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92. Jahrgang, 2012, Heft 6 · S. 360

Energiewende: Kosten wirklich zu hoch?

Michael Weber, Christian Hey

Ein Jahr nach dem Kabinettsbeschluss zur Energiewende bringen sich die Kritiker wieder in Stellung. Angriffspunkt sind die angeblich außer Kontrolle geratenen Kosten der Energiewende. Die im Mai 2012 veröffentlichte Strompreisanalyse des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft macht Steuern und Abgaben, insbesondere die EEG-Umlage, für steigende Strompreise verantwortlich. Während 2000 ein Drei-Personen-Haushalt noch einen durchschnittlichen Preis von 13,94 ct/kWh bezahlen musste, kostet die kWh heute im Durchschnitt 25,74 ct. Die Energiewende aber als den Hauptkostentreiber für diesen Preisanstieg verantwortlich zu machen, ist voreilig. Außerdem muss vor der zur Abhilfe empfohlenen Fundamentalrevision des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) gewarnt werden. Sie würde den Umstieg auf erneuerbare Energien gefährden.

Die Preissteigerungen der Vergangenheit sind vor allem auf Brennstoffe zurückzuführen. Ein Aufwärtstrend dieser Kosten wird auch langfristig zu erwarten sein. Erneuerbare Energien bieten Deutschland hingegen eine saubere und klimafreundliche Alternative, die immer günstiger wird. Auch wenn der Umbau zu einer auf erneuerbaren Energien basierenden Stromversorgung die nächsten zwei Jahrzehnte noch Mehrkosten nach sich zieht, wird langfristig mit deutlichen Kosteneinsparungen gerechnet, die den Umstieg wirtschaftlich rechtfertigen. Die Kosten der Energiewende sollten außerdem nicht mit der Höhe der EEG-Umlage gleichgesetzt werden. Diese umfasst die Differenz zwischen der Höhe der Vergütungskosten und den Einnahmen durch den Verkauf des erneuerbaren Stroms am Großhandelsmarkt. Die preissenkende Wirkung erneuerbarer Energien auf den Börsenpreis wird dadurch nicht widergespiegelt. Eine aussagekräftigere Größe der Ausbaukosten erneuerbarer Energien müsste den Umfang der Preissenkung an der Strombörse von den Kosten der EEG-Umlage subtrahieren. So würde quasi eine "Netto-Umlage" berechnet.

Auch ein Blick auf die Preisindizes für Elektrizität kann die Energiewende nicht als den Hauptkostentreiber identifizieren. Der Preisindex für Haushaltsstrom steigt konstant, der Erzeugerpreisindex ist volatiler und sinkt seit Ende 2008. Letzteres ist ein Resultat des preissenkenden Effekts erneuerbarer Energien an der Strombörse. Das Auseinanderlaufen der Indizes bedeutet, dass Preissenkungen auf der Erzeugerseite derzeit nicht an die Endverbraucher weitergegeben werden. Die EEG-Umlage kann hingegen kein Grund für die Preisentwicklungen sein. Während sie sich 2011 und 2012 kaum verändert hat, ist gerade in dieser Zeit das Auseinanderlaufen der Indizes umso deutlicher. Demnach müssen andere Faktoren die Ursache sein. Dass einige Stromversorger die EEG-Umlage nur als Vorwand für Preiserhöhungen nutzen, um ihre Gewinnmargen zu erhöhen, ist durchaus eine Möglichkeit.

Selbst wenn das Kostenargument zunächst eine Skandalisierungsstrategie gegen die Energiewende vermuten lässt, besteht gleichwohl Handlungsbedarf, die Förderpolitik der erneuerbaren Energien kosteneffizienter zu machen. Die Anpassungen des EEG konnten in den letzten Jahren mit den Preissenkungen der Photovoltaik nicht Schritt halten. Der Vorzieheffekt angekündigter, aber erst verspätet vollzogener Kürzungen und die Überförderung führten zu regelrechten Investitionsstürmen, die über die Ausbauziele der Bundesregierung hinausschossen. Vor diesem Hintergrund sind eine weitere Absenkung der Fördersätze und eine monatliche Anpassung der Degression für die Einspeisevergütungen notwendig. Das EEG hat sich als lernfähig erwiesen und bedarf zweifelsohne weiterer auch grundlegender Reformen. Seine Ablösung durch Quotenmodelle wäre hingegen der falsche Weg, da diese bisher den Praxistest nicht bestanden haben: das Ausbautempo war vergleichsweise sehr niedrig, profitiert haben vor allem "alte" erneuerbare Energien wie die Wasserkraft. Außerdem waren die Förderkosten - insbesondere wegen der höheren Finanzierungsrisiken - vergleichsweise hoch. Ein Zurück zu einem nicht bewährten Instrument sollte es nicht geben.

Michael Weber, Worldwatch Institute, Washington, mweber@worldwatch.org

Christian Hey, Sachverständigenrat für Umweltfragen, Berlin


Kommentare zu diesem Artikel

Melanie schrieb am 19.07.2012 um 15:31 Uhr

Schön, dass dieses Thema auch einmal von den Fakten her betrachtet wird.
Die Berechnung der "Netto-EEG-Umlage" ist ein interessanter Ansatz. Dass die einfache Betrachtung der Haushaltsstrompreise nicht zum Einblick in die Kosten der Energiewende führt, sollte eigentlich auch jedem Journalisten klar sein.
Aber offenbar ist noch nicht deutlich genug darauf hingewiesen worden, dass es v.a. Kosten fossiler Rohstoffe und hohe Gewinnmargen der Energiekonzerne sind, die zu hohen Strompreisen führen - wie sollte es sonst möglich sein, dass reine Ökostromanbieter günstigeren Strom anbieten?!
www.atomausstieg-selber-machen.de

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