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92. Jahrgang, 2012, Heft 8 · S. 504-505

LIBOR-Referenzzinssatz: Das Ende des Vertrauens?

Christian Klein

Mindestens über einen Zeitraum von vier Jahren, von 2005 bis 2009, war die London Interbank Offered Rate, kurz LIBOR, gar nicht der durchschnittliche Interbankenzinssatz, also der Zins, zu dem sich Banken gegenseitig Kredite gewähren. Er wurde von einer Handvoll Investmentbankern manipuliert. Diese Erkenntnis ist ein Schock. Der Schaden, der durch diese Manipulationen entstanden ist, betrifft zwei Bereiche: Erstens ist für zahlreiche Personen und Unternehmen ein finanzieller Schaden entstanden, einige sind bewusst von den Manipulierenden betrogen worden, der Großteil der Betroffenen ist aber mit den verantwortlichen Banken gar nicht im Geschäft gewesen, es handelt sich also aus Sicht der Akteure wohl um Kollateralschäden. Zweitens ist die Glaubwürdigkeit und die moralische Integrität des Bankensektors enorm beschädigt worden.

Um den finanziellen Schaden abschätzen zu können, muss man verstehen, wozu der LIBOR dient. Der LIBOR wird von vielen Marktteilnehmern als Basiszins oder Referenzzins verwendet. Wenn beispielsweise Unternehmen A bei der Stadtsparkasse B einen kurzfristigen Kredit aufnimmt, könnte der vereinbarte Zinssatz "LIBOR + X%" betragen. Auch Tages- oder Termingeldzinsen sind mitunter an den LIBOR geknüpft. Ob nun dem Unternehmen A oder der Stadtsparkasse B ein Schaden entstanden ist und wie hoch dieser beziffert werden kann, wird schwer zu berechnen sein; dies wird Gerichte und eine Heerschar von Gutachtern einige Jahre beschäftigen. Es ist zu vermuten, dass sich die finanziellen Schäden bei Privatpersonen in Grenzen halten werden, bei einigen Unternehmen oder institutionellen Anlegern dürfte der Verlust enorm sein.

Die Auswirkungen auf die Glaubwürdigkeit und die Integrität des Bankensektors sind noch weitaus größer. Um dies zu verstehen muss man sich klar machen, wie die Manipulationen stattgefunden haben: Um den LIBOR zu berechnen, befragt der britische Bankenverband BBA einige Institute zu ihren Interbankzinsen, aus denen der Durchschnitt berechnet wird. Eine Manipulation ist denkbar einfach: Man nennt nicht den tatsächlichen Zins, sondern einen Zinssatz der für einen selbst vorteilhaft ist. Und genau das wurde jahrelang von Angestellten mehrerer Banken gemacht: Sie haben sich abgesprochen und im vollen Bewusstsein, dass als Folge vielen Unbeteiligten enorme finanzielle Schäden zufügt werden, dreist gelogen. Dies ist kriminell und skrupellos, die Bezeichnung "organisiertes Verbrechen" ist in dem Zusammenhang wohl durchaus angebracht. Der Nutzen der Manipulierenden, die wahrscheinlich an Derivategeschäften, und zwar Wetten auf die Zinsentwicklung, verdient haben, steht dabei in keinem Verhältnis zu dem Schaden, den sie völlig Unbeteiligten angetan haben. Das wäre in etwa so, als würde der Besitzer eines kleinen Getränkeladens das Trinkwasser einer Großstadt vergiften, um ein paar Flaschen Mineralwasser mehr verkaufen zu können.

In der Öffentlichkeit entsteht nun nachvollziehbarerweise das Bild vom gierigen Banker, der rücksichtslos jede Gelegenheit ergreifen wird, wenn sich dadurch für ihn ein Vorteil ergibt. Wenn die betroffenen Institute nun klagen, dass "Fehler Einzelner" dem Ruf einer ganzen Branche schaden, so ist das zynisch. Vielmehr stellt sich die Frage, welche Art von Unternehmenskulturen und vor allem Anreizsysteme immer wieder so viele kriminelle "Einzelne" hervorbringen. Wenn wir also in Zukunft über die Regulierung des Bankensektors reden, müssen wir wohl davon ausgehen, es mit Akteuren zu tun zu haben, die auch jenseits des Gesetzes ihren eigenen Vorteil suchen. Es sollte deshalb im besonderen Interesse der betroffenen Banken sein, glaubwürdig einen Kulturwandel anzustoßen. Ansonsten droht ein enormer Schaden für eine Branche, deren Fundament früher aus einem bestand: Vertrauen!

Christian Klein

Universität Hohenheim

christian.klein@uni-hohenheim.de


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