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91. Jahrgang, 2011, Heft 7 · S. 436

Fachkräftemangel: Hausgemachte Probleme

Gerhard Bosch

Das Geheimnis der deutschen Wettbewerbsfähigkeit liegt in der hohen Qualifikation der Fachkräfte. Sie garantieren Innovation und hohe Qualität der Produkte. Umso bedrohlicher ist ein Fachkräftemangel. Er würde Wachstum und Arbeitsplätze kosten. Bei Fachkräftemangel fehlen Arbeitskräfte mit einer bestimmten Berufs- oder Hochschulbildung. In einer Marktwirtschaft drückt sich ein Mangel immer in Preissteigerungen aus. Solche Preissignale sind auf dem Arbeitsmarkt noch nicht zu erkennen. Bis heute sind die Löhne von Fachkräften nicht schneller als die von Beschäftigten ohne Berufsausbildung gestiegen. Außerdem bekommen die meisten Jugendlichen nach ihrer Ausbildung nur einen befristeten Vertrag. Mit einem wirklich knappen Gut geht man nicht so verschwenderisch um.

Klagen über Fachkräftemangel sind zudem wenig glaubhaft, wenn gleichzeitig gut qualifizierte Frauen in geringfügiger Teilzeit festgehalten werden. Mit der Beschäftigungsquote von Frauen in Dänemark ließen sich in Vollzeitäquivalenten gerechnet 3 Mio. zusätzliche Arbeitskräfte gewinnen. Allerdings müsste die Politik dazu endlich den Mut aufbringen, neben einem beschleunigten Ausbau der Kinderbetreuung und von Ganztagsschulen die Fehlanreize der Begrenzung der Arbeitszeit durch Minijobs und Ehegattensplitting zu beseitigen. Von einem allgemeinen Fachkräftemangel kann daher noch nicht die Rede sein. Allerdings nimmt der Personalmangel in Unternehmen mit schlechten Arbeitsbedingungen zu. In den Jahren hoher Arbeitslosigkeit sind diese Unternehmen verwöhnt worden. Sie bekamen qualifizierte Arbeit zu niedrigen Löhnen. Es ist nur verständlich, dass sich heute die schlecht bezahlten Fachkräfte nach besseren Arbeitgebern umschauen. Anstatt über angeblichen Fachkräftemangel zu jammern, sollte man die Löhne erhöhen und die Arbeitsbedingungen verbessern. Sonst verliert man den Wettbewerb um Fachkräfte. Es kann nicht Aufgabe der Politik sein, bei Massenarbeitslosigkeit entstandene schlechte Personalpolitik durch die Einfuhr billiger Arbeitskräfte zu unterstützen.

Langfristig steuern wir aber auf einen wirklichen Fachkräftemangel zu. Der zentrale Grund: Es wurde und wird zu wenig aus- und weitergebildet. Nach einer gemeinsamen Prognose des Bundesinstituts für berufliche Bildung und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung liegt im Jahr 2025 das Angebot an Personen ohne Berufsausbildung um 1,3 Mio. Personen über der Nachfrage. Entsprechend hoch wird der Mangel an Fachkräften sein. Zuwanderung kann ihn etwas dämpfen, aber nicht beseitigen. Der künftige Fachkräftemangel ist also vorrangig hausgemacht. Die bildungspolitische Herausforderung im nächsten Jahrzehnt ist in ihren Dimensionen noch nicht begriffen worden. Der Bericht der Bundesregierung zur technologischen Leistungsfähigkeit sprach 2006 sogar von "Rissen im Fundament". Auf dem Bildungsgipfel 2010 wurden zwar wichtige Ziele zur Bildungspolitik formuliert, wie etwa die Halbierung der Zahl der Schulabbrecher. Budgetmäßig sind diese Ziele aber nicht unterfüttert. Im Gegenteil: Es kommt sogar zu Kürzungen, wie etwa in der Weiterbildungspolitik der Arbeitsagenturen.

Notwendig ist eine Bildungsoffensive, in der die Bildungsausgaben um 1% des Sozialprodukts auf das Durchschnittsniveau der OECD gesteigert werden. Es geht um rund 25 Mrd. Euro zusätzlich pro Jahr. Das ist prozentual weniger als die Regierung 2010 angekündigt hat, aber realistischer. Die gute Wirtschaftssituation bietet gute Chancen für eine Umsteuerung. Für Steuergeschenke bliebe dann allerdings kein Spielraum. Steuersenkungen auf Kosten von Zukunftsinvestitionen sind standortgefährdend.

Gerhard Bosch

Universität Duisburg-Essen

gerhard.bosch@uni-due.de


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