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90. Jahrgang, 2010, Heft 8 · S. 500-501

Modelle der Studienförderung: Cui bono?

Lena Ulbricht

Seit Beginn der Legislaturperiode scheidet die Studienförderung die Geister: Die Regierungsparteien setzen sich für einen massiven Ausbau des Stipendiensystems ein mit dem Ziel, akademische Exzellenz zu fördern. Die Oppositionsparteien kritisieren dies als Reichenförderung. Sie ziehen es vor, die Bedürftigkeit der Studierenden in den Vordergrund zu stellen. Im BAföG sehen sie das wichtigste Förderinstrument und fordern einen massiven Ausbau. Wer profitiert von den verschiedenen Modellen? Und welche Ziele verfolgen diese?

Das BAföG kann von fast allen Studierenden in Deutschland beantragt werden und wird nach Bedarf, d.h. abhängig vom Einkommen der Eltern gewährt. Da der Empfängerkreis groß ist und neben Mindestkriterien für die Studiendauer keine Leistungsansprüche gestellt werden, ist es von allen Förderinstrumenten am stärksten sozialpolitisch ausgerichtet. Durch seine jugendpolitische Orientierung ist es jedoch klar limitiert: Begrenzungen bezüglich des Alters, des Verdienstes und der Studiendauer schließen ältere Studierende weitgehend aus.

Stipendien, die über die sogenannten Begabtenförderwerke vergeben werden, richten sich an begabte Studierende, die gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Auch hier bemisst sich die Höhe des Stipendiums am Einkommen der Eltern, hinzu kommen Büchergeld sowie ein ideelles Förderangebot. Neben akademischen Leistungen ziehen die Förderwerke weitere Kriterien für die Auswahl der Empfänger heran, wie Persönlichkeit, Entwicklungspotenzial und gesellschaftliches Engagement. Hier finden sich Unterschiede zwischen den Stiftungen: Die häufig als sozial besonders selektiv kritisierte Studienstiftung des Deutschen Volkes ist nur eine unter vielen. Die Hans-Böckler-Stiftung bemüht sich z.B. besonders um Studierende, deren Eltern keine Akademiker sind, und die Heinrich-Böll-Stiftung gibt an, sich u.a. besonders für die Förderung von Studierenden mit Migrationshintergrund einzusetzen, usw. Wie erfolgreich diese Bemühungen sind, soziale Selektivität abzubauen, kann pauschal nicht beurteilt werden. Eine Studie hat jedoch an den Tag gebracht, dass die Stipendien der Begabtenförderwerke überwiegend an Studierende mit Akademikereltern gehen.

Das geplante Stipendienprogramm der Bundesregierung zeichnet sich dadurch aus, dass die Stipendien von den Hochschulen nach eigens bestimmten Kriterien vergeben werden. Hierfür erhalten diese staatliche Mittel, die sie mithilfe von Geldgebern aus der Wirtschaft aufstocken müssen. Letztere können ihre Gelder zweckgebunden vergeben. Die Chance auf ein solches Stipendium hat somit nur, wer an einer Hochschule studiert, der die Gewinnung externer Mittel gelingt. Hier sind regionale Ungleichheiten sowie Unterschiede zwischen Studienfächern zu erwarten. Je nach Ausrichtung der Hochschule ist damit zu rechnen, dass diese Stipendien mehr oder weniger einseitig nach akademischen Kriterien vergeben werden. Da die Hochschulen ein institutionelles Interesse an exzellenten Studierenden haben, wird die soziale Komponente bei der Vergabe vermutlich gering sein.

Es wird deutlich, dass eine zweidimensionale Bewertung der Förderlandschaft nicht angemessen ist: Das BAföG ist als sozialpolitisches Instrument systematisch ungenügend, und die Begabtenförderung hat nicht nur das Ziel, begabten Personen das Studium zu ermöglichen, sondern will explizit auch die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung fördern. Das neue Stipendiensystem legt zudem offen, dass es bei der Förderpolitik nicht nur darum geht, wer die Förderung am meisten verdient hat, sondern dass es auch um die Gewinnung neuer Geldgeber geht.

Lena Ulbricht

WZB - Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

lena.ulbricht@wzb.eu


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