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91. Jahrgang, 2011, Heft 9 · S. 651-652

Konjunkturschlaglicht

Globale Risiken belasten die Konjunktur

Jörg Hinze

Die globalen Risiken für die Konjunktur - EU- und US-Schuldenkrisen, Rezessionsängste in den USA, Inflationsdruck in den Schwellenländern, politische Unruhen in Nahost - wurden in den zurückliegenden Monaten zunehmend virulent. Die weltweiten Turbulenzen an den Börsen sind Ausdruck dessen und drohen über Vertrauens- und Vermögenseffekte auf die Realwirtschaft überzugreifen. Gleichzeitig sind die wirtschaftspolitischen Handlungsspielräume gering, da der Exit aus den expansiven Maßnahmen während der vergangenen Krise vielfach nicht gelungen ist. Nun erzwingen die Schuldenprobleme in einigen Ländern Sparprogramme, die eine dämpfende Wirkung auf die Konjunktur haben.

Das alles belastet auch die bis zum Frühjahr dynamisch wachsende deutsche Wirtschaft, zumal nach dem kräftigen Aufholprozess nach der Krise 2008/2009 eine zyklische Abflachung erwartet worden war. Die deutliche Wachstumsverlangsamung im zweiten Quartal beruhte allerdings auch auf Sondereinflüssen, wie einer "technischen Reaktion" auf das durch Nachholeffekte überhöhte erste Quartal. Überraschend schwach war der private Konsum, denn die Entwicklung am Arbeitsmarkt und bei den Einkommen blieb weiter günstig (vgl. Tabelle 1). Die guten binnenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die noch gute Auftragslage auch aus dem Ausland lassen für die deutsche Wirtschaft aber erwarten, dass sie ihren Aufwärtstrend im zweiten Halbjahr fortsetzt. Dazu dürften neben einem wieder stärkeren privaten Konsum auch die Unternehmensinvestitionen und der Wohnungsbau beitragen. Sicherlich werden die Probleme der jüngeren Vergangenheit nicht ohne Auswirkungen bleiben, zumal die in vielen Industrieländern erforderlichen Konsolidierungsprogramme deren Konjunktur und über deren Auslandsnachfrage auch den Welthandel beeinträchtigen. Die deutschen Exporte werden in der Folge weniger stark expandieren, als noch vor einiger Zeit vorausgeschätzt.

Das wird in den letzten Monaten dieses Jahres und dann im kommenden Jahr die deutsche Konjunktur dämpfen und sich über Beschäftigungs- und Einkommenseffekte zunächst im Exportbereich, in der Folge auch in der Binnenwirtschaft auswirken. Dabei ist bereits unterstellt, dass die von den Schuldenkrisen betroffenen Länder ihre Probleme angehen und die Finanzmärkte sich so weit beruhigen, dass von diesen nicht eine zusätzliche Verunsicherung auf die Realwirtschaft ausstrahlt. Unter diesen Bedingungen würde die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr weiter moderat wachsen. Das reale BIP wird 2011 wegen des hohen Überhangs noch um 3% zunehmen, 2012 zwischen 1% und 1½% (vgl. Abbildung 1). Die Zahl der Arbeitslosen wird nur noch leicht zurückgehen. Die Inflationsrate wird bei geringeren Preiserhöhungsspielräumen und nachlassenden Energieverteuerungen wieder unter die 2%-Marke fallen.

In früheren Prognosen des HWWI war stets auf die externen Risiken hingewiesen worden. Die nun nach unten revidierten Prognosen für 2011 (in der Juni-Prognose noch 3,5%) und 2012 (zuvor 2,2%) berücksichtigen die inzwischen eingetretenen Verschlechterungen. Gleichwohl sind die Probleme noch keinesfalls gelöst und die Risiken für eine noch deutlich ungünstigere Entwicklung sind nach wie vor groß. Inwieweit diese virulent werden oder sich vermeiden lassen, wird von einer Reihe (wirtschafts-)politischer Entscheidungen abhängen. So müssen in Europa, aber auch in den USA, die Staatsschuldenkrisen nachhaltig angegangen werden. Bei zu starken Sparanstrengungen droht ein Abgleiten in eine Rezession. Eine weitere Verschuldung bereits hoch verschuldeter Staaten wiederum würden wohl die Finanzmärkte nicht hinnehmen, und es drohten Staatspleiten. Überzeugende Konsolidierungskonzepte hingegen könnten bei privaten Verbrauchern und Investoren neues Vertrauen in die Problemlösungs-Fähigkeit der Politik schaffen und so die Finanzmärkte beruhigen und die Konjunktur stützen. Die größte Rezessionsgefahr besteht wohl für die USA und die europäischen Problemländer. Aber auch in wichtigen Schwellenländern scheint sich die Dynamik abzuschwächen, zumal hoher Inflationsdruck dort restriktive Maßnahmen erfordert. Eine weitere Verschärfung der aktuellen Probleme würde die Konjunktur zusätzlich belasten.

Jörg Hinze

hinze@hwwi.org

Tabelle 1 (zurück zum Text)
Eckdaten für Deutschland

Veränderung in % gegenüber dem Vorjahr

2007 2008 2009 2010 2011 2012
Bruttoinlandsprodukt1

3,3

1,1

-5,1 3,7 3,0 1,2
Private Konsumausgaben -0,2 0,6 -0,1 0,6 1,2 1,0
Staatl. Konsumausgaben 1,4 3,1 3,3 1,7 0,9 1,0
Anlageinvestitionen 4,7 1,7 -11,4 5,5 6,8 1,8
Ausrüstungen 10,5 3,6 -22,8 10,5 10,0 2,9
Bauten -0,3 -0,7 -3,0 2,2 5,0 0,3
Sonstige Anlagen 7,3 7,0 0,6 4,7 2,6 5,3
Inlandsnachfrage 1,9 1,3 -2,6 2,4 2,5 1,5
Ausfuhr 8,0 2,7 -13,6 13,7 8,2 4,5
Einfuhr 5,4 3,3 -9,2 11,7 7,9 5,6
Arbeitsmarkt
Erwerbstätige 1,7 1,2 0,0 0,5 1,2 0,2
Arbeitslose (in Mio.) 3,76 3,26 3,41 3,24 2,98 2,92
Arbeitslosenquote2 (in %)

8,6

7,5

7,8 7,4 6,8 6,6
Verbraucherpreise 2,3 2,6 0,4 1,1 2,2 1,7
Finanzierungssaldo des Staates (in % des BIP) 0,2 -0,1 -3,2 -4,3 -1,5 -1,1
Leistungsbilanzsaldo3
(in % des BIP)

7,5

6,3

5,6 5,7 5,5 5,1

1 Preisbereinigt.
2 Arbeitslose in % der inländischen Erwerbspersonen (Wohnortkonzept).
3 In der Abgrenzung der Zahlungsbilanzstatistik.

Quellen: Statistisches Bundesamt; Deutsche Bundesbank; Bundesagentur für Arbeit; ab 2011: Prognose des HWWI.

Abbildung 1 (zurück zum Text)
Preisbereinigtes BIP in Deutschland

Saison- und arbeitstäglich bereinigt mit Census-Verfahren X-12-Arima

Abb1.ai

1 Veränderung in % gegenüber dem Vorquartal, auf Jahresrate hochgerechnet, rechte Skala.
2 Zahlenangaben: Veränderung gegenüber dem Vorjahr in %.

Quellen: Statistisches Bundesamt; 2011 und 2012: Prognose des HWWI.


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