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93. Jahrgang, 2013, Heft 2 · S. 68-69

Trennbankensystem: Kasinos schließen

Heiner Flassbeck

Viele Beobachter sind sich darüber einig, dass die Banken in Zukunft weniger Risiken eingehen sollen. Sie sollen wieder normale Banken werden, die zwischen realer Wirtschaft und Finanzsektor eine Vermittlerfunktion haben, aber nicht selbst in unternehmerischer Weise auf dem "Markt für Finanzprodukte" auftreten. Das Verbot des Eigenhandels, aber auch das "Ringfencing" oder die volle Rückkehr zu einem Trennbankensystem, wie es vor einigen Jahrzehnten im angelsächsischen Raum üblich war, sind Schritte in diese Richtung. Von den Gegnern der Trennung der Bankfunktionen wird vor allem vorgebracht, die Trennung führe zu keiner Änderung an den Märkten, weil andere, die weniger reguliert sind, also Hedgefonds oder sonstige institutionelle Anleger, dann umso stärker an den Finanzmärkten investierten und spekulierten. Das ist ein schwer zu widerlegender Punkt, denn es geht ja nicht in erster Linie um die Banken als solche, sondern um die Verringerung der Kasinogeschäfte.

Dennoch müssen Gesellschaft und Politik darauf beharren, dass es bei Banken um Institutionen geht, die vom Staat mit zwei enormen Privilegien ausgestattet werden: Banken, vor allem große, können im Krisenfall darauf setzen, vom Staat wegen Systemrelevanz unterstützt zu werden, und sie können sich bei der Zentralbank extrem günstig refinanzieren. Wer vom Staat aber so komfortabel ausgestattet wird, muss sich auch so verhalten, dass sein Handeln messbare gesellschaftliche Erträge mit sich bringt. Das ist bei Wetten am Finanzmarkt und bei den meisten Investments in Finanzprodukte nicht der Fall. Im Gegenteil, Herden von Investoren, die an Rohstoffmärkten und im Währungshandel "investieren", verzerren die Preise dort massiv und richten für die Gesellschaft Schaden an, ganz gleich, ob sie Banken genannt werden oder nicht. Deswegen darf sich die Neufassung der Finanzmarktregulierungen nicht auf die Trennung der Bankfunktionen beschränken. Dies sollte nur der erste Schritt sein. Politik und Gesellschaft müssen viel härter als bisher fragen, wie es kommt, dass man an den Finanzmärkten so hohe Gewinne mit Investitionen in hochriskante Papiere machen kann. Zudem muss man fragen, ob nicht ein Großteil der Titel nur deswegen riskant ist, weil deren Preise von den Finanzmärkten weit über das wirtschaftlich vernünftige Maß hinaus getrieben werden.

Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Ein "Investor" aus Japan kauft brasilianische Real, weil er dort selbst für kurzfristige Anlagen relativ hohe Zinsen bekommt, er sich aber zu Hause super günstig, nämlich zu einem Zins nahe Null, refinanzieren kann. Das ist zunächst nicht besonders riskant. Weil aber viele diese Carry-Trade-Geschäfte machen und ihr Geld in Real umtauschen, steigt der Wert der brasilianischen Währung. Das bringt dem Investor einen zusätzliche Gewinn. Nun ist aber der Kurs der Währung falsch. Brasilien hat relativ hohe Zinsen, weil die Inflation relativ hoch ist. Folglich müsste die Währung ab- und nicht aufwerten. Wertet sie auf, ist das Geschäft nun hoch riskant, weil die Währung gegen die Fundamentaldaten zulegt. Brasilien gerät früher oder später in eine Währungskrise und muss stark abwerten. Das Geschäft ist hoch riskant, weil der Finanzmarkt den Preis der Währung systematisch falsch festsetzt. Zeitweise kassieren die Märkte also eine Risikoprämie für ein Risiko, das sie selbst geschaffen haben. Das Gerede vom hohem Risiko, das solchen Geschäften "natürlich" innewohnt und entgolten werden muss, erweist sich als hohle Phrase. Solange die Politik und die Finanzmarktaufsicht solche Zusammenhänge nicht aufdeckt und problematisiert, kann sie niemals angemessen regulieren. Solange die Fiktion vom effizienten Markt in den Köpfen dominiert, gibt es keinen Fortschritt. Bankfunktionen zu trennen und die Kasinos abzuspalten, ist eine gute Idee. Aber erst, wenn ernsthaft diskutiert wird, die Kasinos zu schließen, weil sie die Preise verzerren, wird man auf einen Durchbruch hoffen können.

Heiner Flassbeck

Direktor Flassbeck-Economics

hflassbeck@gmail.com


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