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93. Jahrgang, 2013, Heft 11 · S. 796-798

Ökonomische Trends

Was bestimmt die Zukunft der Städte?

Mark-Oliver Teuber, Jan Wedemeier

Mark-Oliver Teuber, Dipl.-Volkswirt, ist Forschungsstipendiat und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI).

Dr. Jan Wedemeier ist Senior Researcher am HWWI in der Niederlassung Bremen.

Erfolgreiche Städte zeichnen sich durch attraktive Rahmen- und Standortbedingungen aus, die Unternehmen und Menschen anziehen. Ihr Erfolg hängt auch davon ab, wie der ökonomische Strukturwandel hin zu wissensintensiven Dienstleistungsbranchen und forschungsintensiven Industrien vollzogen werden kann. Gerade wissensintensive Branchen wie Ingenieurbüros, Gesundheitswirtschaft, Games- und Edutainment-Entwicklungsfirmen, Medien und die Kulturwirtschaft sowie die forschenden Industrien, wie z.B. der Flugzeugbau und die Materialforschung, prägen die Entwicklung der letzten Jahre und sind wesentliche Impulsgeber für die städtische Entwicklung des 21. Jahrhunderts.

Die 30 größten Städte im Ranking

Die 30 größten deutschen Städte erfuhren in den vergangenen Jahren eine wirtschaftliche Entwicklung, die über dem Bundesdurchschnitt lag. Sie erholten sich schneller von der Finanzkrise und der darauf folgenden Krise der Realwirtschaft ab 2008 als Deutschland insgesamt: Die 30 Städte hatten 2010 ihr durchschnittliches Produktivitätsniveau von 2008 bereits fast wiedererlangt, hingegen konnte das Vorkrisenniveau auf Bundesebene bis dahin noch nicht wieder erreicht werden. Dabei haben einige der Städte den strukturellen Wandel hin zu den wissensintensiven Dienstleistungen einschließlich der Kultur- und Kreativwirtschaft sowie den forschungsintensiven Industrien bis heute nicht vollkommen abschließen können. Die weitere Entwicklung der Städte hängt wesentlich von ihrer Position in der Wissenswirtschaft, aber auch von einer Vielzahl weiterer Faktoren, wie etwa Unternehmensstrukturen und -zentralen, regionalen institutionellen Rahmenbedingungen, der Lage öffentlicher Haushalte oder städtischer sowie überregionaler Kooperations- und Netzwerkformen, ab. Positive strukturelle Entwicklungspfade, wie beispielsweise in den bedeutenden industriellen Branchen Fahrzeug- und Maschinenbau oder der Herstellung von optischen Erzeugnissen und Datenverarbeitungsgeräten, die in der Vergangenheit beschritten worden sind, werden sich auch weiterhin auf die Entwicklung der Städte auswirken und über deren künftige Bedeutung entscheiden.

Frankfurt am Main und München bilden – wie in den HWWI/Berenberg Rankings von 2010 und 2008 – unter den 30 größten deutschen Städten das Spitzenduo: vordergründig aufgrund des guten Abschneidens im Trend- (unter anderem Erwerbstätigen- und Produktivitätsentwicklung) und vor allem im Standortindex (unter anderem Forschungs- und Entwicklungsleistung, qualifizierte und internationale Fachkräfte). Mit einigem Abstand folgen Bonn und Düsseldorf. Für die nähere Zukunft können die Entwicklungsperspektiven für diese Städte, insbesondere aufgrund der intensiven Ausprägung wissensintensiver Beschäftigung, als günstig betrachtet werden (vgl. Abbildung 1). Hervorzuheben sind zudem die Platzierungen Berlins (Platz 5) und Dresdens (Platz 7) im Gesamt­ranking, während Leipzig verglichen mit 2010 um einen Platz auf den zwölften Rang abgerutscht ist. Die norddeutschen Seehafenstädte rangieren hingegen im oberen (Hamburg, Platz 11) und unteren Mittelfeld (Bremen und Kiel, Platz 20 und 23). Neben dem noch nicht abgeschlossenen Strukturwandel hin zur Wissenswirtschaft liegt der Grund hierfür vor allem im unterdurchschnittlichen Abschneiden Bremens und Kiels im Standortindex (unter anderem Innovationsintensität und verkehrliche Erreichbarkeit). Eine ungünstige Entwicklung haben weiterhin Chemnitz, Bochum, Gelsenkirchen, Wuppertal und Bielefeld durchlaufen. Diese Städte weisen gegenwärtig in fast allen Bereichen beträchtliche Defizite auf, die auch in Zukunft aufgrund langer Entwicklungsprozesse nur langsam abgebaut werden können.

Abbildung 1 (zurück zum Text)
Produktivität und wissensintensive Wirtschaftszweige
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1 Daten beziehen sich auf die Städteregion Aachen beziehungsweise die Region Hannover.

Quellen: Bundesagentur für Arbeit: Diverse Daten zu sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, 2012, http://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Statistik-nach-Themen/Beschaeftigung/Sozialversicherungspflichtig-Beschaeftigte/Sozialversicherungspflichtig-Beschaeftigte-Nav.html (21.12.2012); Statistische Ämter des Bundes und der Länder: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder: Bruttoinlandsprodukt, Bruttowertschöpfung in den kreisfreien Städten und Landkreisen der Bundesrepublik Deutschland 2008 bis 2010, Frankfurt a.M. 2013; Berechnungen HWWI.

 

Hohe Produktivität bei hoher Wissensintensität

Die besondere Ausprägung der wissensintensiven Wirtschaftszweige in Städten ist von maßgeblicher Bedeutung, da gerade von der Wissenswirtschaft eine positive Beschäftigungsentwicklung ausgeht, die in engem Zusammenhang mit der (Weiter-/Neu-)Entwicklung von Prozessen und Produkten steht. Städte mit einem hohen Anteil an hochqualifizierten Beschäftigten (Humankapital) entwickeln sich schneller als Städte mit einer geringen Konzentration. Studien weisen darauf hin, dass Städte hierdurch eine höhere Produktivität erreichen.1 Die deskriptiv-statistischen Ergebnisse des HWWI/Berenberg Städterankings untermauern diese Tendenz (vgl. Abbildung 1).

So weist Stuttgart 2011 mit 48,9% den höchsten Anteil an Beschäftigten in wissensintensiven Wirtschaftszweigen an der Gesamtbeschäftigung auf. Die Automobilstadt wird gefolgt von München (48,1%) und Frankfurt am Main (41,6%). Diese drei Städte gehören gleichzeitig zu den produktivsten (BIP je Erwerbstätigem) der 30 größten Städte Deutschlands. Beim Städtevergleich werden auch die unterschiedlichen Entwicklungsstufen des wissensintensiven Sektors beziehungsweise die Phasen des wissensbasierten Strukturwandels deutlich: Kiel (20,2%), Gelsenkirchen (23,6%) und Duisburg (23,7%) bilden weit abgeschlagen das Schlusslicht. Diese Städte weisen andere Standortfaktoren für Unternehmen und Fachkräfte auf als die führenden Städte. Auch sind die Städte mit einem hohen Anteil an Beschäftigten in der Wissenswirtschaft für den Wirtschaftszweig selbst, als Standort im Hinblick auf Unternehmensansiedlungen, interessant. Hier können wissensintensive Unternehmen aus einem überproportional großen Arbeitskräftepool schöpfen und erfolgreicher Zugang zu den hochspezialisierten Beschäftigten finden, beispielsweise durch Abwerbungsstrategien und durch das regionale Angebot an universitären und außeruniversitären Ausbildungsgängen.

Produktivitätswachstum durch Finanzkrise gebremst

Während in der Zeit vor der Finanz- und Wirtschaftskrise (2003 bis 2008) alle betrachteten Städte einen Zuwachs der Produktivität erzielen konnten, fällt das Fazit für den Zeitraum seit Beginn der Krise gemischter aus. Lediglich 14 Städte haben es geschafft, ihr Vorkrisenniveau bis 2010 wieder zu erreichen. Insbesondere drei Städte des Ruhrgebietes (Essen, Gelsenkirchen, Bochum) sowie Bonn zeigen sich in Bezug auf die Produktivität von den Folgen der Krise weitgehend unbeeindruckt. Das Produktivitätswachstum in diesen Städten ist in erster Linie auf eine positive Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes zurückzuführen. Zwischen 2008 und 2010 erzielten die genannten Städte die höchsten Wachstumsraten unter den 30 größten Städten Deutschlands. Eine herausragende Entwicklung kann dabei für Essen (+15,7%) und Gelsenkirchen (+9,6%) bescheinigt werden. Hier wuchs das Bruttoinlandsprodukt erheblich stärker als im Bundesdurchschnitt (+0,1%) und im Durchschnitt der 30 größten Städte (+1%).2

Heterogene Entwicklung der Erwerbstätigkeit

Die Erwerbstätigkeit hat sich im Zeitraum von 2005 bis 2010 in den größten Städten Deutschlands weitgehend positiv entwickelt. Lediglich Nürnberg (-0,03%), Bochum (-2,1%) und Wuppertal (-3%) mussten in diesem Zeitraum einen Rückgang der Arbeitsplätze verkraften. Herausragend war das Wachstum insbesondere in der früheren und in der gegenwärtigen Bundeshauptstadt. Bonn (+9,8%) und Berlin (+9%) hatten den stärksten Erwerbstätigenzuwachs unter den 30 größten Städten zu verzeichnen, wobei vor allem für Berlin ein erfreulicher Trendwechsel festgestellt werden kann, da die Erwerbstätigkeit in der Bundeshauptstadt von 2000 bis 2005 vergleichsweise deutlich zurückging (-2,1%). Dieser Trend gilt jedoch nicht nur für Berlin allein, sondern kann auch anderswo beobachtet werden. Sämtliche der 30 größten Städte konnten ihre Wachstumsraten bei den Erwerbstätigen im Zeitraum von 2005 bis 2010 im Vergleich zu 2000 bis 2005 verbessern. Im Durchschnitt wuchs die Erwerbstätigkeit in Deutschland von 2005 bis 2010 um 4,4%. Somit zeigt sich, dass große Städte oftmals auch bei diesem Indikator als Wachstumspole fungieren. 16 der 30 Städte erzielten Wachstumsraten, die zum Teil deutlich über dem deutschen Durchschnitt lagen. Darüber hinaus zeigen sich die Erwerbstätigenzahlen relativ robust gegen die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise. 19 Städte haben mindestens ihr Vorkrisenniveau wieder erreicht.3

Attraktivität entscheidet über Leistungsfähigkeit der Städte

Studien zeigen überdies, dass ein positiver Zusammenhang zwischen einer hohen Humankapitalkonzentration und zunehmender Erwerbstätigkeit in einer Stadt besteht. Die Polarisierung wird durch eine hohe Lebensqualität und -attraktivität der Städte weiter begünstigt.4 Vor allem Städte können auf die individuellen Bedürfnisse von Unternehmen und Menschen eingehen, da sie mit heterogenen Stadtquartieren, exzellenten Bildungsangeboten, hoher Produktivität, Verbindungen zu nationalen und internationalen Standorten sowie einer hohen Lebensqualität durch reichhaltige Kultur- und Freizeitangebote diese Bedürfnisse ansprechen. Zudem lassen sich internationale Trends wie die verstärkte Mischnutzung von Wohn- und Gewerbeimmobilienflächen in Städten leichter vereinbaren, womit auch aktuelle sozioökonomische Entwicklungen, wie beispielsweise die Einhaltung der Work-Life-Balance, die Mobilität und der demografische Wandel berücksichtigt werden können.

Die Qualifikation der Bevölkerung ist in Städten relativ hoch, und Städte weisen den Vorteil auf, dass sie überwiegend als Standort für Hochschulen fungieren. Hier wird die Bevölkerung ausgebildet und verbleibt im Optimalfall nach Abschluss des Studiums am Standort oder vernetzt sich bei Wegzug mit diesem. Die Wissensökonomie bezieht ihre Inputs aus global angesiedelten Unternehmen und Institutionen, die aber regional, meist in Städten, verankert sind. In städtischen Regionen findet das Lernen, das Weiterbilden, aber ebenso der Austausch von Wissen statt. Vieles ist in der Wissensökonomie vom personengebundenen, informellen Wissen abhängig. Städte mit einem hohen Anteil an einer (hoch-)qualifizierten Bevölkerung sind meist erfolgreicher als andere Städte, wenn es um weitere Unternehmensansiedlungen und Fachkräfteanwerbungen geht. Noch erfolgreicher sind sie allerdings, wenn die entscheidenden Institutionen, Wissensträger und Entscheider bereits vor Ort angesiedelt sind, da dies weitere Unternehmen und Fachkräfte anzieht und die städtischen Entwicklungspotenziale positiv beeinflusst: Es findet ein sich selbst verstärkender Effekt statt.

Eine weitere regionale Abhängigkeit besteht zum lokalen Aufkommen von (fach-)spezifischen Arbeitskräften. Städte mit großen und in ihrer Ausbildung und ihren Fähigkeiten diversifizierten Arbeitskräftepools ziehen Unternehmen an. Aus diesen heraus können hochspezialisierte Unternehmen künftig Arbeitnehmer gewinnen. Wenn der regionale Arbeitsmarkt wenig rigide ist, fördert dies und auch die räumliche Nähe und Ballung von Unternehmen in einer Stadt den Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen Menschen, was Innovationen und Imitationen erleichtert.

Fazit

Zusammengefasst steigern regionale Ballungszentren den Austausch sowie die Arbeitsteilung und Spezialisierung in der Wissensökonomie, was sich positiv auf die Produktivität auswirkt. Aufgrund der zunehmenden Internationalisierung und Komplexität von Marktbeziehungen sind gerade wegen der regionalen Abhängigkeiten nationale und internationale Netzwerke von zentraler Bedeutung, damit Unternehmen Wissen nicht nur aus der Region beziehen. Diese Bedeutung steht auch unmittelbar im Zusammenhang mit der Internationalität von Städten und der Erreichbarkeit anderer globaler Standorte.


Der Artikel basiert in weiten Teilen auf M. Teuber, J. Wedemeier: HWWI/Berenberg Städteranking 2013: Die 30 größten Städte Deutschlands im Vergleich, Hamburg 2013.

 
  • 1 Vgl. E. Glaeser, A. Saiz: The Rise of the Skilled City, in: Brookings-Wharton Papers on Urban Affairs 2004, S. 47-94.

  • 2 Vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder: Bruttoinlandsprodukt, Bruttowertschöpfung in den kreisfreien Städten und Landkreisen der Bundesrepublik Deutschland 2008 bis 2010, Frankfurt a.M. 2013.

  • 3 Vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder: Regionaldatenbank Deutschland, Diverse Daten, 2013, https://www.regionalstatistik.de/genesis/online/logon (31.1.2013); Statistische Ämter des Bundes und der Länder: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder, a.a.O.

  • 4 Vgl. K. M. Murphy, A. Shleifer, R. W. Vishny: The allocation of talent, Implications for Growth, in: Quarterly Journal of Economics, 106. Jg. (1992), H. 2, S. 503-530; J. M. Shapiro: Smart cities: Qualify of Life, Productivity, and the Growth Effects of Human Capital, in: Review of Economics and Statistics, 88. Jg. (2006), H. 2, S. 324-335; J. Wedemeier: Germany's Creative Sector and its Impact on Employment Growth – A Theoretical and Empirical Approach to the Fuzzy Concept of Creativity: Richard Florida's Arguments Reconsidered, Frankfurt a.M. 2012.


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