Ein Service der

Inhalt

91. Jahrgang, 2011, Heft 10 · S. 656

Langzeitarbeitslosigkeit: Fortschritte nicht gefährden

Sabine Klinger, Thomas Rothe

Der Bundestag hat Ende September ein "Gesetz zur Verbesserung der Eingliederungschancen am Arbeitsmarkt" verabschiedet, das Vereinfachungen, aber auch Kürzungen der aktiven Arbeitsmarktpolitik vorsieht. Auf den ersten Blick scheint der Sparkurs mit expliziter Betonung der Effektivität und Effizienz von Maßnahmen vernünftig zu sein. Denn seit 2005 ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland von über 5 Mio. auf unter 3 Mio. gesunken, die Langzeitarbeitslosigkeit sank sogar um mehr als 40% auf 960 000. Selbst die globale Wirtschaftskrise im Winter 2008/09 hatte nur geringe und temporäre Auswirkungen auf die Arbeitslosigkeit. Kennt der deutsche Arbeitsmarkt derzeit nur Gewinner?

Ganz so einfach ist es nicht. Zum einen mag sich so mancher Arbeitslose nicht als Gewinner fühlen, wenn er zunächst nur eine subventionierte oder befristete Beschäftigung oder Zeitarbeit findet. Und dennoch: Diese Erwerbsformen sind nützlich, denn der Weg aus der Abhängigkeit von sozialen Leistungen sollte immer oberste Priorität haben. Zum anderen wird die neue Flexibilität am Arbeitsmarkt häufig den Arbeitnehmern abverlangt, vor allem den größer gewordenen Randbelegschaften. Die flexibler gestalteten Institutionen am Arbeitsmarkt sollten weiterhin durch aktive Politik flankiert werden, damit sich durch die höhere Fluktuation entstandene Arbeitslosigkeit auch dann nicht verfestigt, wenn eine konjunkturelle Flaute länger währt. Dies gilt umso mehr, als der demografische Wandel die Knappheit von Arbeitskräften erhöhen wird.

Doch nicht nur die Beschäftigung, auch die Arbeitslosigkeit ist zweigeteilt: Auf der einen Seite gibt es gut ausgebildete Personen, die im Zuge der üblichen Dynamik arbeitslos werden, aber schnell wieder eine adäquate Stelle finden. Bei dieser Gruppe ist der Einsatz arbeitsmarktpolitischer Instrumente umstritten und die Wirkung häufig sogar negativ. Zudem erscheinen die Möglichkeiten begrenzt, Arbeitslosigkeit noch wesentlich durch eine Verkürzung der Suchdauern zu verringern. Um strukturelle Arbeitslosigkeit weiter abzubauen, muss bei der Langzeitarbeitslosigkeit angesetzt werden. Trotz aller Bemühungen bleibt jeder dritte Arbeitslose langfristig von der Teilhabe am Erwerbsleben ausgeschlossen. Häufig sind die Betroffenen zu gering oder nicht mehr zeitgemäß qualifiziert, um gegen die starke Konkurrenz um Arbeitsplätze zu bestehen. Aber auch Alleinerziehende, Ältere und Arbeitslose mit gesundheitlichen Einschränkungen sind oft von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen.

Zielgruppenspezifische Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik können helfen, Qualifikationen zu erwerben oder die anfangs geringere Leistungsfähigkeit von Langzeitarbeitslosen mittels befristeter Lohnkostenzuschüsse auszugleichen. Vor allem Eingliederungszuschüsse und betriebliche Trainingsmaßnahmen erhöhen die Beschäftigungschancen. Wichtig sind darüber hinaus spezifische Programme für Langzeitarbeitslose mit psychischen und gesundheitlichen Problemen und die Förderung von Beschäftigungen mit flexiblen Arbeitszeiten, um die Vereinbarkeit von familiären Bedürfnissen und Erwerbsarbeit zu ermöglichen. Dies alles sinnvoll zuzuordnen, setzt eine angemessene Betreuungsrelation voraus, sodass sich die Vermittler vor Ort mit der spezifischen Situation der Langzeitarbeitslosen auseinandersetzen können.

Um die erzielten Erfolge beim Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit nicht zu gefährden, sollten auch in Zeiten des Sparens nachweislich wirksame Fördermaßnahmen angeboten werden. Dies gilt gerade für innovative, auf die Problemlagen der arbeitsmarktfernen und benachteiligten Personen zugeschnittene Ansätze. Denn erfolgreiche Maßnahmen gegen Langzeitarbeitslosigkeit entlasten den Etat zwar nicht immer sofort, dafür aber nachhaltig.

Sabine Klinger, Thomas Rothe

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)

Sabine.Klinger@iab.de, Thomas.Rothe@iab.de


Kommentare zu diesem Artikel

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Ihr Kommentar

Wir freuen uns über Ihren Kommentar.
Die Redaktion behält sich vor Beiträge, die diffamierende Äußerungen enthalten oder sich eines unangemessenen Sprachstils bedienen, nicht zu veröffentlichen.

SPAM-Schutz * Welcher Buchstabe fehlt im folgenden Wort?