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92. Jahrgang, 2012, Heft 5 · S. 355-356

Konjunkturschlaglicht

Konjunkturerwartungen und Rohstoffpreise

Leon Leschus

Seit Anfang 2012 steigen die Rohstoffpreise insgesamt wieder. Viele Rohstoffe erholten sich von ihren Tiefständen Ende 2011, weil das Weltwirtschaftswachstum höher ausfiel als erwartet. Gleichzeitig wurde eine starke Verlangsamung des chinesischen Wirtschaftswachstums weniger wahrscheinlich und die Konjunkturerwartungen in den USA haben sich aufgehellt. Insbesondere die Ölpreise verteuerten sich zu Jahresbeginn. Hier waren auch die Unsicherheiten auf der Angebotsseite, im Wesentlichen der Irankonflikt, entscheidend. So drohte der Iran damit, die Seestraße von Hormuz, durch die 20% der weltweiten Ölexporte gehen, zu schließen, falls er militärisch attackiert werden würde. Mit der Verschärfung des Konfliktes erhöhte sich der Ölpreis auf über 128 US-$ pro Barrel. Neben der Verunsicherung durch den Iran kam es auch zu Ausfällen der Ölförderung im Südsudan, in Jemen und in Syrien, was den Ölpreis zusätzlich nach oben trieb. Darüber hinaus wurde der Preisanstieg bei Öl wie auch bei anderen Rohstoffen durch die expansive Geldpolitik der Notenbanken unterstützt. Die Federal Reserve und die EZB fluteten die Märkte mit Liquidität. Viele Investoren nutzten dieses zusätzliche Geld, um in Rohstoffe zu investieren, was dann zu weiteren Preissteigerungen führte. Ziel der Anleger war es, ihr Portfolio zu diversifizieren und sich auf diesem Weg gegen Inflation abzusichern.

Seit Anfang April 2012 wendete sich das Blatt und die weltweiten Konjunkturerwartungen trübten sich etwas ein. Mit Sorge wurden die Entwicklungen in Spanien und Griechenland verfolgt. Als Ergebnis zeigten sich deutliche Rückgänge beim Index für Nichteisenmetalle, weil die Nachfrage nach Kupfer, Aluminium, Zinn, Zink, Blei und Nickel eng an die weltweite Wirtschaftsentwicklung gebunden ist. Von großer Bedeutung für die Metallmärkte ist die stark wachsende chinesische Wirtschaft. Der Anteil Chinas an der weltweiten Kupfernachfrage liegt beispielsweise bei 40%. Die chinesische Regierung kündigte an, dass Wirtschaftswachstum des Landes würde sich auf 7,5% verlangsamen, was aber immer noch ein starkes Wachstum im Vergleich zu der Entwicklung in den Industrieländern ist.

Der HWWI-Rohstoffpreisindex notiert weiterhin niedriger als im Sommer 2008, als der Höchststand erreicht wurde. Im April 2012 war der Index für Energie um 16,5% unter seinem Spitzenwert aus dem Jahre 2008. Der Index ohne Energie liegt bei Heranziehung des gleichen Betrachtungszeitraumes um 7,7% niedriger (vgl. Abbildung 1 und Abbildung 2). Die Rohstoffe ohne Energie stiegen zwar bis zum Sommer 2008 kräftig an. Ihr Allzeithoch erreichten sie jedoch erst mehr als zweieinhalb Jahre nach der Rezession 2008/09 im Februar 2011.

Die Arbeitsgruppe Rohstoffe der Europäischen Konjunkturinstitute rechnet in ihrer Frühjahresprognose damit, dass die Rohstoffpreise im laufenden Jahr durch eine schwächer wachsende Nachfrage aus den Schwellenländern bis zum zweiten Quartal 2012 gedämpft werden. Zudem macht in Europa weiterhin die Schuldenkrise Sorgen. Gleichzeitig sind auch in den USA Rückschläge beim Wirtschaftswachstum nicht auszuschließen.

Neben der weltweiten Konjunkturentwicklung bleibt die Unsicherheit beim Ölangebot ein bestimmender Faktor für den Ölpreis. So hat beispielsweise Saudi Arabien seine Ölproduktion weiter ausgedehnt, um den Ölmarkt zu beruhigen. Dies führte jedoch zu einem Rückgang der freien Förderkapazitäten, die jedoch als Sicherheitspuffer für mögliche Produktionsausfälle in der Zukunft notwendig sind. Für das Jahr 2012 wird daher mit einem Anstieg des Index für Energie von 8% auf US-Dollar-Basis gerechnet. Insgesamt werden die Rohstoffpreise in der zweiten Jahreshälfte 2012 allmählich, aber merklich steigen. Dies liegt an der erwarteten leichten konjunkturellen Erholung, die sich positiv auf die Rohstoffnachfrage auswirken wird und damit die Rohstoffpreise unterstützt. Der Rohstoffpreisindex dürfte in diesem Jahr um 5% steigen, was aber auch sehr stark an der Entwicklung beim Rohölpreis liegt, weil Rohöl mit über 70% im Gesamtindex gewichtet ist. Die Preise der Rohstoffe aus den Unterindizes ohne Energie werden im Jahr 2012 sinken und erhöhen sich im nächsten Jahr (mit Ausnahme des Unterindex für Eisenerz und Stahlschrott, der sich um 1% reduziert). Es wird prognostiziert, dass die Industrierohstoffpreise in diesem Jahr um 9% zurückgehen und 2013 um 6% ansteigen. Bei den Nahrungsmitteln wird für das aktuelle Jahr mit einem Rückgang von 6% und im folgenden Jahr mit einem Anstieg von 6% gerechnet. 2012 wirken sich gute Weizenernten preissenkend aus. Jedoch ist im nächsten Jahr davon auszugehen, dass sich höhere Produktionskosten - Dünger und Kraftstoffe werden durch den Ölpreis teurer - und niedrige Maislagerbestände zu Preissteigerungen beim Getreide führen dürften.

Leon Leschus

leschus@hwwi-consult.com

Abbildung 1 (zurück zum Text)
Rohstoffpreise1 2005 bis 2013

Quartalswerte, 2010 = 100

Leschus Abb-1.ai

1 HWWI-Index auf US-Dollar-Basis; ab 3. Quartal 2012 Prognose.

Quellen: AIECE, Rohstoffgruppe, April 2012.

Abbildung 2 (zurück zum Text)
Rohstoffpreise1 2011 und 2012

Tageswerte, 3. Januar 2011 = 100

Leschus Abb-2.ai

1 HWWI-Index auf US-Dollar-Basis.

Quelle: HWWI.


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