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90. Jahrgang, 2010, Heft 8 · S. 501-502

Frauenerwerbstätigkeit : Wertewandel in der Gesellschaft?

Andreia Tolciu

Vor dem Hintergrund einer immer älter werdenden Bevölkerung und dem damit verbundenen anteiligen Rückgang der Erwerbstätigen gewinnt in der aktuellen politischen Diskussion eine nachhaltige Familienpolitik immer mehr an Bedeutung. Ziel dieser Politik ist neben einer Erhöhung der Geburtenrate, um der demografischen Entwicklung entgegenzuwirken, auch eine Steigerung der Frauenerwerbstätigkeit, um den zukünftigen Arbeits- bzw. Fachkräftemangel zu vermeiden oder zumindest abzumildern.

Untersuchungen zufolge ist das Potenzial an weiblichen Arbeitskräften im Vergleich zu Männern trotz wachsender Erwerbsbeteiligung der Frauen (von 1991 bis 2004 legte die Quote der weiblichen Erwerbstätigen um knapp 1,5 Prozentpunkte zu) kaum ausgeschöpft. Wenngleich die Zahl berufstätiger Frauen in Deutschland leicht angestiegen ist, hat deren Arbeitsvolumen insgesamt nicht zugenommen. So ist die Zahl der Frauen, die einer Vollzeittätigkeit nachgehen, gesunken, während zugleich viele eine Teilzeitarbeit oder eine geringfügige Beschäftigung aufgenommen haben. Erklärungen für diese ungleiche Arbeitsmarktpartizipation sind in erster Linie in den unterschiedlichen Lebensentwürfen von Frauen und Männern zu suchen. Diese werden nicht nur durch eigene sozioökonomische Merkmale und aktuelle berufliche Konstellationen, sondern auch durch soziale und kulturelle Prägungen bestimmt.

Studien zufolge beeinflusst ein traditionell geprägtes Umfeld, in dem die Frau hauptsächlich zu Hause bleibt und sich um die Erziehung der Kinder sowie den Haushalt kümmert, ihr Erwerbsverhalten negativ. Frauen, die in einem solchen Familienbild verwurzelt sind, verändern ihr Erwerbsmuster kaum, selbst wenn "äußere Anlässe" wie zum Beispiel eine günstige Arbeitsmarktlage dies fördern würden. In diesem Zusammenhang steht auch die Erkenntnis, dass sich ein in bestimmten Regionen vorherrschendes traditionelles Verständnis der Frauenrolle in einer niedrigen regionalen Frauenerwerbsquote widerspiegelt.

In den letzten zwanzig Jahren haben sich die Erwerbsrollen und Lebensentwürfe der deutschen Bevölkerung kaum verändert. Weiterhin lässt sich in Deutschland ein Ost-West-Gefälle in den Wertevorstellungen zur Rolle der Frau erkennen. Dabei gilt, dass Westdeutsche sich im Hinblick auf die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau und die Konsequenzen der Frauenberufstätigkeit für die Familie immer noch traditioneller äußern als Ostdeutsche. Dies ist durch die früheren unterschiedlichen sozialen, kulturellen und ökonomischen Kontextbedingungen erklärbar, die in Ost- und Westdeutschland vorherrschten. Offensichtlich beeinflussen diese Prägungen selbst lange Zeit nach der Wiedervereinigung sowohl das Arbeitsmarktverhalten als auch die Arbeitseinstellungen der deutschen Bevölkerung.

Die Erkenntnisse über die unterschiedlichen Ausprägungen der Einstellung zur Frauenrolle in der Gesellschaft, als auch jene über die Relevanz von Normen auf dem Arbeitsmarkt, signalisieren besonders den politischen Entscheidungsträgern, dass sie zukünftig nicht nur arbeitsmarktspezifische Maßnahmen zur Erhöhung der Frauenerwerbstätigkeit im Blick haben, sondern vermehrt auch die vorherrschenden Einstellungen und sozialen Normen berücksichtigen müssen. Wenn politische Entscheidungen erfolgreich umgesetzt werden sollen, muss dies gleichzeitig auch mit einer Leitbildveränderung im Sinne eines Wertewandels einhergehen, die von allen Bevölkerungsgruppen gleichermaßen getragen wird.

Andreia Tolciu

Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut

tolciu@hwwi.org


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