Ein Service der

Inhalt

92. Jahrgang, 2012, Heft 12 · S. 792

Minijobs: Schritt in die falsche Richtung

Holger Bonin

Von Januar 2013 an dürfen Minijobber monatlich bis zu 450 Euro monatlich abgabenfrei verdienen. Mit der als Inflationsausgleich gerechtfertigten Anhebung der Arbeitsentgeltgrenze für geringfügige Beschäftigung stärkt die Bundesregierung ein Instrument, das wegen zahlreicher Nebenwirkungen eigentlich längst auf den arbeitsmarktpolitischen Prüfstand gehört. Die Minijobs wurden einmal in der Hoffnung erdacht, eine Brücke für Langzeitarbeitslose in den regulären Arbeitsmarkt zu bauen. Tatsächlich aber fördern sie prekäre Erwerbsverläufe.

Frauen spüren die ungünstigen Wirkungen der Minijobs ganz besonders. So zeigte eine nur wenige Tage vor dem Bundestagsbeschluss zur Anhebung der Einkommensgrenze von Familienministerin Kristina Schröder vorgestellte Studie des Delta Instituts wieder einmal: Der Anreiz der Abgabenfreiheit und die scheinbare Flexibilität der Minijobs locken vor allem Mütter sehr schnell in eine Falle, aus der sie wegen der hohen Grenzbelastung von Zweitverdienern in regulärer Beschäftigung, Dequalifizierung und Stigmatisierung auf Dauer nicht mehr herausfinden. Auch als Maßnahme, mehr Hartz-IV-Empfängern einen Einstieg oder eine Rückkehr ins Erwerbsleben zu ermöglichen, ist die Neuregelung der Minijobs ungeeignet. Grundsätzlich schafft die Abgabenfreiheit bei dieser Gruppe keinen Anreiz zur Arbeitsaufnahme. Die Sozialabgaben, die in einem regulären Beschäftigungsverhältnis fällig wären, würden für diese Gruppe durch entsprechend höhere Transferleistungen ausgeglichen. Dass dennoch viele Aufstocker von Arbeitslosengeld II einen Minijob ausüben, ist eine Folge der Hinzuverdienstregeln. Sie machen Tätigkeiten, die im Monat nicht mehr als 100 Euro einbringen, besonders attraktiv. So geringfügige Arbeit gibt es nur als Minijob. Die Anhebung der Entgeltgrenze geht also an der Mehrzahl der Hartz-IV-Empfänger vorbei, die schon die bisherige 400-Euro-Regelung nicht voll ausschöpfen.

Ein Rückbau der Minijobs dürfte geringqualifizierten Arbeitslosen jedenfalls sehr viel mehr nützen. Die Übergangsraten aus der geringfügigen Beschäftigung in Normalarbeitsverhältnisse sind niedrig. Zugleich spricht einiges dafür, dass durch die Existenz der Minijobs dringend gesuchte Vollzeitstellen zur Ausübung einfacher Tätigkeiten verloren gehen. Selbst wenn der einzelne Betrieb nicht genug Arbeit hätte – nach einer Reform neu auf den Markt kommende spezialisierte Dienstleiter wären in der Lage, mehrere geringfügige Beschäftigungen zu kombinieren, um daraus eine vollwertige Stelle zu schaffen. Eine Eindämmung der abgabenfreien abhängigen Beschäftigung wäre auch ein Mittel gegen häufig beklagte Niedriglöhne. Die geringen Stundenlöhne der Minijobber sind nicht nur ein Ergebnis ihrer geringen Qualifikation oder Wertschöpfung. Der Nettoeinkommensvorteil gegenüber einer regulären Beschäftigung schafft eine Verteilungsmasse, von der viele Arbeitgeber, etwa durch unbezahlte Mehrarbeit, einen Teil abschöpfen. Dies geht umso leichter, als die geringfügig Beschäftigten flexibler kündbar und durch Betriebsräte schlechter repräsentiert sind. Somit erweist sich die Anhebung der Entgeltgrenze als Schritt in die falsche Richtung. Geboten wäre eine deutliche Absenkung der Entgeltgrenze, etwa auf 100 Euro, um eine unbürokratische Lösung für Kleinstbeschäftigungen zu erhalten. Mit einer solchen echten Reform ist – zumal in einem Wahljahr – aber nicht zu rechnen. Dazu sind die Minijobs als Flexibilisierungsreserve bei Arbeitgebern, aber auch bei vielen Minijobbern, die damit einen günstigen Nebenverdienst brutto für netto bekommen, zu populär.

Holger Bonin

Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, Universität Kassel

bonin@zew.de


Kommentare zu diesem Artikel

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Ihr Kommentar

Wir freuen uns über Ihren Kommentar.
Die Redaktion behält sich vor Beiträge, die diffamierende Äußerungen enthalten oder sich eines unangemessenen Sprachstils bedienen, nicht zu veröffentlichen.

SPAM-Schutz * Welcher Buchstabe fehlt im folgenden Wort?