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91. Jahrgang, 2011, Heft 4 · S. 226

Unisex-Tarife: Innovative Ideen sind gefragt

Roland Eisen

Mit seinem Urteil vom 1. März hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) die Linie bestätigt, die die Europäische Kommission mit ihrem "Vorschlag für eine Richtlinie des Rates zur Verwirklichung des Grundsatzes der Gleichbehandlung von Frauen und Männern beim Zugang zu und bei der Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen" eingeleitet hat. Dieser Entwurf ist 2004 Richtlinie geworden und hat seinen Niederschlag im deutschen Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz von 2006 (Antidiskriminierungs-Gesetz) gefunden - allerdings mit der Ausnahme, dass Versicherer weiterhin bei der Berechnung ihrer Tarife am Geschlecht als Risikofaktor ansetzen dürfen. Relevant ist dies beispielsweise bei der Kfz-Versicherung, wo junge Frauen wesentlich weniger bezahlen, weil sie weniger Unfälle machen als junge Männer, bei der Risikolebensversicherung, weil bei Frauen das Risiko des vorzeitigen Todes geringer ist, umgekehrt aber bei der Kranken- und Rentenversicherung, wo Frauen höhere Beiträge bezahlen müssen, weil Frauen im Durchschnitt länger leben, und häufiger zum Arzt gehen als Männer.

Als Folge des Urteils sind die Versicherer nun verpflichtet, bis zum 21. Dezember 2012 nur noch geschlechtsunabhängige Tarife (Unisex-Tarife) für Neuverträge anzubieten, was zu einer "Verbilligung" für Männer in der Kfz- und Risikolebensversicherung, aber zu einer "Verteuerung" für Männer bei der Kranken- und Rentenversicherung (und umgekehrt für Frauen) führen müsste. Allerdings hat die Versicherungswirtschaft schon vor dem Urteil ein "statistisches Drohszenario" aufgebaut, demzufolge die Prämien auf breiter Ebene steigen müssen. Sie begründen dies z.B. mit einem zusätzlichen Risikopuffer, um die Gefahr auszugleichen, dass viele Männer ihre Rentenpolicen kündigen und vorwiegend teurer zu versichernde Frauen zurückbleiben. Außerdem empfinden die Versicherer den einheitlichen Tarif als ungerecht. Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft sieht mit der Entscheidung das zentrale Prinzip der Äquivalenz von Beitrag und Leistung der privaten Versicherungswirtschaft in Frage gestellt.

Aber ist dies tatsächlich der Fall? Antiselektion (adverse Selektion oder auch negative Auslese genannt) ist ein echtes Problem. Eine Prämiendifferenzierung wird jedoch nicht dadurch unmöglich, dass man einen Faktor in der Tarifierung nicht mehr verwenden kann. Gerade die Kfz-Versicherung zeigt doch, dass sehr viele Kriterien wichtig sind, etwa der Wagentyp (es gibt Modelle, die vorwiegend von Frauen gefahren werden), das Baujahr, der Wert des Fahrzeugs, der Wohnort, die jährlich gefahrenen Kilometer, Garage usw. Und wenn sich die Risiken zwischen jungen Frauen und jungen Männern zwischen 18 und 25 Jahren signifikant unterscheiden, kann man viel durch einen "Anfängerzuschlag" auffangen. Vielleicht wird der am Anfang etwas höher ausfallen als tatsächlich nötig, weil die Schadenverhältnisse sich im Durchschnitt ja nicht ändern, damit nicht alle jungen Männer in den günstigeren Unisex-Tarif wechseln. Auch in der Lebensversicherung wird man unter dem Druck dieses Urteils innovativer werden müssen. Sicherlich ist richtig, dass das Kriterium "Geschlecht" im Verhältnis zu anderen Kriterien wie dem Lebensstil und dem Einkommen stabil ist, auch der Bildungsstand ist nicht leicht und schnell zu verändern. Aber insgesamt gilt auch hier, dass der viel beschworene Wettbewerb es schon richten wird. Denn, ein letztes Argument, man kann zeigen, dass auch "Mischverträge", wie sie die Unisex-Verträge darstellen würden, im Wettbewerb überleben.

Roland Eisen

Universität Frankfurt

eisen@wiwi.uni-frankfurt.de


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