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93. Jahrgang, 2013, Heft 5 · S. 282

Deutsche Telekom: Fair-Use-Flatrates wirklich fair?

Jan Krämer

Der aktuelle Vorstoß der Deutschen Telekom, in Zukunft nur noch Fair-Use-Flatrates für DSL-Anschlüsse vermarkten zu wollen, hat für Kontroversen gesorgt. Diese Tarife garantieren dem Kunden uneingeschränktes Surfen lediglich bis zu einem festgelegten Maximaldatenvolumen. Ab 2016 soll der Telekom-Kunde für darüber hinausgehenden Datenverkehr entweder zusätzlich bezahlen (über die Preise ist noch nichts bekannt) oder die Geschwindigkeit der Datenleitung wird auf 384 Kbit/s gedrosselt, was effektiv eine zeitgemäße Nutzung der Breitbandverbindung verhindert. Umgekehrt ist aber eine Belohnung für Wenignutzung (z.B. durch die Möglichkeit ungenutzte Volumina in den nächsten Monat zu übertragen) derzeit nicht vorgesehen. Die Ankündigung der Telekom löste einen Sturm der Entrüstung unter Netzaktivisten aus. Sogar die Bundesregierung beteiligte sich im Zuge des laufenden Wahlkampfs daran. Obwohl Fair-Use-Flatrates im Mobilfunk bereits Realität sind, hätte man das Ausmaß der Empörung über die Einführung dieser Tarife im Festnetz durchaus erwarten können: ähnliche Fälle gab es zuvor beispielsweise in Kanada (BellCanada) und den USA (Comcast). Interessanterweise gaben die Anbieter in beiden Fällen ihre Maßnahmen zur Datenbeschränkung inzwischen auf Grund des enormen öffentlichen Drucks wieder weitestgehend auf. Dort wie hier werden Fair-Use-Flatrates gerne mit einer Verletzung der Netzneutralität in Verbindung gebracht. Das ist genau dann begründet, wenn das Datenvolumen, das durch besondere Dienste (sogenannte "Managed Services" – bei der Telekom gilt das insbesondere für das Internetfernsehen "Entertain") verursacht wird, nicht dem verbrauchten Datenvolumen zugerechnet wird, während alternative Dienste von Over-the-top-Anbietern (OTT), die kostenlos Video- und Audioinhalte übermitteln, voll auf den Datenzähler gehen. Da liegt die Vermutung einer Wettbewerbsverzerrung nahe. Genau das wird im Fall der Telekom gerade durch die Bundesnetzagentur geprüft.

Grundsätzlich kann man dem Konzept der Fair-Use-Flatrates durchaus auch etwas Positives abgewinnen. Denn gegen eine verursachungsgerechtere Bepreisung der Datennutzung ist im Prinzip nichts einzuwenden. Glaubt man der Telekom, dass nur ein geringer Prozentsatz der Nutzer den überwiegenden Teil des Datenvolumens verursacht, so sollte eine Fair-Use-Flatrate für die meisten Internetnutzer eigentlich sehr viel günstiger zu haben sein (jedenfalls ab 2016), da Vielnutzer nicht mehr quersubventioniert werden müssen. Die Preise für die aktuellen Telekom-Flatrates (mit Fair-Use-Klauseln, aber ohne echte Sanktionen) sind zumindest unverändert. Zudem erscheinen die Inklusiv-Volumina (ab 75 GB/Monat) deutlich zu niedrig – und das obwohl diese erst im Jahr 2016 greifen sollen. Spätestens dann wird die Regelung sicherlich nicht nur eine Minderheit treffen.

Die Einführung von Fair-Use-Flatrates trifft aber nicht nur die Kunden. Die neuen Tarife haben auch das Ziel, die OTT-Konkurrenz zur Kasse bitten zu können. Insbesondere bandbreitenintensive OTT-Dienstanbieter wären gezwungen, sich bei der Telekom in Zukunft ebenfalls als Managed Services einzukaufen. Ob und in welcher Weise dies gerechtfertigt ist, z.B. weil die Telekom die Infrastruktur für die Diensterbringung der OTT-Anbieter zur Verfügung stellt, wird ebenfalls zu prüfen sein. Kurzfristig jedenfalls werden die Telekom-Konkurrenten von dem erfolgten Imageschaden profitieren können, denn im Gegensatz zu den USA und Kanada gibt es in Deutschland zahlreiche Breitband-Internetanbieter, welche die Kunden wählen können. Es ist aber auch denkbar, dass der Vorstoß der Telekom eine Signalwirkung hat und zukünftig Nachahmer unter den Wettbewerbern finden wird.

Jan Krämer

Karlsruhe Institute of Technology (KIT)

kraemer@kit.edu


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