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92. Jahrgang, 2012, Heft 10 · S. 649-650

Frauenquote: Quadratur des Kreises

Christina Boll

Unter den 588 größten europäischen börsennotierten Unternehmen beträgt der Frauenanteil im höchsten Entscheidungsgremium in der deutschen Unternehmensgruppe 16%, während norwegische Unternehmen auf 42%, finnische auf 27% und französische auf 22% kommen. Im deutschen Vergleich klafft zudem eine große Lücke zwischen Vorstands- und Aufsichtsratsposten von Frauen. Der höhere Frauenanteil in Aufsichtsräten ist lediglich das Ergebnis der Entsendepraxis der Mitbestimmungsorgane. Dass die Einführung einer festen Frauenquote für Aufsichts- und Verwaltungsräte, wie sie vom Bundesrat auf Antrag der Länder Hamburg und Brandenburg am 21. September 2012 befürwortet wurde, auch auf die Besetzung von Vorstandspositionen positiv ausstrahlt, muss daher bezweifelt werden. In dem Gesetzentwurf, der nun in den Bundestag eingebracht werden wird, ist die Einführung einer 20%-Quote für DAX-Unternehmen ab 2018 und deren Aufstockung auf 40% ab 2023 vorgesehen.

Führungspositionen werden überwiegend in Vollzeit ausgeübt: Wie der Führungskräfte-Monitor zeigt, betrug 2010 die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von weiblichen Führungskräften 40 Stunden, von männlichen 47 Stunden. Durch Kinder werden in Deutschland noch immer einseitig Frauen mehrfach belastet. Wie eine multinationale Zeitverwendungsstudie des HWWI ergab, hielten deutsche vollzeitbeschäftigte Väter mit beschäftigten Partnerinnen und Kindern unter fünf Jahren im Haushalt zur Jahrtausendwende mit nur 37 Minuten täglicher Hausarbeitszeit zusammen mit italienischen Vätern die rote Laterne. Zum Vergleich: Norwegische Väter kamen auf täglich 64, kanadische auf 62, Väter in Großbritannien auf 54 Minuten. Deutsche vollzeitbeschäftigte Mütter mit gleicher Partner- und Kinderkonstellation brachten es auf täglich 100 Minuten Hausarbeitszeit. Auch bei der Kinderbetreuung konnten deutsche Väter im internationalen Vergleich nicht gerade punkten: Sie brachten es auf täglich 68 Minuten, dagegen wandten finnische Väter 87, kanadische 81 und norwegische Väter immerhin 74 Minuten auf. Nur italienische Väter beschäftigten sich mit 61 Minuten noch weniger mit ihren kleinen Kindern als deutsche.

Daraus ergibt sich: Führung im Job und zugleich Hauptverantwortung für Haushalt und Familie gleicht unter den gegenwärtigen deutschen Rahmenbedingungen der Quadratur des Kreises. Dies erklärt, warum zwar in 20% der Haushalte von männlichen Führungskräften Kinder unter drei Jahren leben, diese aber in Haushalten von weiblichen Führungskräften so gut wie nicht vorkommen. Zwar steigt, wie Berechnungen des HWWI zeigen, der Führungsanteil unter Akademikerinnen nach dem "Familienknick" wieder an. Für den Arbeitsmarkt jedoch bleiben die Kompetenzen und Erfahrungen dieser Frauen in entscheidenden Jahren ihres Erwerbslebens unerschlossen. Elternschaft verlangt und verstärkt spezifische und für Führungsaufgaben unerlässliche Kompetenzen wie Selbstorganisation, Verantwortungsübernahme und Empathie. Die Unterrepräsentanz von Eltern, insbesondere von Müttern minderjähriger Kinder, in Führungspositionen bedeutet, dass der deutschen Wirtschaft ein enormer Schatz an Sozial-, Handlungs- und Fachkompetenz verloren geht - ein gewaltiger Wettbewerbsnachteil. Wer mehr Frauen in operativen Entscheidungsgremien haben will, muss die Rahmenbedingungen dafür schaffen. Die Festschreibung einer Quote für Führungspositionen mag ein hilfreiches politisches Signal sein; um tatsächlich die besten Talente in Führung zu bringen, wird die Quote solange wenig nutzen, wie nicht zugleich Führung und Verantwortung in Job und Familie miteinander vereinbar werden: Eine innovationsstarke Wirtschaft braucht innovative Arbeitsbedingungen und mehr Engagement von Männern und Vätern im Haushalt.

Christina Boll

Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut

boll@hwwi.org


Kommentare zu diesem Artikel

Alf schrieb am 13.11.2017 um 00:18 Uhr

wir diskutieren im Freundschaftskreis ja wirklich alles! Bei uns ist keine einzige Frau dabei, die es sich vorstellen könnte, in einer Führungsposition zu arbeiten. Vielleicht Zufall, vielleicht auch nicht!

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