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92. Jahrgang, 2012, Heft 6 · S. 423-424

Konjunkturschlaglicht

Euro-Unsicherheit überschattet Konjunktur

Jörg Hinze

Aktuelle Prognosen stehen unter dem Vorbehalt der weiteren Entwicklung der Eurokrise. Durch den unklaren Wahlausgang in Griechenland und die erforderlich gewordenen Neuwahlen hat sich die Unsicherheit noch erhöht. Ohne Strukturreformen mit teilweise unausweichlichen Sparmaßnahmen, wie sie auch in anderen Schuldenländern erforderlich sind, würden die grundlegenden Probleme der Krise jedoch nicht gelöst. Reformen können Wachstumspotenziale eröffnen. Zusätzliche Wachstumsprogramme sind je nach Situation hilfreich, sie können den Anpassungsprozess aber auch behindern; ohne Reformen würden sie lediglich Strohfeuer erzeugen und die Verschuldung weiter erhöhen. Eine Aufweichung des Fiskalpakts, wie dies schon bei den Maastrichtverträgen geschehen ist, würde die Unsicherheit und damit die Eurokrise verschärfen. Die Sparmaßnahmen in vielen Euroländern, wobei notwendige Reformen allerdings nicht selten durch allgemeine Steuererhöhungen oder Ausgabensenkungen ersetzt wurden, haben die Konjunktur in jenen Ländern und in der Eurozone insgesamt in eine Rezession geführt. Die deutsche Wirtschaft hat sich dabei relativ gut gehalten; nach einer Konjunkturdelle Ende 2011 setzte sich die Aufwärtsbewegung zu Beginn dieses Jahres überraschend stark fort. Die Aufträge aus den Euroländern gingen zwar deutlich zurück, doch konnte das durch eine wieder anziehende Nachfrage aus der übrigen Welt und durch die inländische Konsumnachfrage mehr als kompensiert werden. Die Beschäftigung wurde noch ausgeweitet, allerdings hat sich der Anstieg abgeschwächt. Die Arbeitslosenrate ist nach EU-Abgrenzung mit 5,4% weniger als halb so hoch wie im EU-Durchschnitt. In jüngster Zeit hat sich allerdings die Stimmungslage in der deutschen Wirtschaft eingetrübt.

Eine Vorausschätzung des weiteren Konjunkturverlaufs ist ohne einschränkende Annahmen über die künftige Entwicklung in der Eurozone nicht möglich. Hier wird davon ausgegangen, dass die Eurozone erhalten bleibt und der durch den Fiskalpakt vorgezeichnete Kurs von Reform- und Konsolidierungsmaßnahmen fortgesetzt wird. Für zusätzliche Wachstumsinitiativen besteht angesichts der bereits hohen Verschuldung wenig Spielraum; sie werden vor allem durch EU-Mittel oder durch Umstrukturierungen in den nationalen Haushalten finanziert werden. Weitere Sparmaßnahmen in den Euroländern dürften vom Umfang her geringer ausfallen als die bisherigen. Entsprechend werden auch die kontraktiven Effekte auf die Nachfrage aus diesen Ländern geringer werden. Die Exporte werden daher wieder mehr von der steigenden Nachfrage aus der übrigen Welt bestimmt werden, zumal der Euro spürbar abgewertet wurde. Im Inland stützen die gute Beschäftigungslage und höhere Tarifabschlüsse die Einkommen und den privaten Konsum. Zudem sind im Wohnungsbau dank sehr niedriger Zinsen die Aufträge so stark gestiegen, dass der Rückgang im öffentlichen Bau mehr als kompensiert wird. Lediglich die Unternehmen dürften angesichts der unsicheren Perspektiven vorsichtiger investieren. Alles in allem sollte die deutsche Wirtschaft auf einem moderaten Wachstumspfad bleiben. Im Durchschnitt dieses Jahres wäre dann mit einer Zunahme des realen BIP von 1% zu rechnen. Die Beschäftigung würde bei dieser Entwicklung im weiteren Verlauf stagnieren. Der Preisauftrieb bliebe moderat und würde, sofern es nicht zu neuerlichen Ausschlägen bei den Ölpreisen kommt, unter der 2%-Marke bleiben.

Die Prognose für 2013 hängt in noch stärkerem Maße als die für 2012 von den Weichenstellungen im Rahmen der Eurokrise ab. Eine Fortführung der durch den Fiskalpakt vorgegebenen Reformmaßnahmen würde über eine Wiedergewinnung von Vertrauen und Stabilität mittel- bis längerfristig allen Ländern in dieser Region zugutekommen. Bei glaubhafter rascher Umsetzung könnte sich die Konjunktur im Euroraum im kommenden Jahr mehr und mehr wiederbeleben. Für Deutschland bedeutete dies, dass die für dieses Jahr erwartete Aufwärtstendenz an Dynamik gewinnen würde. Im Durchschnitt von 2013 könnte das Wirtschaftswachstum dann 1½% erreichen. Bei weiterer Verschärfung oder gar Eskalation der Eurokrise ist jedoch auch ein Abschwung bis hin zur Rezession nicht auszuschließen.

Jörg Hinze

hinze@hwwi.org

Tabelle 1 (zurück zum Text)
Eckdaten für Deutschland

Veränderung in % gegenüber dem Vorjahr

2010 2011 2012 2013
Bruttoinlandsprodukt1

3,7

3,0

1,0 1,5
Private Konsumausgaben 0,6 1,4 1,1 1,1
Staatl. Konsumausgaben 1,7 1,1 1,2 1,0
Anlageinvestitionen 5,5 6,4 0,3 2,5
Ausrüstungen 10,5 7,6 0,0 3,9
Bauten 2,2 5,8 0,6 1,0
Sonstige Anlagen 4,7 4,8 1,6 4,8
Inlandsnachfrage 2,4 2,5 1,1 1,7
Ausfuhr 13,7 8,2 3,0 5,6
Einfuhr 11,7 7,8 2,8 5,9
Arbeitsmarkt
Erwerbstätige 0,5 1,3 1,1 0,3
Arbeitslose (in Mio.) 3,24 2,98 2,86 2,73
Arbeitslosenquote2 (in %)

7,4

6,8

6,5 6,2
Verbraucherpreise 1,1 2,3 2,0 2,0
Finanzierungssaldo des Staates (in % des BIP) -4,3 -1,0 -0,6 -0,4
Leistungsbilanzsaldo3 (in % des BIP)

6,1

5,7

5,9 5,7

1 Preisbereinigt.
2 Arbeitslose in % der inländischen Erwerbspersonen (Wohnortkonzept).
3 In der Abgrenzung der Zahlungsbilanzstatistik.

Quellen: Statistisches Bundesamt; Deutsche Bundesbank; Bundesagentur für Arbeit; ab 2012: Prognose des HWWI.

Abbildung 1 (zurück zum Text)
Preisbereinigtes BIP in Deutschland

Saison- und arbeitstäglich bereinigt mit Census-Verfahren X-12-Arima

Abb1.ai

1 Veränderung in % gegenüber dem Vorquartal, auf Jahresrate hochgerechnet, rechte Skala.
2 Zahlenangaben: Veränderung gegenüber dem Vorjahr in %.

Quellen: Statistisches Bundesamt; ab 2012 Prognose des HWWI.


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