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93. Jahrgang, 2013, Heft 5 · S. 280

Armutsentwicklung: Ganze Breite des Arbeitsmarktes

Eric Seils

Vielen gilt der deutsche Arbeitsmarkt als vorbildlich: Die Beschäftigung steigt von Jahr zu Jahr und die Arbeitslosigkeit ist eine der niedrigsten in Europa. Mit den jüngst veröffentlichten Daten zur Entwicklung des Armutsrisikos von Erwerbspersonen gießt das Statistische Amt der Europäischen Union jedoch Wasser in den Wein. Den Zahlen zufolge beträgt in Deutschland die Armutsgefährdungsquote der Arbeitslosen am aktuellen Rand (2010) 67,5%. Obwohl zuletzt ein geringfügiger Rückgang um 2,5 Prozentpunkte zu verzeichnen war, ist das Armutsrisiko der Arbeitslosen in Deutschland damit weitaus höher als in jedem anderen Land Europas. Im Durchschnitt der EU27 müssen 46,3% aller Arbeitslosen mit weniger als 60% des bedarfsgewichteten mittleren Einkommens des jeweiligen Landes auskommen. In der Schweiz sind es nur 30,1%. Auch bei den Beschäftigten ergibt sich eine besorgniserregende Entwicklung: Noch 2004 war die Arbeitsarmut in Deutschland vergleichsweise selten. Seitdem ist der Anteil der "working poor" in Deutschland stärker gestiegen als in den übrigen europäischen Staaten. Mit 7,7% liegt die Bundesrepublik nun auf einem durchschnittlichen Niveau.

Welche Ursachen liegen diesen Entwicklungen zugrunde? Mit Blick auf die Arbeitslosen kann man argumentieren, dass der Anstieg des Armutsrisikos gewissermaßen die Schattenseite des Rückgangs der Arbeitslosigkeit darstellt: Wenn die Arbeitslosigkeit sinkt, dann werden zunächst jene eine neue Anstellung finden, die noch nicht lange arbeitslos sind. Zurück bleiben diejenigen, die ihren Anspruch auf Arbeitslosengeld I schon erschöpft haben oder die Anspruchsvoraussetzungen nie erfüllen konnten. Infolgedessen steigt das Armutsrisiko in der Gruppe der Arbeitslosen. Dies ist jedoch nur ein Teil der Wahrheit. Die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe im Jahre 2004 stellte einen tiefen Einschnitt in die soziale Absicherung der Arbeitslosen in Deutschland dar. Seitdem haben die meisten Arbeitslosen nur noch Anspruch auf ein Jahr Arbeitslosengeld I. In einigen Nachbarländern – wie z.B. Dänemark (104 Wochen), den Niederlanden (96 Wochen) und der Schweiz (80 Wochen) – ist die Anspruchsdauer auf Arbeitslosengeld länger und das Armutsrisiko der Arbeitslosen infolgedessen geringer als hierzulande. Auch die Arbeitslosigkeit war in den vergangenen zehn Jahren niedriger als in Deutschland.

Angesichts des Zuwachses bei der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung löst der Anstieg der Arbeitsarmut Verwunderung aus: Woher kommen die "working poor"? Eine scheinbar elegante Erklärungsmöglichkeit besteht darin, auf Veränderungen der Beschäftigungsstruktur zu verweisen. Zwischen 2004 und 2010 haben sogenannte atypische Beschäftigungsverhältnisse (z.B. befristete Beschäftigung, Teilzeit) zugenommen. Mit diesen ist gegenüber dem Normalarbeitsverhältnis ein deutlich erhöhtes Armutsrisiko verbunden. Diese Beschäftigungsformen sind jedoch sowohl für die Gesamtbeschäftigung als auch für die Haushaltseinkommen weniger bedeutend als oftmals vermutet wird. Analysiert man den Anstieg der Arbeitsarmut genauer, dann zeigt sich, dass dieser in allen Beschäftigungsformen erfolgt ist. Im internationalen Vergleich sticht die Bundesrepublik sogar dadurch hervor, dass die Arbeitsarmut besonders unter den Arbeitnehmern mit Festanstellung und solchen in Vollzeittätigkeit zugenommen hat. Die Arbeitsarmut hat also gleichsam die ganze Breite des Arbeitsmarktes erfasst.

Eric Seils

Hans-Böckler-Stiftung

Eric-Seils@BOECKLER.DE


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