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91. Jahrgang, 2011, Heft 13 · S. 2-3

Leitartikel

Bildung und Arbeitsmarkt:
von Brückenprojekten und Baustellen

Brigitte Preissl

Dr. Brigitte Preissl ist Chefredakteurin der Zeitschriften Wirtschaftsdienst und Intereconomics.

In Deutschland besteht ein Mangel an qualifizierten Fachkräften und gleichzeitig Arbeitslosigkeit. International vergleichende Studien zum Bildungsniveau stellen Deutschland trotz eines leicht positiven Trends nach wie vor schlechte Zeugnisse aus. Wirtschaftspolitisch wurde aus dieser Diagnose gefolgert, die Arbeitslosigkeit hänge mit einer unzureichenden Ausbildung der Arbeitsuchenden zusammen. Insgesamt müsse mehr für die Bildung getan werden. Die Bundesregierung rief zur Bildungsoffensive auf, und in keiner politisch bedeutsamen Rede wird vergessen, auf die Notwendigkeit größerer Bildungsanstrengungen hinzuweisen. Die einfache Formel: "Bildung ist gut für den Arbeitsmarkt" wirft jedoch im Detail eine Menge Fragen auf, deren Beantwortung nötig ist, um langfristig wirksame Maßnahmen zu ergreifen. Die Probleme sind offensichtlich nicht neu, und dennoch hat sich keine allgemein akzeptierte Deutung der Zusammenhänge durchgesetzt. Die Politik agiert an vielen Stellen, doch die Fortschritte bleiben unbefriedigend. Erschwert wird die Findung und Implementierung von Lösungen durch komplexe Zuständigkeiten auf Länder- und Bundesebene. Folgende Fragen bedürfen einer kritischen Analyse: Sind die Diagnosen, die den Handlungsbedarf begründen, richtig? Müssen gängige Modelle und Argumentationsmuster hinterfragt werden? Liegt das Problem im Bildungsniveau oder in der Struktur von Fächern und Qualifikationen, in der Schule, den Universitäten oder in der Weiterbildung? Müssen wir die Übergänge vom Bildungssystem in den Arbeitsmarkt besser koordinieren? Diesen Themen ist das vorliegende Sonderheft gewidmet. Die Aufsätze beruhen auf Vorträgen, die im November auf der Konferenz des Wirtschaftsdienst "Qualifikation und Arbeitsmarkt: ungenutzte Potenziale" gehalten wurden.

Es kann zwar empirisch gezeigt werden, dass in der Tat hohe Bildungsinvestitionen sowohl individuell als auch auf der Makroebene eng mit wirtschaftlichem Wachstum korrelieren. Wie Marc Piopiunik und Ludger Wößmann in ihrem Aufsatz darlegen, kann aber auch umgekehrt argumentiert werden, dass unzureichende Bildung mit beachtlichen Wachstumsverlusten einhergeht. Ob die gegenwärtig verfolgten Maßnahmen jedoch geeignet sind, die Arbeitslosigkeit wirksam zu bekämpfen, einen vermuteten Mismatch von Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage zu beseitigen, bleibt dahingestellt. Ronald Schettkat fragt daher zunächst, ob die gängigen Deutungen des Problems der Vermittlung von Qualifikation und Arbeitsnachfrage einer kritischen Analyse standhalten. Er weist auf die komplexen Beziehungen zwischen der Nachfrage nach Qualifikationen und deren Angebot hin. So impliziert etwa die Vorstellung, man müsse - da ja ein Mismatchproblem vorliege - nur die richtige Ausbildung veranlassen, um Arbeitslosigkeit zu beseitigen, dass das Arbeitslosenproblem ein strukturelles und kein konjunkturelles ist. Zudem sind - wie Schettkat zeigt - angebotene und nachgefragte Qualifikationen nicht unabhängig voneinander und unterliegen Pfadabhängigkeiten. Eine kritische Betrachtung verlangt auch, die These vom Facharbeitermangel zu hinterfragen. Ronald Schettkat verweist hier auf neuere Forschungen, und auch Gerhard Bosch liefert in seinem Aufsatz schlüssige Argumente, die diese These zumindest relativieren.

Eine noch so gute Ausbildung ist von geringem Nutzen, wenn der Übergang vom Bildungssystem in Beschäftigung nicht gelingt. Internationale Vergleiche, wie sie im Aufsatz von Klaus Schömann vorgelegt werden, zeigen, dass Deutschland Potenziale, die durch ein gutes Bildungssystem entstehen, vergleichsweise wenig ausschöpft. Ob beim Übergang von Bildung in Arbeit die Weichen richtig gestellt werden, um etwa soziale Ungleichheit über den Lebensverlauf auszugleichen, hängt ebenso von individuellen Faktoren wie von Unternehmensstrategien und institutionellen Setzungen ab. Berücksichtigt werden müssen neben dem Übergang von Schule/Universität in den Beruf auch Arbeitsstellenwechsel und Weiterbildungsverläufe.

Im Zusammenhang mit den seit einigen Jahren eingeführten Reformen von Studiengängen stellt sich die Frage, ob man damit dem Ziel, schneller gut verwertbare Abschlüsse zu erreichen, bereits näher gekommen ist. So untersucht Christiane Konegen-Grenier, wie die Industrie auf die neu eingeführten Bachelor- und Masterstudiengänge reagiert. Ist hier das Studium tatsächlich ein Sprungbrett für die Karriere oder können Bachelor und Master eher schwer in Unternehmen integriert werden? Auf der Basis von Unternehmensbefragungen zeigt Konegen-Grenier, dass auch Bachelorabsolventen gute Einstiegs- und Karrieremöglichkeiten in den Unternehmen vorfinden. Dies überrascht, da in diesem Punkt oft kritische Stimmen zu hören sind. Offenbar vermitteln die Universitäten diese positive Bilanz selbst kaum. Zu fragen bleibt allerdings, ob die Umfrageergebnisse, die für Ingenieurstudiengänge vorliegen, sich auch auf andere Abschlüsse übertragen lassen. Eine Differenzierung nach Studienfächern könnte hier zu anderen Ergebnissen führen.

Ein Mismatchproblem kann es nicht nur zwischen Arbeitsnachfrage und Arbeitsangebot am Markt geben, auch fehlende Weiterbildung im Erwerbsverlauf führt bei bestehender Beschäftigung zu einem Auseinanderdriften vorhandener und gewünschter Qualifikationen. Lebenslanges Lernen ist in Europa zu einem zentralen Anliegen in der bildungspolitischen Diskussion geworden. Friederike Behringer erläutert die Anstrengungen in diesem Bereich auf nationaler und auf europäischer Ebene. Dabei spielen nicht nur Vorteile in Bezug auf die individuelle Beschäftigungsfähigkeit und die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen eine Rolle, auch soziale Erträge aus der Weiterbildung dürfen nicht vernachlässigt werden.

Wird berücksichtigt, dass Arbeitnehmer einen einmal eingeschlagenen Berufsweg heute selten bis zur Rente durchlaufen können, ist es notwendig, dass Bildungssysteme durchlässig sind, also von einem Abschluss leicht in einen anderen Ausbildungsgang gewechselt, von einem Niveau leicht auf ein höheres "geklettert" werden kann. In welchem Maße unser Bildungssystem darauf etwa im Vergleich mit Nachbarländern gut oder weniger gut eingestellt ist, wird von Rita Nikolai anhand des Übergangs von der Schule zur Hochschule diskutiert. Die Wege sind in Deutschland, Österreich und der Schweiz überraschend unterschiedlich. Während der Zugang zu Universitäten in Deutschland meist über eine allgemeine Zugangsberechtigung (Abitur) erfolgt, erreichen österreichische und schweizerische Studierende Hochschulen auf differenzierteren Pfaden. Nicht zuletzt durch die neuen Bachelorstudiengänge deutet sich jedoch auch in Deutschland eine Differenzierung an, die sich allerdings erst noch in der Praxis durchsetzen muss.

Versuche, Bildungssysteme zu verbessern, indem Abschlüsse international vereinheitlicht und die Erfolge der einzelnen Länder dann anhand der Abschlussstatistiken bewertet werden, sind populär. Demgegenüber geraten die Vorzüge differenzierter, auf bestimmte Erfordernisse von Produktions- und Organisationsstrukturen abgestimmter Systeme oft in Vergessenheit. So muss nicht immer eine größere Zahl von Universitätsabschlüssen bedeuten, dass eine Gesellschaft besser für die zukünftigen Anforderungen der wirtschaftlichen Entwicklung gerüstet ist. Eine Analyse der Qualifikationsanforderungen der nächsten Jahre und Jahrzehnte sowie eine Betrachtung alternativer Ausbildungswege zur Erzielung bestimmter Qualifikationen könnte hier vor allzu viel Aktionismus bewahren. Gerhard Boschs Aufsatz unterzieht die Kriterien, nach denen Bildungssysteme beurteilt werden, einer kritischen Analyse und verweist auf die Notwendigkeit einer systemischen Betrachtung von Ausbildung und Arbeitsnachfrage.

Viele der für eine Analyse der Beziehungen zwischen Bildung und Arbeitsmarkt wichtigen Forschungsfragen können aufgrund fehlender Daten nur unzureichend untersucht werden. Ein Nationales Bildungspanel, das es erlaubt, Bildungsverläufe anhand von Mikrodaten nachzuvollziehen, soll hier Abhilfe schaffen. Das gerade begonnene Projekt, seine Zielsetzungen und Methoden wird von Andreas Jobst vorgestellt. Der unvermeidliche Hinweis auf weitere erforderliche Untersuchungen findet hier immerhin konkrete Hinweise auf in Zukunft zu erwartende Forschungsarbeiten anhand einer wertvollen neuen Datenquelle.

Eine ganze Reihe arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen setzt auf Ausbildung und Weiterbildung. Thomas Kruppe gibt einen Überblick über die zurzeit eingesetzten Instrumente. Deutlich wird dabei, dass sich die Bildungsangebote an arbeitsmarktpolitischen Zielen ausrichten. Sie reflektieren zwar die jeweilig aktuelle Diagnose, ob jedoch die Maßnahmen diejenigen erreichen, die bisher als "bildungsfern" gelten und ob Zusatzqualifikationen bei individueller Arbeitslosigkeit zur besseren Vermittlung in eine neue Stelle führen, muss immer wieder hinterfragt werden. Zudem sind der zeitliche Verlauf von Forschung, politischer Reaktion, Beschluss und Ausgestaltung von Maßnahmen sowie die Korrektheit der Diagnosen zu untersuchen. Mikroökonomische Analysen von Berufsbiographien können hier wertvolle Beiträge leisten.

Die Themen der diesem Sonderheft zugrundeliegenden Konferenz wurden so ausgewählt, dass eine Vielzahl von Aspekten angesprochen werden konnte. Die hier veröffentlichten Aufsätze zeigen deutlich, dass es nicht eine adäquate Bildungspolitik bezogen auf die Probleme des Arbeitsmarktes gibt. Vielmehr werden Weichen an vielen Knotenpunkten gestellt, die unterschiedliche Aspekte von Bildung einerseits und Arbeitsmarktproblemen andererseits betreffen. Weder sind die vorhandenen Diagnosen immer eindeutig und stimmig, noch die daraus abgeleiteten Maßnahmen "alternativlos". Weder ist die Umsetzung der Maßnahmen immer ziel- und sachgerecht, noch sind die erzielten Erfolge unumstritten. Wie oft bei wissenschaftlichen Veranstaltungen wurden für einige Probleme neue Lösungen vorgeschlagen oder überraschende Zusammenhänge dargestellt, die gesichert erscheinende Aussagen kritisch beleuchten; doch gleichzeitig entstanden viele neue Fragen, deren Beantwortung weiterer Forschung und Diskussion überlassen werden muss.


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