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91. Jahrgang, 2011, Heft 3 · S. 219-220

Konjunkturschlaglicht

Aufschwung in Gefahr (?)

Jörg Hinze

"Chancen für Fortsetzung des Aufschwungs - aber Risiken von außen", lautete die Ende 2010 veröffentlichte Konjunkturprognose des HWWI für 2011. Die außenwirtschaftlichen Risiken haben sich durch die politischen Unruhen in Nordafrika und den dadurch verstärkten Preisanstieg bei Öl und anderen Rohstoffen zusätzlich verschärft. Das dämpft die globale Konjunktur, würgt sie aber nicht ab. Rezessionsgefahr würde dann akut, wenn sich die Unruhen ausweiten. So sind ähnliche Umwälzungen auch in anderen Ländern in Nahost vorstellbar. Damit wären insbesondere für den Ölpreis unvorhersehbare Folgen verbunden.

Die deutsche Wirtschaft hat sich bis zuletzt kontinuierlich aufwärts entwickelt. Der Aufholprozess nach der Krise basiert sowohl auf außen- als auch auf binnenwirtschaftlichen, endogenen Auftriebskräften. Die gesamtwirtschaftliche Produktion hat inzwischen fast wieder das Vorkrisenniveau erreicht und die Arbeitsmarktlage hat sich sogar darüber hinaus verbessert. So erreicht die Zahl der Erwerbstätigen (saisonbereinigt) von Monat zu Monat neue Höchststände und die Zahl der registrierten Arbeitslosen nähert sich der 3-Millionen-Marke. Sorge macht lediglich der zunehmende Inflationsdruck. Nachdem die Preise auf den vorgelagerten Stufen schon seit geraumer Zeit kräftig gestiegen sind, ziehen mittlerweile auch die Verbraucherpreise merklich an und das nicht nur wegen höherer Energiepreise. Zu Beginn dieses Jahres erreichte die Inflationsrate 2%. Im Euroraum überschreitet sie mit 2,3% bereits die Stabilitätsschwelle, womit Leitzinserhöhungen näher rücken.

Die Fortsetzung des Aufschwungs ist aufgrund der aktuellen geopolitischen Ereignisse unsicherer geworden. Voraussagen über die weitere politische Entwicklung im arabischen Raum und möglicherweise darüberhinaus sowie deren ökonomische Auswirkungen wären allerdings hochspekulativ. Die Basisprognose geht daher davon aus, dass sich die Entwicklung nicht weiter zuspitzt und die Märkte sich wieder beruhigen. Die binnenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind nach wie vor günstig, doch die Erwartungen sind nunmehr zurückhaltender, was die Konsum- und die Investitionsneigung zumindest tendenziell dämpft. Außerdem "kostet" der Ölpreisanstieg Kaufkraft. Positiv zu bewerten ist die erstaunliche Stärke am Arbeitsmarkt, die für eine Stützung von Einkommen und privatem Verbrauch sorgt. Die günstigen Absatz- und Ertragsperspektiven der Unternehmen werden durch die aktuellen Ereignisse ebenfalls nur marginal beeinträchtigt, so dass angesichts mehr und mehr ausgelasteter Kapazitäten weiter in neue Ausrüstungen investiert wird, wenn auch nicht mehr mit der Dynamik des letzten Jahres. Im Baubereich wird der Wohnungsbau angesichts günstiger Rahmenbedingungen weiter zunehmen, während im öffentlichen Bau die Impulse aus den Konjunkturmaßnahmen allmählich auslaufen. Die Inlandsnachfrage wird somit 2011 erneut einen erheblichen Wachstumsbeitrag leisten. Überdies werden die deutschen Unternehmen bei weiter, wenn auch nicht mehr so stark, expandierendem Welthandel ihre Exporte steigern können. Aber auch ohne weitere Störungen dürfte sich das Wachstumstempo in den nächsten Monaten abflachen; im Jahresdurchschnitt 2011 wird das reale Bruttoinlandsprodukt um 2,3% wachsen. Die Beschäftigung wird weiter leicht zunehmen und die Zahl der Arbeitslosen wird unter drei Millionen sinken. Der Preisauftrieb wird sich unter den gegebenen Bedingungen im Laufe von 2011 eher verstärken und im Jahresdurchschnitt etwas mehr als 2% betragen.

Für 2012 sind die Aussichten wegen der aktuellen politischen Entwicklung in Nordafrika und einer möglichen weiteren Ausbreitung sehr unsicher. Beruhigt sich diese, könnte das Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr aber wieder an Dynamik gewinnen. Wegen des niedrigen Überhangs würde es im Jahresdurchschnitt mit 1,7% aber geringer als in diesem Jahr sein. Bei Ausweitung der aktuellen Probleme würde die Konjunktur entsprechend stärker gedämpft. Neben den Entwicklungen in Nahost drohen die größten Risiken von der immer noch nicht ganz ausgestandenen Finanzkrise, insbesondere den Staatsschuldenproblemen. Aber auch konjunkturelle Rückschläge sind in für die deutsche Exportwirtschaft wichtigen Ländern nicht auszuschließen. Das gilt für die USA, die weiterhin Probleme am Arbeitsmarkt und im Staatshaushalt haben. Aber auch in China und anderen Schwellenländern könnten inflationäre Entwicklungen, nicht zuletzt bei den Nahrungsmittelpreisen, die dortigen Regierungen zu restriktiven Maßnahmen nötigen.

Jörg Hinze

hinze@hwwi.org

Tabelle 1 (zurück zum Text)
Eckdaten für Deutschland

Veränderungen in % gegenüber dem Vorjahr

2007 2008 2009 2010 2011 2012
Bruttoinlandsprodukt 1 2,7 1,0 -4,7 3,6 2,3 1,7
Private Konsumausgaben -0,2 0,7 -0,2 0,4 1,2 1,2
Staatl. Konsumausgaben 1,6 2,3 2,9 2,3 0,4 0,0
Anlageinvestitionen 4,7 2,5 -10,1 6,0 3,7 3,0
Ausrüstungen 10,7 3,5 -22,6 10,9 6,2 5,0
Bauten -0,5 1,2 -1,5 2,8 1,1 0,6
Sonstige Anlagen 6,8 6,5 5,6 6,4 5,1 5,8
Inlandsnachfrage 1,3 1,2 -1,9 2,5 1,0 1,3
Ausfuhr 7,6 2,5 -14,3 14,1 9,2 6,6
Einfuhr 5,0 3,3 -9,4 12,6 7,3 6,5
Arbeitsmarkt
Erwerbstätige 1,7 1,4 0,0 0,5 0,8 0,4
Arbeitslose (in Mio.) 3,78 3,27 3,42 3,24 2,99 2,78
Arbeitslosenquote 2 (in %) 8,7 7,5 7,9 7,4 6,8 6,4
Verbraucherpreise (in %) 2,3 2,6 0,4 1,1 2,1 2,3
Finanzierungssaldo des
Staates (in % des BIP)
0,3 0,1 -3,0 -3,3 -2,3 -1,3
Leistungsbilanzsaldo 3

(in % des BIP)

7,6 6,7 5,0 5,2 5,6 6,3

1 Preisbereinigt. 2 Arbeitslose in % der inländischen Erwerbspersonen (Wohnortkonzept). 3 In der Abgrenzung der Zahlungsbilanzstatistik.

Quellen: Statistisches Bundesamt; Deutsche Bundesbank; Bundesagentur für Arbeit; 2011 und 2012: Prognose des HWWI.

Abbildung 1 (zurück zum Text)
Preisbereinigtes Bruttoinlandsprodukt in Deutschland

(Saison- und arbeitstäglich bereinigt mit Census-Verfahren X-12-Arima)

1 Veränderung in % gegenüber dem Vorquartal, auf Jahresrate hochgerechnet, rechte Skala. 2 Zahlenangaben: Veränderungen gegenüber dem Vorjahr in %.

Quellen: Statistisches Bundesamt; 2011 und 2012: Prognose des HWWI.


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