Ein Service der

Inhalt

91. Jahrgang, 2011, Heft 3 · S. 152-153

Beschäftigungsmodell Deutschland: Ein neuer Weg

Gustav A. Horn

Der amerikanische Nobelpreisträger Robert Solow hat in einer von ihm initiierten international vergleichenden Untersuchung zum Niedriglohnsektor festgestellt, dass es "a low road and a high road" zu mehr Beschäftigung gebe. Erstere besteht darin, dass der Druck sowohl auf Arbeitslose, jedwede Arbeit anzunehmen, als auch auf Beschäftigte ihre Arbeit unter allen Umständen zu behalten, auch wenn dies eine Verschlechterung der Entlohnung oder der sonstigen Arbeitsumstände nach sich zieht, erhöht wird. Dann, so die Überlegung, wird Arbeit billiger und die Unternehmen seien eher bereit, Arbeitslose bzw. Menschen mit relativ geringer Qualifikation einzustellen. Die "high road" zu mehr Beschäftigung bestünde demgegenüber in Anreizen für eine verstärkte Qualifizierung der Arbeitskräfte auf jedem Niveau in Verbindung mit Rahmenbedingungen, die keinen Lohndruck nach unten erzeugen, um auch die Anreize Arbeit zu suchen, hoch zu halten. Mit diesem Weg verbindet sich die Hoffnung, dass eine möglichst gute und breite Qualifikation von Arbeitskräften deren Beschäftigungschancen deutlich erhöhe. Mit den so erzielten relativ hohen Einkommen lässt sich dann eine kräftige Wirtschaftsentwicklung erzeugen.

Deutschland hat im vergangenen Jahrzehnt mit den Arbeitsmarktreformen im Kontext der Agenda 2010 tendenziell den ersten Weg beschritten, während die skandinavischen Länder eher die zweite Richtung eingeschlagen haben. Die Ergebnisse sind bekannt. Sowohl im Hinblick auf die Entlohnung als auch im Hinblick auf die Beschäftigung sind die skandinavischen Länder Deutschland weit voraus. Abgesehen davon haben sich die Einkommensunterschiede in Deutschland massiv ausgeweitet.

Dies weckt Zweifel am bisherigen Beschäftigungsmodell für Deutschland, auch wenn es im Einklang mit den immer noch vorherrschenden makroökonomischen Theorien steht. Denn nach deren Überlegungen ist klar: Mehr Beschäftigung ist nur durch Lohnzurückhaltung zu erreichen. Dies liegt in der Logik theoretischer Vorstellungen, bei denen allein die Angebotsbedingungen entscheidend sind. Folglich liegt die Anpassungslast im Kern immer bei den Löhnen. Alle gesamtwirtschaftlichen Risiken für die Beschäftigung wie Ölpreisanstieg, Auf- wie Abwertungen des Euro oder Konjunkturrisiken sollen von den Lohnbeziehern getragen werden. Die Gewinne sind folgerichtig als Puffer tabu. Diese Sichtweise hat denn auch dazu beigetragen, dass weder in Zeiten schlechter Wirtschaftslage die Löhne wegen der zu hohen Kostenbelastungen für die Unternehmen steigen durften noch in guten Zeiten, weil dann Gefahr für die Preisstabilität oder die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen gesehen wurde. Mit anderen Worten Lohnzurückhaltung war immer geboten.

Dieses Modell ist ausgerechnet in der jüngsten Krise durchbrochen worden. Denn trotz des massiven Einbruchs der Wirtschaftsleistung, die in dieser Dramatik in der Geschichte der Bundesrepublik bisher einmalig war, blieben die Löhne und Gehälter relativ konstant. Das führte trotz staatlicher Subventionierung der Kurzarbeit zu deutlich höheren Arbeitskosten pro Stunde für die Unternehmen. Trotzdem weist keine andere Volkswirtschaft eine stabilere Beschäftigungsdynamik seit der Krise auf als die deutsche. Die Ursache hierfür ist, dass während der Krise auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage wieder beachtet wurde. Und dies ist der Schlüssel zu einem verbesserten Beschäftigungsmodell für Deutschland. Neben den Angebotsbedingungen müssen in Zukunft auch die Nachfragewirkungen gleichgewichtig berücksichtigt werden. Das wäre dann die "high road" zu mehr Beschäftigung.

Gustav A. Horn

Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK)

Gustav-Horn@boeckler.de


Kommentare zu diesem Artikel

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Ihr Kommentar

Wir freuen uns über Ihren Kommentar.
Die Redaktion behält sich vor Beiträge, die diffamierende Äußerungen enthalten oder sich eines unangemessenen Sprachstils bedienen, nicht zu veröffentlichen.

SPAM-Schutz * Welcher Buchstabe fehlt im folgenden Wort?