Ein Service der

Inhalt

92. Jahrgang, 2012, Heft 2 · S. 76

Pflege-Zusatzversicherung: Irrweg Pflege-Riester

Klaus Jacobs

Die Mitte der 1990er Jahre eingeführte Pflegeversicherung war von Anfang an als Teilkaskoversicherung konzipiert und deckt somit - für gesetzlich wie privat Versicherte - nur einen Teil der Pflegekosten ab. Die Deckungslücke zwischen den Pflegekosten und den Versicherungsleistungen müssen die Pflegebedürftigen selbst tragen. Dazu hatten 2010 gerade einmal 1,7 Mio. Menschen eine private Zusatzversicherung abgeschlossen. Die Bundesregierung will den freiwilligen Abschluss privater Pflege-Zusatzversicherungen künftig steuerlich fördern - analog zur Riester-Rente. Dadurch soll es zu einer "ausgewogeneren Belastung der Generationen" kommen (so der aktuelle Entwurf zum "Pflege-Neuausrichtungsgesetz"). Das wird jedoch kaum funktionieren.

So hat das vermeintliche Erfolgsmodell der Riester-Rente zehn Jahre nach Einführung erheblich an Strahlkraft eingebüßt. Abgesehen von mangelhafter Transparenz, hohen Verwaltungskosten und bescheidenen Renditen ist es vor allem der deutliche Zusammenhang zwischen der Verbreitung der Riester-Rente und der Höhe der verfügbaren Haushaltseinkommen, der zunehmend Kritik auslöst. Im Ergebnis kommt die beträchtliche Förderung aus Steuermitteln weit überproportional bei denjenigen an, die aufgrund ihres Einkommens ohnehin am ehesten zur ergänzenden Eigenvorsorge fähig sind. Wer dagegen nur über ein geringes Einkommen verfügt, empfindet die erforderliche Eigenleistung meist als zu hoch. Grundsätzlich wären ähnliche Mitnahmeeffekte auch bei einer analog ausgestalteten Pflege-Zusatzversicherung zu erwarten - auch wenn Umfang und Ausgestaltung der steuerlichen Förderung des geplanten "Pflege-Riester" noch nicht feststehen.

Die Gefahr, dass die steuerliche Förderung am wenigsten dort ankommt, wo sie am meisten gebraucht wird, hat bei freiwilligen Pflege-Zusatzversicherungen aber noch einen anderen Grund, den es bei der Riester-Rente nicht gibt. Wer eine Pflege-Zusatzversicherung abschließen will, muss in der Regel - wie bei einer privaten Krankenversicherung - Fragen nach seinem Gesundheitszustand beantworten. Resultat: Wer bestimmte Behinderungen oder Vorerkrankungen hat, also ein vergleichsweise hohes Pflegerisiko aufweist, wird meist rundweg abgelehnt. In diesem Fall müssten die Betroffenen als Steuerzahler die Förderung Anderer mit geringerem Pflegerisiko mitbezahlen, ohne selbst in den Genuss dieser Förderung kommen zu können. Man darf gespannt sein, wie die Politik mit diesem Problem umgeht. Einen Kontrahierungszwang seitens der Versicherer kann es bei einer freiwilligen Zusatzversicherung wohl kaum geben.

Von der Förderung privater Pflege-Zusatzversicherungen profitieren - neben der privaten Versicherungswirtschaft - vor allem auch potenzielle Erben, denen das elterliche Vermögen auch bei langjähriger Pflegebedürftigkeit erhalten bleibt. Auch deshalb springt grundsätzlich zu kurz, wer "ausgewogenere Belastungen der Generationen" isoliert in einzelnen Sicherungssystemen herstellen will. Die Verminderung der Staatsverschuldung dürfte die Gesamtbelastung künftiger Generationen deutlich wirksamer begrenzen als eine steuerlich geförderte Rücklage für künftige Pflegekosten. Bei der Pflegefinanzierung sollte die Politik besser für ausgewogenere Belastungen der gesamten Bevölkerung sorgen, indem alle Bürger an der solidarischen Finanzierung des Pflegerisikos nach ihrer ökonomischen Leistungsfähigkeit beteiligt werden. So könnten auch steigende Pflegelasten geschultert werden, und das Geld käme am ehesten dort an, wo es am dringlichsten gebraucht wird.

Klaus Jacobs

Wissenschaftliches Institut der AOK (WIdO)

klaus.jacobs@wido.bv.aok.de


Kommentare zu diesem Artikel

Ariadne schrieb am 25.04.2012 um 19:06 Uhr

Mir wäre lieber dann die doppelten Prozente für die jetzige Pflegeversicherung zu zahlen, damit dass dann alles aus dieser versicherung bezahlt wird. Was ja am entwürdigensten ist, wir konnten ja gar nicht vorsoregen mit unseren beschissenen DDR- Biographien und unverschuldeten Vorerkrankungen. Und haben dann ca. 28 Rentenverlauf, kriegen kaum Rente über Grundsicherungsniveau. Und dann die Voratellung das einem bei 1000,00 € Rente alles weggenommen wird und nicht mal ein anständiges Taschengeld bleibt, also ich miuß echt sagen - vor allem sind wir ja die Genartion die als erstes übrhaupt die einzahlung in die Kassen begonnen haben, zahlen also für alle, die nie eingezahlt haben sowieso schon. Und wir bluten doppelt und dreifach!

Ruediger Boettcher schrieb am 11.06.2012 um 14:44 Uhr

Ich beschäftige mich als Bilanzbuchhalter auch mit diesem Thema schon länger intensiver. Meine Idee wäre eher ein Modell ähnlich dem Bonusheft für Zahnersatz. Habe mir mal Gedanken gemacht zum Thema und die aktuellen Diskussionen in Talkshows und Printmedien zusammengefasst. Mehr steht in meinem Blog:

http://chippy-online.blogspot.de/2012/03/kommt-bald-pflege-riester.html

Ihr Kommentar

Wir freuen uns über Ihren Kommentar.
Die Redaktion behält sich vor Beiträge, die diffamierende Äußerungen enthalten oder sich eines unangemessenen Sprachstils bedienen, nicht zu veröffentlichen.

SPAM-Schutz * Welcher Buchstabe fehlt im folgenden Wort?