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91. Jahrgang, 2011, Heft 4 · S. 224

Kernkraftwerke: Die wahren Kosten der Atomkraft

Sonja Peterson

Die Ereignisse im Atomkraftwerk Fukushima und deren bislang kaum überschaubare Folgen werfen die Frage nach den "wahren" Kosten der Atomkraft auf. Atomkraftgegner ebenso wie verschiedene wissenschaftliche Studien argumentieren schon seit langem, dass die reinen Betriebskosten von Atomstrom (derzeit etwa 4-6 Cent pro kWh) nur die Spitze des Eisbergs sind. Hinzu kommen zahlreiche sogenannte externe Kosten, die letztlich die Gesellschaft trägt. Diese reichen von der jahrhundertelangen Endlagerung der Abfälle über den aufwändigen Abbau alter und stillgelegter Atomkraftwerke bis hin zu potenziellen Schäden durch Proliferation oder Unglücksfälle, die, wie uns Fukushima vor Augen führt, enorm sein können.

Eine Schätzung dieser externen Kosten ist naturgemäß extrem schwierig. Bereits die Kosten der Entsorgung sind schwer zu beziffern, unter anderem da Explorations- und Einlagerungskosten nicht nur von geologischen Gegebenheiten und Sicherheitsstandards, sondern auch von der gesellschaftlichen Akzeptanz abhängen - man denke an die Kosten jedes Castor-Transports. Bei Proliferation und Unglücksfällen handelt es sich zudem um unsichere Ereignisse - mit sehr kleiner Wahrscheinlichkeit, aber potenziell immensem Schaden. In Japan wird derzeit von Kosten in Höhe von Hunderten Milliarden Euro ausgegangen. Eine Studie Münsteraner Wissenschaftler kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass eine Kernschmelze in Deutschland Schäden in Höhe von 5 Billionen Euro - dem doppelten des deutschen Bruttoinlandprodukts - verursachen könnte. Entsprechend gelangen verschiedene Studien zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. "Optimistische" Studien schätzen die externen Kosten der Atomkraft auf 0,1 Cent bis zu maximal 1 Euro/kWh; andere errechnen Werte von bis zu 2,7 Euro/kWh. Bereits externe Kosten von 15 Cent/kWh machen Atomstrom so teuer wie den teuersten Windstrom.

Ein wesentlicher Grund für die niedrigen Produktionskosten von Atomstrom ist, dass Atomkraftwerksbetreiber nur begrenzt für eventuelle Schäden haften und nur ungenügend versichert sind. In den meisten Ländern liegt die Haftungsbeschränkung für Atomkraftwerke bei wenigen hundert Millionen Euro. In Deutschland deckt der Versicherungspool der Betreiberseite Schäden bis zu 256 Mio. Euro ab. Weitere 2,2 Mrd. Euro zahlen die Atomkraftwerksbetreiber, die darüber hinaus mit ihrem Vermögen haften. Um etwa einen Schaden von 5 Billionen Euro zu versichern, wäre nach Berechnungen des Forums ökologisch-soziale Marktwirtschaft eine Haftpflichtprämie von 287 Mrd. Euro pro Jahr fällig. Atomkraft wäre unbezahlbar.

Schließlich ist es kaum moralisch vertretbar, mögliche Folgen einer nuklearen Katastrophe, wie die durch Verstrahlung verursachten Folgen für Leib und Leben von Millionen Menschen und die Einrichtung großer nuklear kontaminierter Sperrgebiete in dicht besiedelten Gegenden - beides wird für Japan befürchtet -, in Euro zu bewerten und etwa zum Gegenstand einer Kosten-Nutzen-Rechnung zu machen. Vielmehr muss man die Frage stellen, ob eine Gesellschaft willens ist, ein, wenn auch extrem kleines, Risiko mit möglicherweise katastrophalen Folgen einzugehen, oder ob sie sich entscheiden sollte, sich diesem Risiko nicht mehr auszusetzen.

Die wahren Kosten der Atomkraft sind schwer zu beziffern, aber allein um nukleare Katastrophen auszuschließen und nicht nur auf ein immer existierendes "Restrisiko" zu reduzieren, sollte eine Gesellschaft die Kosten des Atomausstiegs akzeptieren und tragen.

Sonja Peterson

Institut für Weltwirtschaft

sonja.peterson@ifw-kiel.de


Kommentare zu diesem Artikel

MedactironJin schrieb am 13.05.2014 um 18:13 Uhr

Die 36 MRD. € Rücklagen entsprechen noch nicht einmal 10%
der wahren Kosten für den Abbau der Kernenergie! Die wirklichen Kosten belaufen sich bei vorsichtiger Schätzung auf ca. 350 - 500 MRD. € und das auch nur, wenn die sichere Endlagerung in absehbarer Zukunft gelöst werden kann.
Zum momentanen Zeitpunkt jedoch ist nicht mit einer sicheren Endlagerung zu rechnen, zudem weist der Untergrund in der BRD nicht die nötigen Voraussetzungen aus, um diesen "Müll" auch nur über die nächsten 2000 Jahre sicher einzulagern.
Das hier geschaffene Gefahrenpotenzial wurde zugunsten der Atomindustrie und ihren früheren politischen Befürwortern
gezielt in den Keller geredet. Wäre in deren 60er Jahren
das wahre Risiko bekannt gewesen, hätten zumindest die Hälfte aller AKWs in der Bundesrepublik keine Genehmigung
zum Betrieb erhalten.

Winfried Wolff schrieb am 11.08.2016 um 04:57 Uhr

Obwohl die Risiken der Atomkraft heute ja bekannt sind laufen noch 8 AKW und produzieren täglich weitere Mengen Atom-Schrott.
Warum schaltet die Bundesregierung die Atom-Meiler nicht ab.
Das würde auch die verstopften Netze freimachen für Windstrom aus dem Norden.

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