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92. Jahrgang, 2012, Heft 9 · S. 581-582

Agrarrohstoffpreise : Sicherheitsnetze gegen Hunger

Bernhard Brümmer

Die Agrarpreise, allen voran die Preise für Mais, sind in den letzten zehn Wochen drastisch angestiegen; fast schon regelmäßig wird in kurzem Abstand ein neues Allzeithoch erreicht. Insgesamt hat sich der Preis für Mais an der Chicagoer Terminbörse CBOT seit Ende Juni 2012 um etwa ein Drittel erhöht; auch die Preise für Weizen und Ölsaaten weisen einen ähnlichen Verlauf auf. Im Windschatten dieser Entwicklung ziehen auch Produkte tierischen Ursprungs (Fleisch, Milch) an, wenngleich dies zwischen den Produkten sehr unterschiedlich und zeitlich versetzt stattfindet. Ein vertrautes Muster aus der Zeit der "Nahrungsmittelpreiskrise" von 2007/2008 findet sich - wenig überraschend - dann auch erneut: In der politischen Diskussion wird der beobachtete Preisanstieg zum Anlass genommen, die jeweils eigene Interessensposition in einen (positiven oder negativen) Zusammenhang zu dieser Preisentwicklung zu setzen. So attestiert der WWF der "intensiven Hochleistungs-Landwirtschaft" ein Versagen, Mitglieder der Bundesregierung werfen diametral entgegengesetzte Positionen zur Tank-versus-Teller-Diskussion in den Ring, und der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung empfiehlt Kamerun, zur Bekämpfung des Hungers stärker auf die Besteuerung von ressourcenintensiven Unternehmen in ausländischem Besitz zu setzen. Es scheint fast, als könne vor dem Hintergrund steigender Agrarpreise fast jedes Thema auf der Agenda nach vorn geschoben werden.

Dabei ist in der aktuellen Situation die unmittelbare Ursache für die Preisentwicklung der jüngsten Monate klar zu identifizieren. Die extremen Witterungsbedingungen in den USA zeichnen für den Aufwärtsschub verantwortlich. Eine Kombination von großer Hitze und anhaltender Dürre hat dort in vielen wichtigen Anbauregionen die Ernte bis hin zum Totalausfall schwer in Mitleidenschaft gezogen. Dass eine solche Katastrophe im wichtigsten Exportland für Mais entsprechende Auswirkungen auf die internationalen Preise (und damit auch für Substitute in der menschlichen Ernährung wie auch für Futtermittel) nach sich zieht, ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass die Lagerbestände schon vorher stark abgebaut waren.

Die langfristigen Ursachen sind hingegen weniger einfach zu belegen. Auf die Höhe der Lagerbestände hat vermutlich die Biotreibstoffpolitik, vor allem die Erzeugung von Bioethanol aus Mais, einen starken Einfluss; weitaus stärker, als wenn man diesen nur am Anteil von Biotreibstoffpflanzen an der weltweiten Getreidefläche bemäße. Hinzu kommt, dass die spezielle Form der Bioethanol-Förderung in den USA durch starre Beimischungsquoten dazu führt, dass die Nachfrage nach Mais für Bioethanol sehr preisunelastisch ausfällt. Dies gilt auch für die in Deutschland im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festgeschriebene Bioenergie-Förderung. Damit verschärft sich bei hohen Preisen der Einfluss von Bioethanol. Da eine völlige Abschaffung der Biotreibstoffförderung zwar sinnvoll wäre, aber unwahrscheinlich erscheint, sollte man hier auf eine Flexibilisierung der Beimischungsquoten (in Deutschland: der EEG-Regelungen) hinwirken.

Was hingegen die Auswirkungen der steigenden Preise angeht, so hat sich nichts an der Empfehlung vorhergehender Episoden geändert: Um die Wirkungen auf - gerade ärmere - Verbraucher in Entwicklungsländern abzumildern, sind Sicherheitsnetze gegen Hunger und Einkommensverluste die geeigneten Mittel der Wahl (obwohl die Kosten der Umsetzung in einzelnen Fällen prohibitiv hoch sein können). Ein Zurückfallen in merkantilistische Denkmuster scheint hingegen kaum geeignet, der Agrarpreisschwankungen, die uns auch in Zukunft begleiten werden, Herr zu werden.

Bernhard Brümmer

Georg-August-Universität Göttingen

bbruemm@gwdg.de


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