Ein Service der

Inhalt

92. Jahrgang, 2012, Heft 5 · S. 288-289

Demografischer Wandel: Allein es fehlt die Strategie!

Martin Gasche

Am 25.4. wurde die Demografiestrategie der Bundesregierung vorgestellt. Von einer Strategie erwartet man, dass die Leitlinien zukünftigen politischen Handels aufgezeigt werden. Konkrete Maßnahmen werden später eingebettet, beschlossen und durchgeführt. Diese Erwartung wird bei der Demografiestrategie enttäuscht, da kein "roter Strategiefaden", sondern ein Sammelsurium von oft sinnvollen Einzelmaßnahmen, Aktionsplänen, kleinsten Initiativen und Willensbekundungen präsentiert wird. Die Entwicklung einer Strategie im herkömmlichen Sinne ist beim Thema Demografie gar nicht (mehr) möglich. Denn der demografische Wandel und die damit verbundenen Probleme sind kein neues Thema. Die demografische Entwicklung und die damit verbundenen Probleme, genauso wie die Rezepte, diesen Problemen zu begegnen, sind schon seit Jahrzehnten bekannt. Es ist auch nicht so, dass die Politik bisher keine Maßnahmen ergriffen hätte. Allein in der Rentenversicherung haben mit Blick auf die demografische Entwicklung in den letzten 20 Jahren zahlreiche Reformen stattgefunden.

Grundsätzlich werden in der Demografiestrategie die richtigen Handlungsfelder betrachtet: Familien-, Arbeitsmarkt-, Gesundheits-, Regional-, Bildungs-, Wachstums- und Finanzpolitik. Aus Ökonomensicht würde die Sicherung des Wachstums im Vordergrund stehen, da für den Wohlstand der Gesellschaft die Produktion von Gütern und Dienstleistungen notwendig ist. Hierfür sind Arbeitskräfte, Kapital und technischer Fortschritt nötig. Wenn die Zahl der Arbeitskräfte durch die demografische Entwicklung sinkt, sollte ungenutztes Arbeitskräftepotenzial gehoben werden. Dieses besteht im Wesentlichen aus den Frauen, den Älteren und den Jüngeren. Entsprechend muss Politik so gestaltet sein, dass die Erwerbstätigkeit dieser Gruppen gefördert wird. Da greifen die Familien-, die Arbeitsmarkt- und die Rentenpolitik, Maßnahmen zur alters- und familiengerechten Gestaltung von Arbeitsplätzen und -zeiten sowie eine auf die Erwerbsfähigkeit Älterer ausgerichtete Gesundheitspolitik. Arbeitskräftelücken können auch durch eine "produktive Zuwanderung" geschlossen werden. Hier sind Integrationsmaßnahmen für neue Zuwanderer und bereits Zugewanderte notwendig. Einem Rückgang der Arbeitskräftezahl kann zudem durch eine höhere Produktivität der noch vorhandenen Arbeitskräfte entgegengewirkt werden. Hier kommt es auf die Bildungs- und Weiterbildungspolitik an. Der technische Fortschritt muss durch entsprechende Forschungs- und Innovationspolitik unterstützt werden. All das kann nur gelingen, wenn die öffentlichen Finanzen und die Sozialversicherungen tragfähig sind. Negative Auswirkungen der regionalen Unterschiede bei Bevölkerungsrückgang und -alterung müssen abgefedert werden, aber eher als Anpassungshilfen und weniger als Politik, die sich gegen die demografische Entwicklung in den Regionen stemmt. Schließlich stellt ein zunehmender Anteil älterer Menschen Themen wie Pflege, gesundes selbstbestimmtes Altern, altengerechtes Wohnen und bürgerschaftliches Engagement in den Vordergrund.

Eine so skizzierte Demografiestrategie müsste durch geeignete Maßnahmen mit Leben gefüllt werden. Aber konkrete Maßnahmen werden in der Demografiestrategie kaum genannt, sondern es werden meist nur Absichtserklärungen und Aktionspläne aufgezählt. Beispielsweise wird angekündigt, dass eine Präventionsstrategie ausgearbeitet werden soll. Es bleibt zu hoffen, dass in der Präventionsstrategie nicht die Umsetzung der Demografiestrategie angekündigt wird. Denn dann würde sich der Hund in den Schwanz beißen. Mit der Demografiestrategie liegt zwar keine Strategie im klassischen Sinne vor, trotzdem ist sie durchaus verdienstvoll, da sie die demografische Entwicklung und die damit verbundenen Probleme zurück in die öffentliche Diskussion bringt. Das ist wichtig; denn wären diese Probleme allen so klar, müsste nicht in der Demografiestrategie völlig zu Recht ein entsprechender Sinneswandel gefordert werden.

Martin Gasche

Munich Center for the Economics of Aging (MEA)

Gasche@mea.mpisoc.mpg.de


Kommentare zu diesem Artikel

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Ihr Kommentar

Wir freuen uns über Ihren Kommentar.
Die Redaktion behält sich vor Beiträge, die diffamierende Äußerungen enthalten oder sich eines unangemessenen Sprachstils bedienen, nicht zu veröffentlichen.

SPAM-Schutz * Welcher Buchstabe fehlt im folgenden Wort?