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92. Jahrgang, 2012, Heft 8 · S. 504

Ostdeutschland : Wirtschaftlich weit zurück

Udo Ludwig

Jetzt ist es öffentlich. Die mit Spannung erwarteten amtlichen Ergebnisse der großen Revision der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen dokumentieren dramatische Verschiebungen zwischen dem Leistungsstand der einzelnen Bundesländer. In Zahlen ausgedrückt bewegen sich die Korrekturen beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) für 2008, für das originale Berechnungen vorliegen und das bislang den Höchststand der Produktion markiert, auf Länderebene zwischen -6,5% und +6,9%. Zwar kamen auch einige westdeutsche Länder nicht ungeschoren bei den Neuberechnungen davon. Durchgängig mussten aber alle neuen Bundesländer Abwärtskorrekturen hinnehmen, die Spanne reicht von -6,5% für Thüringen bis -2,5% für Brandenburg. Bezogen auf das BIP je Einwohner wurden damit in Ostdeutschland erst 66% des Westniveaus erreicht statt der bisher gemessenen 69%. Noch größer sind jetzt die Produktivitätsabstände. Denn es wurde laut Neuberechnungen nicht nur weniger Wert geschaffen, sondern auch mehr Arbeit eingesetzt. So lag das BIP je Arbeitsstunde 2008 in den ostdeutschen Flächenländern erst bei 70% statt bei 75% des Westniveaus. Diese Datenkorrekturen sind keine "Peanuts". In Jahren gerechnet, entsprechen sie einem Ausfall von mindestens zwei Wachstumsjahren. Einschließlich der Rückschläge durch die Wirtschaftskrise verschiebt sich der Aufholhorizont um fünf Jahre nach hinten.

Die Politik schweigt sich bislang zu den neuen Ergebnissen aus. Anlass zum Jubeln geben sie auch wenig. Geringere als bislang statistisch nachgewiesene Aufholfortschritte bedeuten weniger Erfolg bei der Umstrukturierung der ostdeutschen Wirtschaft. Die Politik stellt sich nicht die Frage, ob denn die mit hohen West-Ost-Transfers verbundenen Fortschritte im Aufholprozess seit dem Neustart der ostdeutschen Wirtschaft vor 22 Jahren zu gering sind. Die vorhandene und in vielen Teilen aus dem Transformationsprozess hervorgegangene wirtschaftliche Basis ist offenbar doch zu klein ausgelegt und nicht leistungsfähig genug. Die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute haben die Ursachen mehrfach analysiert: fehlende Führungszentralen, verlängerte Werkbänke, überwiegend kleinteilige Produktionseinheiten, damit verbundene geringe Export- und Innovationsintensitäten, der Vorrang für Zulieferproduktionen. Das sind einige Fakten aus heutiger Sicht, die kurzfristig weder von der Tagespolitik noch von der Wirtschaft verändert werden können. Aber verdeutlichen die Ergebnisse der Neuberechnungen nicht auch, wie stark die Ausgangsbedingungen für den wirtschaftlichen Umbau und die Art und Weise der Umsetzung der ordnungspolitischen Schlüsselentscheidungen zur Herstellung der deutschen Einheit nachwirken? Zu nennen sind der ruinöse Kostendruck, der von der Umstellung der Währung mit einem Kurs von eins zu eins für alle laufenden Zahlungen sowie von der überhasteten Angleichung der Löhne an das Niveau im Hochlohnland alte Bundesrepublik Deutschland auf die Wirtschaft ausging sowie ein Privatisierungsmodell, das nicht auf den Erhalt einer breiten wirtschaftlichen Basis ausgelegt war. Die Vergangenheit hat Wirtschaft und Politik schon lange eingeholt, mit der Datenrevision ist das noch einmal sehr deutlich geworden.

Die neue Faktenlage ist kein Plädoyer für mehr finanzielle Hilfen für den Aufbau Ost, auch wenn einige Politiker sofort nach weiteren Zuweisungen aus den EU-Strukturfonds riefen. Vielmehr sollten die Ursachen für die Spätfolgen des ostdeutschen Transformationsprozesses tiefer analysiert werden. Für Deutschland lässt sich die Geschichte zwar nicht zurückdrehen, aber Lehren aus ihr können noch gezogen werden, wenn beispielsweise eine europäische Transferunion erst gar nicht begonnen wird.

Udo Ludwig

Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)

Udo.Ludwig@iwh-halle.de


Kommentare zu diesem Artikel

Walter Kuhn schrieb am 03.09.2012 um 09:05 Uhr

Die wissenschaftliche Perspektive, daß "Spätfolgen des ostdeutschen Transformationsprozesses tiefer analysiert" werden, ist richtig, erbringt aber nicht zwangsläufig die nötigen Erkenntnisse für die operative Steuerung jetzt. Ich denke, wir brauchen "begründete" Szenarien für eine konzentrierte Strukturpolitik inkl der privaten Gewerbeförderung und "Szenarien" für Regionen, die eine wachstumsabgewandte Entwicklung nehmen sollen. Ich bin gespannt auf Ihre künftige Politikberatung und ob es gelingt, öffentlichkeitswirksame operationalisierbare Kriterien für staatliches Handeln zu finden.

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