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92. Jahrgang, 2012, Heft 8 · S. 506

Gesundheitsfachberufe: Akademisierung überfällig

Stefan Greß

In einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme hat sich der Wissenschaftsrat für neue Qualifizierungswege für Gesundheitsfachberufe (Pflege, Physio-, Logo- und Ergotherapie sowie Geburtshilfe) ausgesprochen. Zur Sicherung der Qualität in der Gesundheitsversorgung werde es immer wichtiger, dass auch Angehörige dieser Berufe vermehrt eigenständig und evidenzbasiert handeln und ihre professionelle Tätigkeit auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse reflektieren könnten. Daher sollte ein Teil der Angehörigen dieser Berufe - der Wissenschaftsrat spricht von einem Anteil von 10% bis 20% - auch an Hochschulen ausgebildet werden. Besonders bemerkenswert ist die Forderung des Wissenschaftsrats, dass sich auch medizinische Fakultäten an den Universitäten für solche Studiengänge öffnen sollten.

Die reflexhafte Reaktion der Universitätsmedizin erfolgte prompt. Die Arbeitsgemeinschaft Hochschulmedizin - nach eigenen Angaben ein Zusammenschluss der maßgeblichen Institutionen der deutschen Hochschulmedizin - lehnte die Initiative des Wissenschaftsrats rundweg ab. Es sei sachlich nicht begründbar, warum ein weltweit anerkanntes und funktionierendes dreijähriges duales Ausbildungssystem durch ein dreijähriges akademisches Studium ersetzt werden solle. Aus Patientensicht ergebe sich keinerlei Vorteil. Allenfalls intensivierte Weiterbildungsmöglichkeiten an den Universitäten seien vorstellbar.

Die Initiative des Wissenschaftsrats ist jedoch uneingeschränkt zu begrüßen. Im Gegensatz zum europäischen Ausland werden Gesundheitsfachberufe in Deutschland vorwiegend an Fachschulen qualifiziert. Die Absolventen verfügen über ausgeprägte praktische Kompetenzen. Ihnen fehlen im Regelfall aber wissenschaftliche Kompetenzen, um auf Grundlage vorhandener Evidenz handeln und ihre eigene Tätigkeit angemessen reflektieren zu können. Darüber hinaus wird die Kommunikation mit den akademisch ausgebildeten Ärzten erschwert. In Zeiten zunehmender Versorgungskomplexität und einer sich verändernden Arbeitsteilung zwischen den Gesundheitsberufen sind diese Defizite nicht länger hinnehmbar. Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass sich bei entsprechender Qualifikation etwa von Pflegenden durchaus Vorteile für Patienten beispielsweise durch verbesserte Kommunikation ergeben.

Es ist daher unzweifelhaft, dass ein Teil der Angehörigen von Gesundheitsfachberufen zukünftig akademisch qualifiziert werden wird. Momentan liegt dieser Anteil zwar deutlich unter den genannten 10% bis 20%. Im Rahmen einer Modellklausel qualifizieren jedoch heute schon Fachhochschulen die Angehörigen von Gesundheitsfachberufen auf akademischem Niveau. Enge Kooperationen mit Praxiseinrichtungen wie Kliniken, Pflegeheimen und Geburtshäusern sorgen dafür, dass die Absolventen auch über die praktischen Kompetenzen zur Ausübung ihrer Profession verfügen. Damit leisten die beteiligten Hochschulen einen wertvollen Beitrag, die Attraktivität der Berufsbilder zu stärken und den Fachkräftemangel in diesem Bereich zu überwinden. Langfristig wird sich auch die Universitätsmedizin diesem Trend nicht entziehen können. Die Akademisierung der Gesundheitsfachberufe ist jedoch nicht zum Nulltarif zu haben. Zum einen bedarf es entsprechender finanzieller Anreize für die beteiligten Hochschulen. Zum anderen muss sich die akademische Qualifikation auch in der Vergütung der Absolventen widerspiegeln.

Stefan Greß

Hochschule Fulda

stefan.gress@hs-fulda.de


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