in einem anderen als dem unterstellten Kontext des periodischen Problematisierens, den von der Lippe und Breuer vermuten: Auftraggeber unserer Studie war das Umweltbundesamt als beratende Einrichtung des bundesdeutschen Umweltministeriums. Der Kontext ist auch nicht die VGR, sondern die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung. Gegen das BIP als Teil der VGR und die amtliche Statistik als solche sind unsere Arbeiten überhaupt nicht gerichtet, um dies klarzustellen. Aber die Frage muss erlaubt sein, ob eine einfache und fraglose Übernahme des BIP in eine Strategie nachhaltiger Entwicklung sachlich angemessen und zukunftsträchtig ist.

Bedeutung des BIP als Kennzahl

Von der Lippe und Breuer haben zunächst einmal natürlich recht, dass "kein ernstzunehmender Statistiker je behauptet hat, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) bringe in einer zusammenfassenden Zahl alles das zum Ausdruck, was subjektiv oder objektiv wünschbar oder nützlich sei". Das Problem ist nur, dass die Zunft der Wirtschaftswissenschaftler und der Statistiker es ohne großen Widerstand hat geschehen lassen, dass das BIP von Politikern, Medien und Öffentlichkeit in den letzten dreißig Jahren immer mehr zur zentralen Leitgröße der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik schlechthin gemacht worden ist. Was dem BIP-Wachstum nützt, lässt sich politisch vorzeigen, was ihm vielleicht sogar schadet - wie eine Orientierung an vorsorgend umweltschonendem Verhalten, von Strategien der Suffizienz ganz zu schweigen - wird fast immer nachrangig behandelt. Was das BIP steigert, ist gut für das Land: viele Legislaturperioden wurde und wird nach dieser Maxime gehandelt.

Von der Lippe und Breuer bezeichnen das BIP als "Maß der Wirtschaftsleistung". Hier wäre eine kleine Korrektur angebracht: Das BIP ist ein Maß der über den Markt vermittelten ökonomischen Wertschöpfung - wobei über die Jahre hinweg in die Berechnungsmodalitäten zahlreiche Ausnahmetatbestände aufgenommen wurden: So werden etwa Schätzwerte für den Wert landwirtschaftlicher Eigenproduktion, für den Mietwert selbst bewohnter Immobilien oder ein Wertansatz für intermediäre Finanzdienstleistungen hinzugerechnet, aber eben kein Wert für die Wertschöpfung durch Hausarbeit - von v.d.Lippe und Breuer bezeichnenderweise "Hausfrauentätigkeit" genannt - oder für ehrenamtliche Tätigkeiten. Es ist also keineswegs so, dass die Berechnungsmethode des BIP in allen Einzelheiten einer klaren und stringenten Theorie folgen könnte, sondern sie muss als Ergebnis einer Konvention betrachtet werden. Damit ist es nicht nur das Problem der Alternativrechnungen, dass es "kein Kriterium für Vollzähligkeit der berücksichtigten Aspekte" (v.d.Lippe/Breuer, S. 445, Fn. 4) gibt, sondern dies ist auch ein Problem des BIP selbst, wie auch das Problem der Festlegung angemessener Bewertungsverfahren. Auch das BIP beruht auf Werturteilen - selbst wenn man ihm das vielleicht nicht so schnell anmerkt.

Was uns vorgeworfen wird, eine ganze Reihe an Werturteilen in die Konstruktion des NWI einzubauen, ist uns durchaus bewusst: Im Rahmen eines explizit normativen Politikkonzeptes, wie es die meisten OECD-Staaten mit ihren Nationalen Strategien für eine Nachhaltige Entwicklung vorlegen, ist dies sogar unvermeidlich. Anders lassen sich beispielsweise die Teilvariablen für ein Indikatorenset nicht auswählen oder die ökologischen Schäden von Emissionen nicht bilanzieren. Wer sich mit neuerer Wissenschaftstheorie (als Stichwort sei nur einmal "post normal science" genannt) befasst, weiß, dass aus der Not aber eine Tugend der Transparenz gemacht werden kann: Die ökonomische Bewertung von Teilvariablen wie ehrenamtliche Arbeit, Ersatzkosten für den (heutigen) Verbrauch nicht-erneuerbarer Ressourcen und die "subjektiven" Entscheidungen bei der Aggregierung von Teilvariablen zu einem komplexen Index müssen natürlich begründet werden und sollten nachvollziehbar sein.

Scheut man hier als Statistiker zurück - was verständlich ist -, hätten solche ergänzenden Wohlfahrtsmaße aber nie aufgebaut werden können.1 Hier besteht aber gerade aus den genannten Anforderungen eine Arbeitsteilung zwischen der amtlichen Statistik mit ihren VGR-Berechnungen und der Arbeit von Forschungsprojekten, ohne die Konzepte wie der NWI indessen nicht vorliegen würden.

Das BIP war sicher nicht als Wohlfahrtsmaß gedacht, wird jedoch weithin außerhalb der Fachwissenschaft implizit als ein solches verwendet. Daher besteht das Diskussionsangebot, das wir mit dem Nationalen Wohlfahrtsindex (NWI) unterbreiten, schlicht und einfach darin zu zeigen, dass ein Gesamtindex, in den explizit wohlfahrtsrelevante Entwicklungen aufgenommen werden, unter Umständen einen anderen Verlauf als das BIP nehmen kann. In den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden einige prominente Berechnungen durchgeführt, die zu dem Ergebnis kamen, dass aus bestimmten, wohlfahrtstheoretisch begründeten Korrekturen des BIP keine signifikanten Änderungen des Kurvenverlaufs folgten.2 Daraus wurde die Schlussfolgerung gezogen, dass das BIP auch als "Ersatz-Wohlfahrtsindikator" genommen werden könne. Wir greifen also nicht das BIP an, sondern widerlegen die Gültigkeit dieser Schlussfolgerung für unsere Zeit.

Von der Lippe und Breuer verwenden viel Mühe darauf zu zeigen, dass "ein Wohlfahrtsmaß nicht auf Augenhöhe mit dem BIP ist". Für eine detaillierte Kommentierung der einzelnen Kritikpunkte an der Berechnung des NWI ist im Rahmen dieser Anmerkungen kein Raum - wer sich im Einzelnen mit dem Konzept des NWI befassen möchte, sei hier auf die Originalstudie verwiesen.3

Die Ursache für die Heftigkeit der Reaktion der beiden Autoren könnte unseres Erachtens in einer zunächst unbegründeten Furcht liegen: Wir wollen das BIP gar nicht ersetzen, wie von der Lippe und Breuer wiederholt vermuten, und wir beanspruchen noch nicht einmal die Deutungshoheit in Sachen Wohlfahrtsmessung. Im Gegenteil: Die Tatsache, dass nicht nur durch die Arbeit der Stiglitz-Kommission sondern in vielen Ländern und internationalen Organisationen wie der OECD eine neue Diskussion um statistische Methoden der Wohlfahrtsmessung entstanden ist,4 macht deutlich, dass es für eine national oder gar international abgestimmte Version zur Messung von Wohlfahrt oder gar des gesellschaftlichen Fortschritts sicherlich noch zu früh wäre.

Die internationale Diskussion intensiviert sich

Auf der anderen Seite haben aber auch die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen einen Zeitraum von über 60 Jahren gebraucht, bis sie das ökonomisch-datenmäßige Gerüst wurden, was sie nun sind - und um dann zu erkennen, dass es sinnvoll ist, sie um "Umweltökonomische Gesamtrechnungen" zu ergänzen. Die Debatte um die verschiedenen Konzepte der Messung von Wohlfahrt und Fortschritt wird die internationale Diskussion um die Zielsetzung von Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik jedoch verändern, auch die Diskussion innerhalb der Fachstatistik - daran besteht schon jetzt kein Zweifel mehr. Insofern scheint die Schlussthese von der Lippes und Breuers gänzlich antiquiert, denn es besteht erheblicher Bedarf an statistischen Informationen "jenseits des BIP".

Für diejenigen, die sich aufgrund der bestehenden methodischen und datenmäßigen Schwächen bei neuen Kenngrößen für eine skeptische Haltung entscheiden, ist nichts verloren. Niemand braucht ergänzende Indizes wie den NWI zu berücksichtigen, wenn er mit den Aussagen und methodischen Arbeitsschritten der BIP-Berechnung völlig zufrieden ist.

Von der Lippe und Breuer interpretieren aber selbst den Stiglitz-Report aus einer zu selbstsicheren Haltung - um ein letztes Mal auf dieses von mehreren Nobel-Preisträgern und hochrangigen Ökonomen besetzte Komitee zu rekurrieren - wenn sie konstatieren, dass man den Report "nicht als Aufruf verstehen (kann), ‚Statistik' neu zu erfinden". Denn der Namensgeber hat persönlich konstatiert: "It's about nothing less than changing the basic global paradigm of progress for people and nations, from production to equitable and sustainable wellbeing."

  • 1 In einem bemerkenswerter Weise mit dem Statistischen Bundesamt durchgeführten Forschungsvorhaben sind in seltener Systematik die "normativen Stufen" bei der Auswahl und Bildung von Teilvariablen, deren Aggregation und Interpretation beschrieben worden, siehe: Statistisches Bundesamt/Forschungsstelle für Umweltpolitik der Freien Universität Berlin/Ökologiezentrum Kiel: Makroindikatoren des Umweltzustandes, Band 10 der Schriftenreihe Beiträge zu den Umweltökonomischen Gesamtrechnungen, Wiesbaden 2002 (=Endbericht des BMBF-Forschungsprojektes: Hochaggregierte Umweltzustandsindikatoren auf Basis naturwissenschaftlicher Modelle, statistischer Aggregationsverfahren und gesellschaftlicher Entscheidungsprozesse).

  • 2 Vgl. u.a. W. Nordhaus, J. Tobin: "Is Growth Obsolete?", in: National Bureau of Economic Research (Hrsg.): Economic Growth, NBER General Series Nr. 96E, New York 1972, Columbia University Press; NNW-Measurement Committee, Economic Council of Japan: Measuring Net National Welfare of Japan, Tokyo 1973, Bureau of Statistics; X. Zolotas: Economic Growth and Declining Social Welfare, Athen 1981, Bank of Greece.

  • 3 H. Diefenbacher, R. Zieschank: Wohlfahrtsmessung in Deutschland - ein Vorschlag für einen nationalen Wohlfahrtsindex, Heidelberg/Berlin 2009, FEST/FFU, englisch unter dem Titel "Measuring Welfare in Germany - a suggestion for a new welfare index", im Internet unter http://www.umweltbundesamt.de/uba-info-medien/mysql_medien.php?anfrage=Kennummer&Suchwort=3902 englisch unter http://www.umweltbundesamt.de/uba-info-medien-e/mysql_medien.php?anfrage=Kennummer&Suchwort=3903

  • 4 Als Überblick und Einstieg vgl. www.beyond-gdp.eu.


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