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93. Jahrgang, 2013, Heft 4 · S. 270-271

Analysen und Berichte

Die beste Bildungspolitik ist ein gute Ordnungspolitik – eine Erwiderung

Dominik H. Enste, Jochen Wicher

Dr. Dominik H. Enste leitet das Kompetenzfeld "Institutionenökonomik" am Institut der deutschen Wirtschaft Köln, ist Vertretungsprofessor an der Fachhochschule Köln und Dozent an der Universität zu Köln.

Jochen Wicher, M.Sc., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Genossenschaftswesen in Münster.

Enrico Schöbel und Lars Petersen1 leiten aus den Ergebnissen unserer Studie ab, dass wir den Staat als Regulierer gänzlich infrage stellen. Dies ist nicht der Fall. Das Ziel unserer Studie ist es nicht nachzuweisen, dass der Staat eine möglichst weitgehende Deregulierung betreiben sollte. Es geht uns vielmehr darum, das richtige Maß an Regulierung ("better regulation") zu finden. Dafür ist ein Ländervergleich geeignet. Exemplarisch zeigen wir für die Regulierung im Bereich der Bildung, wie über verschiedene Kanäle positive Effekte auf den Wohlstand erzielt werden können. Auch die Kritik an der verwendeten Methodik trifft nicht den Kern. Denn eine Indexbildung geht immer zwangsläufig mit Informationsverlusten und Ungenauigkeiten einher, auf die wir auch ausdrücklich hinweisen.2 Und eine simple Regression hat immer nur eine begrenzte Aussagekraft, aber im politischen Diskurs sind komplexere statistische Verfahren nicht verwend- und kommunizierbar. Zur Kritik im Einzelnen:

  1. Wir sind uns der positiven Wirkungen von bestimmten Regulierungen und Staatseingriffen sehr wohl bewusst und formulieren dies auch explizit in unserem Artikel:3 "Des Weiteren können positive Wirkungen von der Regulierung ausgehen, wenn Eigentums- und Verfügungsrechte gesichert werden sollen, externe Effekte internalisiert werden müssen oder wenn Markt- und Wettbewerbsversagen vermieden werden sollen." Damit sind die einleitenden, erläuternden Darstellungen zur Theorie öffentlicher Güter oder den meritorischen Gütern überflüssig und die Aussage, wir stellten den Staat als "Regulierer gänzlich infrage" schlicht falsch.
  2. Schöbel und Petersen folgern darüber hinaus aus der Darstellung einer Regressionsgeraden, dass wir den Wohlstand einer Nation dann als am größten betrachten, wenn sich der Staat in einem Land der Regulierung enthält. Implizit setzen sie dabei die Variable "Gesamtregulierung" gleich Null. Dies bedeutet auf der Grundlage unserer Daten aber nicht notwendigerweise eine vollständige Deregulierung. Wie bei der Vorstellung des Aufbaus der Teilindizes deutlich gemacht, handelt es sich bei den Index-Werten um relative Zahlen.4 Ein Wert von Null für Deutschland in diesem Index würde lediglich angeben, dass Deutschland das Land ist, das im Vergleich mit den anderen Ländern der Studie in allen Bereichen am wenigsten reguliert ist. Eine Aussage über die absolute Höhe der Regulierung wird dabei nicht getroffen.
  3. Ein zentrales Element des Regulierungsindex ist darüber hinaus der Good-Governance-Index.5 Damit wird die Qualität der staatlichen Rahmenbedingungen erfasst. Dabei wurden diese Werte entsprechend umgekehrt skaliert erfasst, also ein hoher Wert bei Good Governance ist positiv und führt zu einem besseren Rangplatz. Dieser Teilindex erfasst eben gerade die von Schöbel und Petersen betonten positiven Aspekte von Regulierung im Sinne einer rationalen Ordnungspolitik. Damit entbehrt die Unterstellung, wir hätten die Existenz von öffentlichen Gütern und die Notwendigkeit von staatlichen Eingriffen zur Internalisierung von negativen wie positiven externen Effekten ignoriert, jeder Grundlage. Insbesondere auch die systemischen Risiken, die z.B. im Bereich der Finanzmärkte existieren, bedürfen einer staatlichen Regulierung durch die Setzung von Rahmenbedingungen. Verlässliche Rahmenbedingungen sind mithin eine zentrale Voraussetzung für Wohlstand.
  4. Dass es grundsätzliche Herausforderungen bei der Messung sowohl von Wohlstand als auch von Regulierung gibt, wird von Schöbel und Petersen angesprochen. Auch wir weisen – zumindest für die Bemessung von Regulierung – in unserem Artikel explizit darauf hin:6 "Dabei sind jedoch auch die Grenzen summarischer und synthetischer Indizes zu beachten." Dementsprechend kann eine exakte Bestimmung der Auswirkung von Regulierung auf den Wohlstand eines Landes auch gar nicht unser Ziel sein. Uns geht es vielmehr um den grundsätzlichen Zusammenhang.
  5. Die Fortschreibung einer Regressionsgeraden über den relevanten Bereich der Schätzung hinaus ist nicht zielführend und wird von uns an keiner Stelle innerhalb des Artikels angeführt. Der geschätzte Achsenabschnitt und der Steigungsparameter werden auch im Text (bis auf eine Stelle zu Illustrationszwecken) nicht erwähnt oder gar interpretiert, sondern sind vielmehr der Vollständigkeit halber in den Abbildungen abgetragen. Der Forderung nach einer kompletten Deregulierung widerspräche auch unsere Bezeichnung der Situation Norwegens als "gut".7 Der Wert für Norwegen im Bereich der Bildungs- und Forschungsregulierung liegt bei über 40. Dies verdeutlicht, dass es uns lediglich um die relativen Zusammenhänge im Sinne einer "better regulation" geht.
  6. Die Kritik von Schöbel und Petersen daran, dass wir bei unserer Studie Kaufkraftparität unterstellen, trifft insofern nicht zu, als dass uns bei der Bezeichnung der Abbildungen an dieser Stelle ein Fehler unterlaufen ist. Die Daten liegen nicht in Euro, sondern – wie auch vom IWF angegeben, den wir als Quelle zitieren – in internationalen Dollar vor. Diesen Fehler bitten wir zu entschuldigen.
  7. Bezogen auf die Schätzung in Abbildung 4 vermuten Schöbel und Petersen, dass die Varianz der Fehlerterme nicht konstant sein könnte und somit Heteroskedastizität vorliegen würde. Dies ist jedoch nicht problematisch, da OLS-Schätzer auch dann noch unverzerrt sind, wenn eine eventuell vorliegende Heteroskedastizität ignoriert wird.8 Diese Schätzer sind dann nur nicht mehr effizient, d.h. die Standardfehler und die darauf basierende Inferenz sind mit Vorsicht zu interpretieren bzw. unter gewissen Umständen sogar unbrauchbar. Da wir sowohl auf Intervallschätzungen als auch auf Hypothesentests verzichten und letztlich nur einen Grundzusammenhang für den politischen Diskurs anschaulich darstellen wollen, erscheint uns die Kritik überzogen.
  8. Natürlich ist es uns bewusst, dass das Wohlstandsniveau eines Landes nicht gänzlich durch das Ausmaß an Regulierung zu bestimmen ist. Dass dementsprechend bei der Schätzung Variablen fehlen, die einen Erklärungsbeitrag zur Bestimmung des Wohlstandsniveaus leisten, ist unvermeidlich.
  9. Die Daten des IW-Regulierungsindexes bestehen – wie dargestellt – aus subjektiven und objektiven Daten. Inwieweit die Befragten bei ihren subjektiven Einschätzungen das von ihnen wahrgenommene Ausmaß der Selbstregulierung "eingepreist" haben, ist eine schwer zu führende und deshalb in Teilen müßige Diskussion. Dementsprechend erlauben wir uns hierzu kein Urteil. Allerdings wäre die Frage, ob ein Fehlen dieser Selbstregulierung negative Folgen hätte. Es würde erst einmal lediglich den Fokus der Studie auf den Einfluss des Staates verschieben.
  10. Es ist fraglich, ob die Berücksichtigung historischer Einmalereignisse in dieser Studie an dem grundsätzlichen Zusammenhang etwas ändern würden. Dies ist bei einem summarischen Index über einen längeren Zeitraum für so viele Länder problematisch umzusetzen, zumal es hier um Trendbetrachtungen und relative Entwicklungen im Ländervergleich geht.

Berücksichtigt man all diese Aspekte, zeigt sich, dass sowohl Schöbel und Petersen als auch uns daran gelegen ist, das richtige Maß an Regulierung zu finden. Dazu kann trotz der Grenzen von summarischen Indizes, ein vergleichendes Länderranking einen wichtigen informatorischen Beitrag liefern. Dies entbindet Wissenschaftler und Politiker allerdings nicht von der Pflicht, im Einzelfall die Folgen und Sinnhaftigkeit jeder Regulierung gesondert zu prüfen und zu analysieren.

Title: Critical Remarks on Enste and Wicher's "Regulation, Education, and Wealth" and Enste and Wicher's Response

Abstract: Enste and Wicher suggest that political regulation is always wealth-reducing. However, their analysis neglects various relevant determinants of the wealth indicator. Economic wealth cannot be estimated from the quantity of regulation, as quality and other aspects matter. Hence, political acumen is required. Enste and Wicher reply to criticism of the regulation index and the analysis of the impact of regulation on education. They argue that they neither ignore the positive effects of regulation (taken into account with the data on good governance indicators) nor demand a zero regulation policy. Instead, the main goal of the analysis is to provide an international comparison for "better regulation".

JEL Classification: H11, I25, I28, K23, L51, O43

  • 1 E. Schöbel, L. Petersen: Wohlstand und Regulierung – (K)ein entweder oder? – Eine Replik, in: Wirtschaftsdienst, 93. Jg. (2013), H. 4, S. 267-269.

  • 2 D. H. Enste, J. Wicher: Regulierung, Bildung und Wohlstand – der IW-Regulierungsindex, in: Wirtschaftsdienst, 92. Jg. (2012), H. 6, S. 408.

  • 3 Ebenda.

  • 4 Ebenda.

  • 5 Ebenda, S. 406.

  • 6 Ebenda, S. 408.

  • 7 Ebenda, S. 411.

  • 8 Vgl. L. von Auer: Ökonometrie – eine Einführung, 4. Aufl., Berlin, Heidelberg 2007, S. 380; oder grundlegend H. White: A heteroskedasticity-consistent covariance matrix estimator and a direct test for heteroskedasticity, in: Econometrica, 48. Jg. (1989), H. 4, S. 817.


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