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93. Jahrgang, 2013, Heft 12 · S. 804

Aktienkurse: Blase oder Frühindikator?

Oliver Holtemöller

Die Senkung der EZB-Leitzinsen im November 2013 hat die Kritik an den Niedrigzinsen erneut befeuert. Es wird befürchtet, dass die niedrigen Zinsen zu Vermögenspreisblasen führen könnten. So wird beispielsweise von einigen Beobachtern vor einer Immobilienpreisblase in Deutschland gewarnt. Früher wurden auch schon hohe Rohstoffpreise in Verbindung mit zu lockerer Geldpolitik gebracht. Und gegenwärtig schwingen sich die Aktienkurse in Deutschland von einem Höchststand zum nächsten auf. Kann man hier bereits von einer Aktienkursblase reden? Dafür spricht, dass die Aktienkurse in Deutschland in den vergangenen Monaten überdurchschnittlich stark gestiegen sind. Allerdings war deren prozentualer Anstieg vor den Kursstürzen in den Jahren 1987, 2000 und 2008 noch deutlich höher.

Das durchschnittliche Kurs-Dividende-Verhältnis für den deutschen Aktienmarkt liegt unterhalb seines langjährigen Mittelwertes. Dies spricht eher gegen eine Blase. Allerdings gab es vor dem Kurssturz im Jahr 2008 eine ähnliche Konstellation. Es zeigt sich wiederum, dass Kursblasen in Echtzeit nicht klar identifiziert werden können. Neben dem Kurs-Dividende-Verhältnis gibt es grundsätzlich noch weitere mögliche Anhaltspunkte für das Vorliegen einer Kursblase. So geht eine Blase üblicherweise mit einer bestimmten Story einher. Bei der Internetblase zur Jahrtausendwende haben beispielsweise Innovationen in der Informations- und Kommunikationstechnologie die Erwartungen über das zukünftige Wachstum beflügelt und eine regelrechte Aktieneuphorie ausgelöst. Aktuell ist eine solche Story, die geeignet ist, übermäßiges Vertrauen und Herdenverhalten auszulösen, nicht in Sicht. Vielmehr stehen Risiken, etwa die europäische Schuldenkrise, der amerikanische Haushaltsstreit und die Wachstumsabschwächung in den Schwellenländern im Fokus.

Selbst wenn man bereits von einer Blase auf dem deutschen Aktienmarkt sprechen könnte, gäbe es keine überzeugenden Gründe, korrigierende wirtschaftspolitische Maßnahmen zu ergreifen. Die empirische Evidenz zeigt, dass das Platzen von Blasen vor allem dann mit gravierenden negativen Folgen für die Realwirtschaft einhergeht, wenn der vorangegangene Kursanstieg überwiegend kreditfinanziert worden ist. Eine Kreditblase ist in Deutschland aber zurzeit nicht zu beobachten. Die Dynamik auf dem Kreditmarkt ist entsprechend gering und in erster Linie von Immobilienkrediten angetrieben. Die Wirtschaftspolitiker können die aktuelle Kursentwicklung also vergleichsweise gelassen weiter verfolgen. Überhaupt sollte die Wirtschaftspolitik bei platzenden Blasen eher im Blick haben, dass die Volkswirtschaft robust genug ist, Krisen zu überstehen, als zu versuchen, Vermögenspreisblasen zu identifizieren oder zu verhindern.

Vielleicht gibt die aktuelle Aktienkursentwicklung aber sogar mehr Anlass zu Optimismus als zur Sorge vor Übertreibungen? Die steigenden Kurse könnten auch auf eine realwirtschaftliche Entwicklung im kommenden Jahr hindeuten, die besser ist als zuvor erwartet. Der Zusammenhang zwischen Aktienkursveränderungen und tatsächlicher zukünftiger realwirtschaftlicher Produktion ist allerdings nur schwach, und die jüngste Kursentwicklung gibt keinen Anlass, die aktuellen Prognosen für das kommende Jahr nach oben zu korrigieren. Insgesamt passen die steigenden Aktienkurse zu dem verbreiteten Konjunkturoptimismus, aber das ist selbstverständlich auch keine Garantie dafür, dass es nicht zu größeren Kurskorrekturen kommen könnte. Eine solche Korrektur wäre jedoch angesichts der fehlenden Kreditausweitung nicht so bedrohlich wie vergangene Kursstürze.

Oliver Holtemöller

Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)

Oliver.Holtemoeller@iwh-halle.de


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