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93. Jahrgang, 2013, Heft 2 · S. 69-70

Großprojekte: Ein Fass ohne Boden?

Alexander Budzier, Bent Flyvbjerg

Stuttgart 21, Elbphilharmonie Hamburg, Kölner U-Bahn, Flughafen Berlin ... die Liste strauchelnder Großprojekte ist zurzeit lang und wird medienwirksam aufgearbeitet. Im internationalen Vergleich ist Deutschland kein Sonderfall und erste Kommentare der Sorte "wenn es schon die deutschen Ingenieure nicht hinbekommen" sind zu vernehmen. Doch liegt es wirklich an den Ingenieuren? Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass es meistens schon zu spät ist, wenn die Ingenieure die Pflichten- und Leistungshefte erhalten und der eigentliche Bau beginnt. Die tatsächlichen Ursachen liegen zu einem großen Teil in der Planungsphase von Großprojekten. In einfachen Worten: Verzug und Kostenüberschreitung sind die Folge von zu aggressiven Terminplänen und zu niedrigen Kostenschätzungen; also die Symptome unrealistischer Planung und Entscheidungsfindung und nicht von Pfusch am Bau.

Die Ursachen für unrealistische Pläne und Entscheidungen lassen sich in drei groben Kategorien unterscheiden: technische, psychologische und sozio-ökonomische Erklärungsansätze. Technische Erklärungsansätze dafür, dass Pläne nicht eingehalten werden, sind fehlende oder fehlerhafte Daten. Die Planungsannahmen waren unrealistisch, die Daten zur Ausgangslage waren unklar und die Planungsmodelle sind zu ungenau. Studien an der Saïd Business School in Oxford zeigen, dass dieser Ansatz das Phänomen nur bedingt erklärt, da sich in den letzten 50 Jahren keine Verbesserungstendenzen eingestellt haben. Als psychologische Erklärungsansätze sind Planungsfehler zu betrachten, die entstehen, weil es eine menschliche Tendenz gibt, die Kosten und die Dauer geplanter Aktivitäten zu unterschätzen und gleichzeitig deren Nutzen zu überschätzen. Was Studenten dazu veranlasst, den benötigten Zeitaufwand für die nächste Studienarbeit zu unterschätzen, gilt gleichermaßen für Experten, die Großprojekte planen und bauen. Optimismus ist weit verbreitet: "alles geht nach Plan", "was wir jetzt investieren holen wir später auf", selbst "schlimmer kann es nicht mehr werden". Sozio-ökonomische Erklärungsansätze verdeutlichen, dass individuelle Fehlschlüsse nicht unbedingt zu Fehlentscheidungen ganzer Organisationen führen müssen. Großprojekte werden nicht von Einzelpersonen geplant und entschieden.

Die Ursachen, warum dennoch unrealistische Pläne erstellt und befolgt werden, liegen in den Wissens-, Entscheidungs- und Verhandlungsprozessen von Großprojekten. Projektbefürworter, wie z.B. Planer, Bauunternehmen, aber auch Politiker, verdienen an Großprojekten, ohne am Kostenrisiko beteiligt zu sein. Dies führt zu systematischen und politisierten Falschdarstellungen der Planungsannahmen und -risiken.

Ein unlösbares Problem? Optimismus bei Planungen kann mit einem einfachen Ansatz erkannt werden: der Außensicht. Statt ein Projekt als Summe vieler Kleinteile zu betrachten, kann die einfache Frage "Wieviel haben denn die letzten 20 Auftraggeber am Ende zahlen müssen?" einen Perspektivenwechsel bieten, der individuelle Fehleinschätzungen korrigiert. Doch eine einfache Plananpassung allein ist niemals ausreichend. Entscheidungsprozesse, Verantwortungs- und Anreizstrukturen müssen jedem Projekt entsprechend angepasst werden. Im internationalen Vergleich sehen wir hier gerade in Deutschland einen deutlichen Verbesserungsbedarf. Kurzum: Nicht die technische Bauausführung, sondern der politische Entscheidungs- und Steuerungsprozess bieten den größten Hebel für Verbesserungen.

Bent Flyvbjerg, Alexander Budzier

Saïd Business School, University of Oxford

Bent.Flyvbjerg@sbs.ox.ac.uk


Kommentare zu diesem Artikel

Menzel schrieb am 21.02.2013 um 16:53 Uhr

Das ist ja eine vermutlich nicht praxisgestütze Sicht der Dinge.
Wahrscheinlich beschränken sich die Erfahrungen der Autoren eher auf theoretische Erörterungen und Analysen von Projekten in "der Aussensicht" als auf eigenen langjährigen Erfahrungen in Großprojekten - an verantwortlicher Stelle!
Ursachen bei öffentlichen Projekten liegen fast ausschließlich bei den überwiegend aus Laien bestehenden Auftraggebern, sowie deren häufig unrealistischen Wunschdenken.
Sei es in Bezug auf Qualitäten, Kosten und Terminen.
Und da wird gelogen, dass sich die Balken biegen - alles rein menschlich.
Teilweise wird das Problem noch durch die abenteuerliche Vergabepraxis im öffentlichen Bau verstärkt.
Schauen Sie sich z.B. Groß-Projekte der Industrie an. Fehler passieren auch da -nicht zuletzt aufgrund aberwitziger Termin- und Kostenvorgaben. Aber es ist in jedem Fall mehr Sachverstand auf Auftraggeberseite.
Es grüßt ein oftmals leidgeprüfter Planer

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