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91. Jahrgang, 2011, Heft 12 · S. 858-862

Analysen und Berichte

Methoden der empirischen Makroökonomik

Zum Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften an Thomas Sargent und Christopher Sims

Michael Berlemann

Selten hat die Vergabe des Preises für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank eine so kritische Diskussion ausgelöst wie in diesem Jahr. Während das Preiskomitee die Leistungen von Thomas Sargent und Christopher Sims auf dem Gebiet der empirischen Makroökonomik würdigt, sehen Kritiker in ihnen Mainstream-Theoretiker, die Politikineffektivität predigen und an effiziente Märkte glauben. Nach ihrer Auffassung ist die Vergabe gerade vor dem Hintergrund der Finanzkrise der letzten Jahre hochgradig problematisch. Hat sich das Preiskomitee tatsächlich geirrt oder ist die Kritik letztlich unberechtigt?

Prof. Dr. Michael Berlemann ist Lehrstuhlinhaber für Politische Ökonomik und Empirische Wirtschaftsforschung an der Helmut Schmidt Universität in Hamburg.

Die diesjährige Verleihung des Preises für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel an die beiden amerikanischen Makroökonomen Thomas Sargent und Christopher Sims ist in Teilen der Fachöffentlichkeit1 und der Fachpresse2 auf Unverständnis gestoßen. Im Kern argumentieren die Kritiker, dass die Ehrung von Sargent und Sims nicht in die Zeit passe. Es würden hier sogenannte "Mainstream-Ökonomen" ausgezeichnet, die mit ihrem Glauben an freie und friktionslos funktionierende Märkte und perfekt informierte und stets rationale Individuen nicht nur falsch gelegen hätten, sondern sogar dazu beigetragen hätten, dass sich die Welt seit nunmehr drei Jahren im Würgegriff einer von Volkswirten rund um den Globus nicht vorausgesehenen globalen Finanzkrise befände. Zudem sei die grundlegende Schlussfolgerung der Ineffektivität der Wirtschaftspolitik, die insbesondere aus den Arbeiten von Sargent resultiere, ein wirtschaftspolitisches Irrlicht und durch das Handeln vieler Staaten in der Krise längst widerlegt.

Was ist von dieser Argumentation zu halten? Hat sich das Preiskomitee tatsächlich in seiner Wahl vergriffen oder ist das Werk von Sargent und Sims doch preiswürdig? Im vorliegenden Beitrag sollen zunächst die wichtigsten Arbeiten von Sargent und Sims auf dem Gebiet der empirischen Makroökonomik skizziert werden. Der Beitrag schließt mit einer Würdigung und einigen Überlegungen, warum die diesjährige Wahl so vergleichsweise kontrovers aufgenommen wurde.

Sargent und Sims als empirische Makroökonomen

Die 39 Seiten umfassende Begründung der Ehrung von Sargent und Sims durch das Economic Science Prize Committee of the Royal Swedish Academy of Sciences ist mit dem Titel "Empirical Macroeconomics" versehen. Schon hierin kommt deutlich zum Ausdruck, worin das Komitee die wesentliche Leistung der beiden Honoratioren sieht: in der Entwicklung und Anwendung bedeutender empirischer Methoden der Erforschung gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge. Auch wenn die Analyse hierauf nicht verengt werden sollte, steht dabei die Wirkung von Geld- und Fiskalpolitik auf die Arbeitslosigkeit, die Inflationsrate und das Wirtschaftswachstum im Vordergrund. Sargent und Sims, die beinahe gleich alt sind und deren wissenschaftliche Karrieren erhebliche Parallelen und direkte Berührungspunkte aufweisen (vgl. Box 1 und Box 2), haben sich insbesondere mit Fragen der empirischen Erforschung von Ursache und Wirkung und in diesem Zusammenhang unter anderem mit der Rolle von Erwartungen der Wirtschaftsteilnehmer beschäftigt. Bis in die frühen 70er Jahre blieb die Rolle von Erwartungen der Marktteilnehmer über die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung in der theoretischen und empirischen Analyse wirtschaftspolitischer Maßnahmen unberücksichtigt.3 Zwar lieferten die Arbeiten von Milton Friedman, Robert Lucas und Edmund Phelps die theoretischen Argumente, warum die Nichtberücksichtigung von Erwartungen zu erheblichen Fehlschlüssen führen kann (so z.B. wenn eine systematische Veränderung der Wirtschaftspolitik auch Veränderungen der Erwartungen der Marktteilnehmer über die Politik und damit Verhaltensänderungen induziert). Geeignete Methoden, Erwartungsbildungsprozesse in empirischen Untersuchungen adäquat zu berücksichtigen, gab es aber zunächst nicht. In der Entwicklung und Anwendung dieser Methoden sieht das Nobelpreiskomitee die preiswürdige Leistung von Sargent und Sims. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Sargent und Sims dabei auf unterschiedliche Ansätze gesetzt haben, die sich zwar prinzipiell ineinander überführen lassen, von der Grundidee her allerdings eher komplementär sind. Während Sargent auf strukturelle Modelle setzt, kommt die von Sims entwickelte Vektor-Autoregression (VAR) im Grundsatz zunächst einmal weitgehend ohne Annahmen über die Struktur einer Volkswirtschaft aus.

Strukturelle Ökonometrie

Die durch die monetaristische und die neuklassische Theorie initiierte intensivere Beschäftigung mit Erwartungsbildungsprozessen ließ in der Volkswirtschaftslehre zunehmend die Auffassung reifen, dass die Arbeit mit makroökonomischen Modellen der reduzierten Form wenig zielführend ist, da in solchen Modellen Erwartungsbildungsprozesse nicht oder nur unzureichend abgebildet werden können. Es wurde zunehmend die Forderung laut, dass die Makroökonomik mikrofundiert werden solle. Das eine Gesamtwirtschaft beschreibende Modell müsse aus mikroökonomischen Verhaltenskalkülen der Marktteilnehmer hergeleitet werden, die für sich genommen unabhängig von der eingeschlagenen Wirtschaftspolitik seien. Nur dann könne die Wirkung einer systematischen Veränderung der Wirtschaftspolitik analysiert werden.

Die Problematik dieses Ansatzes liegt darin, dass - um die Wirkung wirtschaftspolitischer Maßnahmen abschätzen zu können - auch die Parameter der Verhaltensgleichungen (die sogenannten "deep, policy-rubust parameters") geschätzt werden müssen, wofür zunächst keine adäquate Methodik zur Verfügung stand. An dieser Stelle setzt der zentrale Beitrag Sargents an. In einer Reihe von Arbeiten4 zeigte er, dass sich auch mikrofundierte makroökonomische Modelle, die Erwartungsbildungsprozesse explizit berücksichtigen, oft so lösen lassen, dass sie danach mit relativ einfachen ökonometrischen Methoden geschätzt werden können. Die Schwierigkeit dieses Vorhabens liegt darin, dass die Parameter der Verhaltensgleichungen typischerweise gleich in mehreren der zu schätzenden makroökonomischen Bestimmungsgleichungen auftauchen. Die von Sargent verwendete Methodik erlaubt es, diese Problematik über die modelltheoretisch konsistente Herleitung von Parameterrestriktionen zu lösen. Unter Verwendung dieser Restriktionen lassen sich dann die Parameter des mikrofundierten Modells konsistent in einem Mehrgleichungsansatz schätzen. Mit Hilfe der geschätzten Parameter können dann die Wirkungen alternativer Politikmaßnahmen systematisch abgeschätzt werden. Diese prinzipielle Vorgehensweise ist bis heute ein etablierter Teil der makroökonometrischen Praxis.

Sargent hat die maßgeblich von ihm entwickelte Technik vielfach verwendet, z.B. um die tatsächliche Steigung der langfristigen Phillipskurve zu ermitteln5 oder die Fisher-Hypothese zu überprüfen,6 nach der der Nominalzins gerade der Summe aus Realzins und erwarteter Inflation entspricht. In späteren Arbeiten schätzte Sargent vollständige Modelle der Makroökonomie der USA, um so die Wirkung wirtschaftspolitischer Maßnahmen zu beurteilen.7

Vektor-Autoregressionen

Die von Sargent entwickelte Methodik lässt sich nur dann anwenden, wenn sehr genaue Informationen über die strukturellen Zusammenhänge einer Volkswirtschaft vorliegen. Da die Parameterrestriktionen direkt aus diesen Informationen resultieren, haben fehlerhafte Modellannahmen logischerweise einen direkten Einfluss auf die Höhe der geschätzten Parameter. Der wohl größte Verdienst von Sims liegt darin, mit der Vektor-Autoregression eine Methode entwickelt zu haben,8 die die empirische Abschätzung der makroökonomischen Wirkung wirtschaftspolitischer Maßnahmen auch dann ermöglicht, wenn detaillierte Informationen über die Strukturgleichungen einer Volkswirtschaft nicht vorliegen.

Ein VAR-Modell ist ein simultanes Mehrgleichungsmodell, in dem jede Variable endogen ist und von den Ausprägungen aller anderen Variablen sowie einem stochastischen Schock abhängt. Zwar lässt sich ein VAR-Modell sowohl in struktureller als auch in reduzierter Form ausdrücken. Wenn jedoch keine oder nur sehr begrenzte Informationen über die Struktur einer Volkswirtschaft vorliegen, ist die strukturelle Darstellung aber gerade nicht bekannt. Die reduzierte Form eines VAR-Modells stellt jede Variable als Funktion der vergangenen Ausprägungen aller anderen Variablen dar. Statt nun Annahmen über die genaue Struktur der Modellgleichungen zu machen, werden die Modellparameter mit Hilfe der Kleinste-Quadrate-Methode simultan geschätzt. Somit suchen sich die Daten quasi selbst diejenige Struktur, die sie am Besten erklären. Der große Vorteil der Vektor-Autoregression ist, dass sie auch komplexe Interaktionen zwischen den Variablen erlaubt und insofern eine sehr elegante Lösung des ansonsten in empirischen Untersuchungen sehr häufig auftretenden Endogenitätsproblems darstellt.

Eine wirtschaftspolitische Maßnahme stellt in einem VAR-Modell nichts anderes als die Variation einer der endogenen Variablen des Modells dar. Sie lässt sich demnach wie ein (positiver oder negativer) Schock auf die entsprechende Modellgleichung interpretieren. Prinzipiell erlaubt das geschätzte VAR-Modell die Simulation der Auswirkungen des Schocks (d.h. der Politikmaßnahme). Allerdings sind die Schocks in der reduzierten Darstellung des Modells typischerweise miteinander korreliert. Dies hat die unangenehme Konsequenz, dass es nicht möglich ist, die Wirkung einer isolierten Politikmaßnahme abzuschätzen, da auch alle anderen Gleichungen von diesem Schock beeinflusst würden. Um Vektorautoregressionen auch zur Analyse von wirtschaftspolitischen Maßnahmen nutzen zu können, ist es daher notwendig, das VAR-Modell in seine strukturelle Version zu überführen, in der die Störterme orthogonal zueinander sind und unabhängig voneinander variiert werden können. Zur Identifikation des VAR-Modells schlug Sims9 eine rekursive Methode vor, die bis heute unter dem Namen "Cholesky Zerlegung" bekannt und wohl trotz des Vorschlags verschiedender komplexerer Methoden10 die am häufigsten genutzte ist. Sie beruht im Wesentlichen auf der Annahme einer bestimmten Reihenfolge, in der sich Schocks über eine Volkswirtschaft (technisch gesprochen über die Modellgleichungen) ausbreiten. Nach der Überführung in die strukturelle Form kann dann die Wirkung wirtschaftspolitischer Maßnahmen mit Hilfe sogenannter "Impuls-Antwort-Folgen" sowie den Methoden der Varianz-Zerlegung analysiert werden. Sims selbst hat gleich eine ganze Reihe von Arbeiten vorgelegt, in denen er mit Vektor-Autoregressionen Politikanalyse betreibt. In seinem bahnbrechenden Aufsatz von 1980 präsentierte er Schätzungen des Einflusses fiskalpolitischer Maßnehmen in den USA und der Bundesrepublik Deutschland.

Würdigung

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die diesjährige Vergabe des Preises für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel an die beiden amerikanischen Makroökonomen Thomas Sargent und Christopher Sims recht unerwartet kam.11 Es wurde eher ein Preisträger oder eine Preisträgerin erwartet, die sich mit den zurzeit aktuellen Fragen spekulativen Verhaltens an Finanz- und Vermögensmärkten, den Ursachen, der Ausbreitung oder den Folgen von Finanzkrisen oder der Regulierung des Bankensystems auseinandersetzten. Diese Gebiete zählen weder zu den vorrangigen Arbeitsgebieten von Thomas Sargent noch zu denen von Christopher Sims. Die Enttäuschung der oben genannten Erwartungshaltung ist aber nun sicherlich kein Grund, das wichtige und einflussreiche Werk der beiden diesjährigen Honoratioren in Frage zu stellen oder gar zu diskreditieren.12

Das Nobelpreiskomitee hat sich auch in der Vergangenheit bei seinen Entscheidungen nicht von aktuellen Entwicklungen treiben lassen, sondern fühlte sich von jeher der Würdigung von Leistungen verpflichtet, die einen wesentlichen Beitrag zum wissenschaftlichen Fortschritt geleistet haben. Die von Sargent und Sims entwickelten Methoden sind ausgesprochen nützlich, um die Wirksamkeit wirtschaftspolitischer Maßnahmen zuverlässig abzuschätzen und erfüllen insofern dieses Kriterium. Dies kommt auch darin zum Ausdruck, dass sie bis heute in vielen Bereichen intensiv verwendet werden und somit wertvolle Bestandteile des aktuellen empirischen Instrumentariums sind. Jüngere Beispiele sind z.B. Analysen der makroökonomischen Auswirkungen von terroristischen Attentaten13 oder des Einflusses der Geldpolitik oder der Liquidität auf Vermögenspreise.14

Es kann somit kaum einen Zweifel daran geben, das Thomas Sargent und Christopher Sims zu Recht mit dem Preis für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel geehrt werden. Dies gilt umso mehr, als beide Preisträger auch über die Methodenentwicklung hinaus noch eine ganze Reihe weiterer einflussreicher Forschungsbeiträge geliefert haben. So hat Thomas Sargent in den letzten Jahren z.B. zusammen mit Lars P. Hansen wichtige Beiträge zur Entscheidung und Erwartungsbildung unter Unsicherheitsaversion geliefert, die auch unter der Bezeichnung "Robust Control Theory" bekannt geworden sind und eine Abkehr vom Paradigma rationaler Erwartungen darstellt.15 Auch Christopher Sims hat sich im Laufe der Zeit zunehmend mit nicht-rationalen Formen der Erwartungsbildung beschäftigt, so z.B. einer Modellierung der beschränkten Kapazität von Individuen bei der Informationsverarbeitung (der sogenannten "Rational Inattention").16

Kontroverse Diskussion

Vor dem Hintergrund der erwiesenen Verdienste der beiden diesjährigen Honoratioren stellt sich die Frage, warum gerade in diesem Jahr die Vergabe des Preises für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel so kontrovers in Medien und Wissenschaft diskutiert wurde.

Ein erster Grund hierfür kann in der öffentlichen Wahrnehmung der Volkswirtschaftslehre seit dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise gesehen werden. Ökonomen - und hier insbesondere den Volkswirten - wird vorgeworfen, die nahende Krise weder vorausgesagt noch ihr wahres Ausmaß frühzeitig erkannt zu haben. Olaf Storbeck schrieb hierzu: "Heute steht die Volkswirtschaftslehre erneut vor einem Scherbenhaufen. Schonungslos hat die Wirtschafts- und Finanzkrise eine Reihe von Problemen und Schwächen der modernen Volkswirtschaftslehre offengelegt. Krisen von der Sorte, wie die Welt sie seit Mitte 2007 erlebt, können Makroökonomen in ihren Standardmodellen nicht abbilden - schon allein weil darin oft gar kein Finanzsektor existiert."17 In die gleiche Kerbe schlug auch Max Otte: Er sieht das Grundproblem auf Seiten der Volkswirtschaftslehre darin, dass Finanzkrisen in der Mainstream-Literatur der modernen VWL völlig vernachlässigt wird: "Seit der Tulpenmanie der Jahre 1635 bis 1637 sind größere Finanzkrisen ein regelmäßiges Phänomen des modernen Kapitalismus. Dennoch werden sie von der modernen Ökonomie weitgehend ignoriert. Im wohl bekanntesten Ökonomielehrbuch der Volkswirtschaftslehre ‚Economics' von Paul A. Samuelson und William D. Nordhaus, das in fünfzig Jahren millionenfach verkauft wurde, kommt der Begriff ‚Krise' nicht vor."18

Diese recht polemische Darstellung erweist sich bei nüchterner Analyse als ziemlich unhaltbar. Es erscheint verwegen, die Ursachen auf die von Otte selbst als hochkompliziert eingeschätzten Finanzkrise in einführenden Lehrbüchern zur Volkswirtschaftslehre zu suchen. In der größten deutschen Literaturdatenbank ECONIS der Deutschen Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften werden derzeit mehr als 10 000 ökonomische Schriften aufgeführt, die zum Thema Finanzkrise katalogisiert worden sind. Davon datieren etwa die Hälfte vor 2006. Die Behauptung, Ökonomen hätten sich nicht mit den Entstehungsursachen von Finanzkrisen auseinandergesetzt, ist schlicht unhaltbar. Das Gegenteil ist der Fall, gerade weil, wie Otte richtig schreibt, Krisen schon immer und überall in unterschiedlichster Erscheinungsform aufgetreten sind.

Bereits vor beinahe 30 Jahren haben Ökonomen gezeigt, dass z.B. Bankenkrisen durch plötzliche Erwartungsumschwünge unter den Anlegern ausgelöst werden können, die schwerlich zu prognostizieren sind.19 Aufbauend auf diese Überlegungen ist eine umfassende Literatur entstanden, die sich mit den Bedingungen beschäftigt, die Banken-, Verschuldungs- und Wechselkurskrisen (oder Kombinationen daraus) begünstigen.20 Allerdings ist es wohl eine reichlich romantische Vorstellung, Ökonomen könnten irgendwann einmal jede Art von Krise sicher voraussagen und dann auch noch vermeiden. Solange der Faktor Zufall auch nur eine geringe Rolle bei der Auslösung von Finanzkrisen spielt, bleibt die perfekte Voraussage ein unerreichbarer Wunschtraum. Selbstverständlich bedeutet dies nicht, dass die existierenden Erklärungsmodelle und Frühwarnsysteme nicht verbessert werden könnten oder müssten.

Aus der Unvollständigkeit des bestehenden Wissens kann aber schwerlich die Nutzlosigkeit einer wissenschaftlichen Disziplin konstruiert werden. Wer würde auf die Idee kommen, vor dem Hintergrund der vor einigen Monaten grassierenden EHEC-Epidemie die Medizin oder die Biologie dafür zu schelten, den Ausbruch nicht vorausgesehen und die Infektionswege und die Behandlung noch nicht komplett erforscht zu haben? Oft löst das unvorhergesehene Ereignis die entsprechende Forschung aus, ein manchmal bedauerlicher und doch wohl bis zu einem gewissen Grade unvermeidbarer Umstand. Die anderen Wissenschaften hier entgegengebrachte Fairness würde auch der Volkswirtschaft gut tun.

Es gibt aber wohl auch noch einen zweiten Grund für die teilweise ablehnende Reaktion von Presse und einem Teil der Fachöffentlichkeit auf die Entscheidung des Nobelpreiskomitees. Fachjournalisten (aber auch viele Ökonomen) tendieren dazu, Wissenschaftler im Hinblick auf die von Ihnen in bestimmten Situationen und unter spezifischen Bedingungen empfohlenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen in Schubladen einzuordnen (Klassiker/Neoklassiker, Keynesianer, Monetaristen, Neuklassiker, Neokeynesianer, um nur einige zu nennen). Diese Tendenz wird noch dadurch verstärkt, dass es lange Zeit durchaus üblich war, sich als Ökonom selbst einem dieser Paradigmen zugehörig zu erklären. Christopher Sims, insbesondere aber Thomas Sargent werden dem neoklassischen (genauer wäre wohl: neuklassischen) Mainstream zugerechnet.

Im Falle von Sargent beruht dies im Wesentlichen auf seinem einflussreichen Aufsatz mit Neil Wallace aus dem Jahre 1976, in dem die Autoren die sogennannte "Politikineffektivitätshypothese" herleiten.21 Konkret zeigen sie in einem Modellrahmen mit rationaler Erwartungsbildung, dass Geldpolitik in einer friktionslosen Welt aufgrund der vorausschauenden Reaktion der Marktteilnehmer ohne Wirkung auf die Realwirtschaft bleiben würde. Nun gilt dieses Ergebnis natürlich nur unter den getroffenen Modellannahmen und lässt sich eben nicht ohne weiteres generalisieren. Genau dies ist aber in vielen kritischen Stellungnahmen zur Bekanntgabe der Preisverleihung fälschlicherweise geschehen. Sargent und Sims werden hier zum Teil als Theoretiker bezeichnet, die freien und völlig unregulierten Märkten das Wort redeten und sich gegen jede Art des Staatseingriffs wehrten. Faktisch handelt es sich bei dieser Einschätzung um ein Zerrbild, das aus dem Unvermögen resultiert, eine rein ideologisch motivierte Extremposition von einer konsistent aus (keine universelle Gültigkeit beanspruchenden) Modellannahmen hergeleiteten (und nicht ohne weiteres zu verallgemeinernden) Schlussfolgerung unterscheiden zu können (oder zu wollen).

Box 1
Biographischer Hintergrund
von Thomas Sargent

Thomas John Sargent wurde am 19. Juli 1943 in Pasadena geboren. Er studierte zunächst an der University of California in Berkeley und erwarb dort 1964 seinen B.A. Seine Promotion absolvierte er 1968 an der Harvard University. Nach einer kurzen Tätigkeit im amerikanischen Verteidigungsministerium kehrte er schnell wieder in das universitäre Umfeld zurück. Nach einem halben Jahr an der University of Pennsylvania wechselte er im Sommer 1971 als Associate Professor an die University of Minnesota, wo er 1975 auch zum Full Professor berufen wurde und bis 1987 blieb. Während seiner Zeit in Minnesota war er zudem Advisor der Federal Reserve Bank of Minnesota. Danach war er an der Hoover Institution der Stanford University beschäftigt. Von dort wechselte er 1991 an die University of Chicago, wo er bis 1998 blieb und dann noch einmal nach Stanford zurückkehrte. Seit 2002 ist Sargent Berkley Professor of Economics and Business an der New York University. Er erhielt eine Vielzahl von Ehrungen, darunter zwei Ehrendoktortitel der Stockholm School of Economics (2003) und des European University Institute in Florenz (2008).

Box 2
Biographischer Hintergrund
von Christopher Sims

Christopher Albert Sims wurde am 21. Oktober 1942 in Washington D.C. geboren. Sims studierte zunächst an der Harvard University und erhielt 1963 einen B.A. in Mathematik. Nach einem kurzen Abstecher an die University of California in Berkeley kehrte er nach Harvard zurück und promovierte dort im Jahr 1968. Nach zwei Jahren als Associate Professor in Harvard wechselte er 1970 an die University of Minnesota, wo er bis 1974 Associate Professor und danach Full Professor war. Von 1990 bis 1999 wirkte er an der Yale University, seit 1999 hat er eine Professur an der Princeton University inne.

  • 1 So zeigte sich z.B. der Präsident des österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts Wifo, Karl Aiginger, enttäuscht von der Entscheidung in Stockholm. Der Preis für die US-Forscher Thomas Sargent und Christopher Sims käme zur Unzeit. Es würden Beiträge ausgezeichnet, die nicht mehr die heutige Realität widerspiegeln würden (zitiert nach: Kleine Zeitung: Kritik an Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises, 10.10.2011). Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Rudolf Hickel in seiner auf der Internetseite der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik publizierten Stellungnahme http://www2.alternative-wirtschaftspolitik.de/uploads/m4011.pdf. Michael Burda hingegen hält die Verleihung des Preises an Sargent und Sims für absolut gerechtfertigt (vgl. sein Interview in "Die Welt Online" vom 10.10.2011).

  • 2 Vgl. hierzu z.B. O. Storbeck, D. Heß: Ritterschlag für die Theoretiker des freien Marktes, in: Handelsblatt vom 10.10.2011; oder M. Ohanian, T. Fricke, M. Kaelble, H. Beyerle: Nobelpreisträger aus der Zeit gefallen, in: Financial Times Deutschland vom 11.10.2011.

  • 3 Ein Beispiel hierfür waren die von der Cowles-Kommission verwendeten simultanen Mehrgleichungsmodelle; vgl. R. J. Epstein: History of Econometrics. Contributions to Economic Analysis, Amsterdam 1978.

  • 4 Vgl. z.B. T. J. Sargent: The Demand for Money During Hyperinflations under Rational Expectations: I, in: International Economic Review, 18. Jg. (1977), H. 1, S. 59-82; ders.: Rational Expectations, Econometric Exogeneity, and Consumption, in: Journal of Political Economy, 86. Jg. (1978), H. 4, S. 673-700; ders.: Estimation of Dynamic Labor Demand Schedules under Rational Expectations, in: Journal of Political Economy, 86. Jg. (1978), H. 6, S. 1009-1044.

  • 5 T. J. Sargent: A Note on the "Accelerationist" Controversy, in: Journal of Money, Credit and Banking, 3. Jg. (1971), H. 3, S. 721-725.

  • 6 Ders.: Rational Expectations, the Real Rate of Interest, and the Natural Rate of Unemployment, in: Brookings Papers on Economic Activity, 4. Jg. (1973), H. 2, S. 429-472.

  • 7 Ders.: A Classical Macroeconometric Model for the United States, in: Journal of Political Economy, 84. Jg. (1976), H. 2, S. 207-237.

  • 8 C. A. Sims: Macroeconomics and Reality, in: Econometrica, 48. Jg. (1980), H. 1, S. 1-48.

  • 9 Ebenda.

  • 10 Vgl. C. A. Sims: Are Forecasting Models Usable for Policy Analysis?, in: Minneapolis Federal Reserve Bank Quarterly Review, 10, 1986, S. 2-16; O. J. Blanchard, D. Quah: The Dynamic Effects of Aggregate Demand and Supply Disturbances, in: American Economic Review, 79. Jg. (1989), H. 4, S. 655-673; B. S. Bernanke: Alternatives Explanations of the Money-Income Correlation, in: Carnegie-Rochester Conference Series on Public Policy, 25. Jg. (1986), H. 1, S. 49-99; H. Uhlig: What Are the Effects of Monetary Policy on Output? Results from an Agnostic Identification Procedure, in: Journal of Monetary Economics, 52. Jg. (2005), H. 2, S. 381-419.

  • 11 So hielt z.B. der Nachrichten-Konzern Thomson-Reuters Douglas W. Diamond, Jerry A. Hausman, Anne O. Krueger, Gordon Tullock oder Halbert L. White Jr. für die wahrscheinlichsten diesjährigen Preisträger. Olaf Storbeck tippte in einem Handelsblatt-Artikel vom 2.10.2011 auf Robert Shiller, Richard Easterlin, Anne O. Krueger oder Hernando de Soto.

  • 12 Eine lesenswerte Replik auf die deutsche Pressereaktion vom Economics-Blogger Kantoos mit dem Titel "Nobelpreis - eine scheinbar schwierige Wahl für die deutsche Presse " (11.10.2011) findet sich unter http://kantooseconomics.com/.

  • 13 Z. Eckstein, D. Tsiddon: Macroeconomic consequences of terror: theory and the case of Israel, in: Journal of Monetary Economics, 51. Jg. (2004), H. 5, S. 971-1002.

  • 14 Vgl. z.B. C. Dreger, J. Wolters: Geldpolitik und Vermögensmärkte, in: Vierteljahreshefte zur Wirtschaftsforschung, 78. Jg. (2009), H. 1, S. 56-65; A. Belke, W. Orth, R. Setzer: Liquidity and the Dynamic Pattern of Asset Price Adjustment: A Global View, in: Journal of Banking and Finance, 34. Jg. (2010), H. 8, S. 1933-1945.

  • 15 L. P. Hansen, T. J. Sargent: Robustness, Princeton und Oxford 2008.

  • 16 C. A. Sims: Implications of Rational Inattention, in: Journal of Monetary Economics, 50. Jg. (2003), H. 3, S. 665-690; C. A. Sims: Rational Inattention: Beyond the Linear-Quadratic Case, in: American Economic Review, 96. Jg. (2006), H. 2, S. 158-163.

  • 17 O. Storbeck: Das systematische Versagen der Ökonomen, in: Handelsblatt vom 6.10.2009

  • 18 M. Otte: Die Finanzkrise und das Versagen der modernen Ökonomie, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 52/2009.

  • 19 D. W. Diamond, P. H. Dybvig: Bank Runs, Deposit Insurance, and Liquidity, in: Journal of Political Economy, 91. Jg. (1983), H. 3, S. 401-419.

  • 20 Vgl. hierzu z.B. F. Allen, D. Gale: Understanding financial crises, Oxford und New York 2007.

  • 21 T. J. Sargent, N. Wallace: Rational Expectations and the Theory of Economic Policy, in: Journal of Monetary Economics, 2. Jg. (1976), H. 2, S. 169-183.


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