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91. Jahrgang, 2011, Heft 5 · S. 292

Goldpreis : Stabilität durch Goldstandard?

Gerhard Illing

Seit Ausbruch der Finanzkrise hat sich der Goldpreis mehr als verdoppelt; Anfang letzter Woche stieg er auf den Rekordwert von 1575,79 US-$ pro Feinunze. Nicht nur immer mehr Privatanleger flüchten auf der Suche nach sicheren Anlagen zum Gold. Auch Zentralbanken in Schwellenländern - etwa in Indien, China und Russland - bauen verstärkt ihre Goldreserven aus; erst im Februar und März dieses Jahres hat die Zentralbank von Mexiko fast 100 Tonnen Gold gekauft. Offensichtlich zweifeln viele Anleger an der Stabilität moderner Papierwährungen. Die unkonventionellen Rettungsmaßnahmen westlicher Zentralbanken haben bei manchen gar die Furcht vor einer drohenden Hyperinflation in den hoch verschuldeten westlichen Industrienationen geschürt. Die Beliebtheit von Gold ist ein Indiz für die Sehnsucht nach einem festen Anker, einem sicheren Vermögenswert, der nicht durch Politiker oder Zentralbanker manipuliert werden kann. Schließlich können - im Gegensatz zu den Bilanzen der Zentralbanken - die weltweit verfügbaren Goldbestände nicht mit einem Federstrich ausgeweitet oder reduziert werden.

Die Suche nach einem solchen stabilen Anker ist aber eine gefährliche Illusion. Die Tragik vieler risikoscheuer Anleger liegt darin, dass gerade sie auf der Suche nach einem vermeintlich sicheren Vermögenswert in eine hoch spekulative Anlageform investiert haben, die starken Preisschwankungen unterliegt. Die Turbulenzen auf den Rohstoffmärkten in der vergangenen Woche liefern ein eindrucksvolles Beispiel für die hohe Volatilität dieser Märkte.

Die Sehnsucht nach einem stabilen Anker lässt vermehrt Rufe nach einer neuen internationalen Währungsordnung mit der Rückkehr zum Goldstandard laut werden. Gerade die aktuelle Finanzkrise zeigt aber, wie fatal ein solcher Schritt wäre: Er hätte den Verzicht auf die Stabilisierung durch die Geldpolitik bedeutet. In der globalen Finanzkrise setzte eine massive Flucht aus riskanten Vermögenswerten hin zu sicheren Anlageformen wie Staatspapieren, Geld und Gold ein. Indem Zentralbanken weltweit diese Nachfrage durch Schaffung zusätzlicher Liquidität befriedigten, trugen sie maßgeblich zur Stabilisierung der Wirtschaft bei. In einem System mit Goldstandard hätten dagegen bei einer Verdoppelung des Goldpreises alle Preise und Löhne um die Hälfte sinken müssen - gemessen in den Einheiten der Währung, die an Gold gekoppelt wird. Dieser massive Deflationsdruck hätte die reale Schuldenlast verschuldeter Unternehmen und Haushalte dramatisch ansteigen lassen und so eine unvorstellbare Bankrottwelle ausgelöst. Anfang der 30er Jahre war gerade das Festhalten am Goldstandard ein wesentlicher Faktor für die fatale Dynamik der weltweiten Depression.

Die Flucht in Geld und Staatsanleihen erfolgte im Vertrauen darauf, dass Zentralbanken für Preisstabilität sorgen, dass sie bei einer Erholung des Wirtschaftswachstums die expansive Geldpolitik wieder rückgängig machen. Zweifellos kann Vertrauen immer missbraucht werden. Die Tatsache aber, dass sowohl im Euroraum wie in den USA sowohl Inflationserwartungen wie langfristige Zinsen weiterhin außergewöhnlich niedrig bleiben, zeigt, dass die Mehrheit der Anleger die Gefahr einer Deflation höher einschätzen als die einer Hyperinflation und darauf vertrauen, dass die Zentralbanken verantwortungsvoll handeln. Gold-Investoren (Goldbugs) dagegen spekulieren auf einen Staatsbankrott. Es wäre aber naiv zu glauben, bindende Fesseln eines Goldstandards könnten mehr Sicherheit bieten als moderne Geldpolitik: Zwar kann man den Bestand an Gold nicht per Federstrich verändern. Aber die gesetzliche Verankerung einer Goldbindung kann jederzeit per Federstrich aufgehoben werden.

Gerhard Illing

Ludwig-Maximilians-Universiät München

Gerhard.Illing@lrz.uni-muenchen.de


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