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92. Jahrgang, 2012, Heft 12 · S. 792-793

Ratingagenturen: Zähmung nutzlos bis gefährlich

Hanno Beck

Seit jeher ist es gute Unsitte, die Schuld für schlechte Nachrichten nicht bei sich, sondern beim Überbringer selbiger Nachrichten zu suchen. An dieser unguten Tradition halten auch die Vertreter der EU-Kommission, des Europaparlaments und der EU-Staaten fest, die sich im Zuge des Euro-Debakels auf die Ratingagenturen als Mitverantwortliche Sünder eingeschossen haben und nun handeln wollen. Unter anderem will die EU die Ratingagenturen für Fehlurteile, die aus Nachlässigkeit und Absicht entstehen, stärker haftbar machen und sie zwingen, die Bonitätsnoten für Staaten nur noch zu drei fix vereinbarten Stichtagen pro Jahr und nur außerhalb der Börsenzeiten zu veröffentlichen. Leider sind die Beschlüsse der Euro-Verantwortlichen alles andere als sachgerecht – die aktuellen Vorschläge zur Zähmung der Ratingagenturen zeugen eher von Verzweiflung, Populismus und mangelndem Sachverstand; sie sind bestenfalls nutzlos, schlimmstenfalls gefährlich.

Es wird ein Geheimnis bleiben, was genau die EU-Oberen sich von der Terminfixierung versprechen, ihre Folgen hingegen lassen sich leicht erahnen: Wenn im Januar die Bonität eines Staates sinkt, soll eine Ratingagentur dann drei Monate lang ein falsches Rating publizieren, nur weil die nächste Veröffentlichung des Ratings laut Kalender erst für März vorgesehen ist? Und sich im schlimmsten Fall noch dafür verklagen lassen? Ratings hängen nicht vom Terminkalender, sondern von der Bonität eines Landes ab, und wenn diese sich ändert, muss sich das Rating ändern – alles andere ist Unfug. Das Argument der Union, dass einige Ratings zur Unzeit kamen und zur Verschärfung der Krise beigetragen haben, ist wenig überzeugend: Schlechte Nachrichten zu ignorieren oder gar zu verbieten hilft bei der Krisenbewältigung kein Stück weiter. Allerdings kann man davon ausgehen, dass diese Regelung ohnehin wirkungslos sein wird, da die EU kaum US-Unternehmen daran hindern kann, ihre Ratings in den USA zu veröffentlichen, wo sich europäische Investoren dann informieren werden.

Vergleichbar unausgegoren ist die Idee, dass Ratingagenturen für Fehlurteile haften sollen, wenn sie nachlässig und fahrlässig handeln oder mit Absicht falsche Ratings publizieren. Bestenfalls ist diese Regelung überflüssig – kann man einer Agentur kriminelle Energie nachweisen, so dürfte das aktuelle Recht ausreichend Möglichkeiten im Kampf gegen solche Auswüchse bieten. Der Nachweis von Fahrlässigkeit hingegen dürfte schwierig bis unmöglich sein, und die ebenfalls in der EU diskutierte Idee, dass die Ratingagenturen nachweisen müssen, dass sie nicht fahrlässig gehandelt haben, ist Unfug – die Abwesenheit von Fahrlässigkeit lässt sich ebenso schlecht beweisen wie die Nicht-Existenz des Weihnachtsmannes.

Nicht überflüssig, sondern gefährlich wird die Idee der Haftung, sobald sie diese vom dazugehörigen Institut der Verantwortung trennt und Anleger die Verantwortung für ihre Fehlinvestments gerichtlich bei den Ratingagenturen entsorgen können. Im schlimmsten Fall führt das dazu, dass Anleger in riskante Papiere investieren, im Erfolgsfall die Gewinne einstreichen und bei Verlusten die Ratingagentur verklagen – eine juristisch abgesicherte Anlagestrategie. Abgesehen von diesen pervertierten Anreizen kann keine Agentur die Verantwortung für die Milliarden an Investments übernehmen, die sich auf Ratings stützen (oder vorgeben, das zu tun), das wäre das Ende der Ratingindustrie und eine Gefahr für die freie Meinungsäußerung – überspitzt gesagt kann man mit so einer Regelung jeden verklagen, der sich ein Urteil über einen Schuldner erlaubt.

Keine Frage – die Ratingindustrie weist Besonderheiten und Probleme auf, und diskussionswürdige Reformvorschläge gibt es viele. Die Verantwortlichen in der Europäischen Union müssen erkennen, dass viele ihrer Vorschläge keine Bestnote verdienen und dass die Schuld für die Eurokrise nicht bei den Boten zu suchen ist.

Hanno Beck

Hochschule Pforzheim

hanno.beck@hs-pforzheim.de


Kommentare zu diesem Artikel

Gerrit van den Toren schrieb am 13.12.2012 um 11:08 Uhr

Wie soll aber mehr Distanz zwischen den Ratingagenturen und den Finanzinstitutionen geschaffen werden? Das eine staatliche Ratingbehörde natürlich den privatwirtschaftlichen Agenturen Marktanteile abnehmen würde, liegt in der Natur der Sache, aber ich finde es bedenklich, wenn die hintergründige Verstrickung der Agenturen mit dem Finanzsektor bei der Kritik ausgeblendet werden. Ebenso finde ich es scheinheilig, dass die wirtschaftwissenschaftlichen Apologetne des status quo - also der Krise - nun noch ein Befolgen ihrer Empfehlungen einfordern und sich nicht zu allererst selbst eingestehen, dass die Hoffnung auf eine Angebotsorientierte Lösung der Menschheitsprobleme eine tödlich falsche ist. Ich würde mir einfach mal wünschen, dass es mehr Reflexion gibt. Wenn ich dabei helfen kann, gerne melden: gerritvandentoren@gmx.de

Mit freundlichen Grüßen

Gerrit van den Toren

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