Ein Service der

Inhalt

93. Jahrgang, 2013, Heft 2 · S. 70

Japan: Notenbank in Not

Mechthild Schrooten

Eigentlich, ja eigentlich, macht Japan nur vor, was andere große Industrienationen wohl irgendwann nachmachen werden. Unkonventionelle Geldpolitik – oder besser gesagt Währungspolitik. Das Land setzt nunmehr seit zwei Jahrzehnten auf traditionelle geldpolitische Maßnahmen, um die Binnenwirtschaft anzukurbeln. Dabei wurden in den letzten Jahren nicht nur alle lehrbuchbekannten Maßnahmen eingesetzt, sondern sogar darüber hinausgehende Ideen verfolgt. Der Leitzins bewegt sich seit Jahren auf dem Nullniveau. Die Geldmenge wird nicht zuletzt durch Anleihekäufe der Zentralbank aufgepumpt. Allein, die Gemengelage von realwirtschaftlicher Stagnation und Deflation konnte so nicht durchbrochen werden. In Japan gilt der Monetarismus nicht so ohne Weiteres; aber auch keynesianische Wirtschaftspolitik führt hier nicht wesentlich weiter. Das ist die Erkenntnis der letzten beiden Dekaden.

Jetzt gibt es einen radikaleren Schritt. Die japanische Zentralbank will Staatsanleihen kaufen, bis nun endlich ein Wendepunkt erreicht wird. Es geht nicht mehr nur um die Binnenwirtschaft. Derzeit wertet der Yen gegenüber dem US-Dollar und dem Euro kräftig ab. Kann schon durch traditionelle Geldpolitik die Inflation nicht angekurbelt werden, so wird jetzt der Außenwert der Währung reduziert. Ein raffinierter Schachzug. Denn so lässt sich theoretisch Inflation importieren. Theoretisch. Dazu kommt, dass die japanischen Exporte billiger und damit auf dem internationalen Markt konkurrenzfähiger werden. Tatsächlich kann diese Idee jedoch zu einem Abwertungswettlauf zwischen Währungsräumen führen.

Die japanische Situation unterscheidet sich von derjenigen in anderen wichtigen Währungsräumen vor allem dadurch, dass das Land seit Jahren mit den Grenzen der Geldwirtschaft konfrontiert ist. Geld ist auch in Japan ein Kommunikationsmittel. Über eine gemeinsame Währung sind alle stärker miteinander verbunden als es über Facebook jemals möglich wäre. Geldwirtschaft funktioniert jedoch nur dann wie im Lehrbuch, wenn die Beziehungen zwischen Schuldnern und Gläubigern klar abgesichert werden. Dies ist immer dann der Fall, wenn dem Schuldner bei Nichtzahlung harte Sanktionen drohen. Kauft die Notenbank jedoch unbegrenzt die Schulden auf und monetisiert sie, so bricht dieses Drohszenario zusammen. Schuldner gewinnen damit an Marktmacht. Die Geldwirtschaft wird zu einer Verschuldungswirtschaft. In einer Verschuldungswirtschaft gelten andere Gesetze – das Lehrbuchwissen reicht nicht aus.

Die aktuelle Geldpolitik in Japan orientiert sich nicht an den Gesetzen einer Verschuldungswirtschaft. Sie versucht, die allerletzten Mittel der Geldwirtschaft auszureizen. Vergessen wird dabei, dass eine Geldwirtschaft nur unter der Bedingung einer "harten Budgetrestriktion" funktioniert. Andere Währungsräume versuchen sich derzeit auch an der Aufweichung der Budgetrestriktion – Schulden sind "in". Mit der wachsenden Marktmacht der Schuldner wird die Zahlungsmittelfunktion des Geldes infrage gestellt. Das kann schief gehen. Der zukünftige wirtschaftspolitische Handlungsspielraum wird deutlich beschnitten. Japan ist auf diesem Feld ein Vorreiter.

Mechthild Schrooten

Hochschule Bremen

Mechthild.Schrooten@hs-bremen.de


Kommentare zu diesem Artikel

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Ihr Kommentar

Wir freuen uns über Ihren Kommentar.
Die Redaktion behält sich vor Beiträge, die diffamierende Äußerungen enthalten oder sich eines unangemessenen Sprachstils bedienen, nicht zu veröffentlichen.

SPAM-Schutz * Welcher Buchstabe fehlt im folgenden Wort?