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93. Jahrgang, 2013, Heft 7 · S. 428

Hochwasserkatastrophe: Pflichtversicherung gegen Risiken?

Martin Nell

Geschichte wiederholt sich: Alle fünf bis zehn Jahre kommt es in Deutschland an Oder, Elbe oder Donau zu einem "Jahrhunderthochwasser" mit Schäden in Milliardenhöhe, Politikern in Gummistiefeln, die den Betroffenen unbürokratische Hilfe versprechen, und Appellen an die Spendenbereitschaft der Bevölkerung. Wenn sich das Hochwasser zurückgezogen hat, setzt eine Diskussion ein, was denn dieses Mal beim Hochwasserschutz schief gelaufen ist, und es werden Pläne entwickelt, was man in Zukunft besser machen kann. In diesem Zusammenhang wird dann regelmäßig eine Pflichtversicherung gegen Überschwemmungsrisiken vorgeschlagen und letztlich verworfen. Kurze Zeit später werden Ad-hoc-Hilfen geleistet und das Thema verschwindet aus den Medien, und es passiert wenig bis nichts – bis zum nächsten Hochwasser.

Mit einem planvollen Risikomanagement gegen Hochwasserrisiken hat dies nichts zu tun. Das ist fatal, weil Hochwasserrisiken im Vergleich zu anderen Naturkatastrophen besonders stark durch geeignete Präventionsmaßnahmen auf kollektiver Ebene wie beispielsweise die Schaffung von ausreichenden Überflutungsflächen oder auf individueller Ebene etwa durch rückläufige Bebauung in besonders exponierten Gebieten oder bauliche Maßnahmen wie die Verlagerung sensibler Anlagen in höhere Stockwerke verringert werden können. Warum aber wird nur unzureichend Prävention betrieben? Eine zentrale Voraussetzung für effiziente Prävention ist, dass die Risiken Eingang in die relevanten Preise finden, so dass die Wohnkosten die erwarteten Kosten für Überschwemmungen enthalten. Dies ist aber momentan aufgrund staatlicher und privater Ad-hoc-Hilfen nicht der Fall. Es ist vorhersehbar und politisch wohl auch unvermeidlich, dass im Falle einer Überschwemmungskatastrophe den Betroffenen Ad-hoc-Hilfen gewährt werden. Dadurch verringern sich ex ante erheblich die Anreize sowohl zur Schadenprävention als auch zum Abschluss einer Versicherung gegen Überschwemmungsrisiken. Dies erklärt auch die nach wie vor geringe Nachfrage nach entsprechenden Versicherungsdeckungen.

In einer solchen Konstellation, in der ein rationales Desinteresse an Prävention besteht, ist eine Pflichtversicherung grundsätzlich eine sinnvolle und in anderen Bereichen wie der Altersvorsorge oder der Krankenversicherung weitgehend akzeptierte Handlungsoption. Allerdings kommt es entscheidend auf die Ausgestaltung an. Eine Pflichtversicherung mit einheitlichen Prämien für alle Versicherten wäre eine denkbar schlechte Lösung, da dann jegliche Anreize zur Prävention verloren gingen. Die Kosten für Gebäude in exponierten Lagen würden die Risiken nicht reflektieren, und es würde sich nicht lohnen, das Überschwemmungsrisiko durch entsprechende bauliche Maßnahmen zu verringern. Des Weiteren käme es zu einer Umverteilung von unten nach oben, da Wohnen in Wassernähe begehrt ist.

Eine Pflichtversicherung mit risikoäquivalenten Prämien wäre hingegen eine gute Lösung, da die Risiken dann in den relevanten Preisen enthalten wären. Die Versicherungsprämien würden das Überschwemmungsrisiko der Gebäude berücksichtigen, so dass sowohl die Wohnkosten in exponierten Lagen steigen als auch Anreize für bauliche Präventionsmaßnahmen bestehen würden. Das häufig vorgebrachte Gegenargument, dass risikogerechte Prämien für Überschwemmungsrisiken zu untragbaren Prämien für Gebäude in Hochrisikogebieten führen, ist nicht überzeugend, weil die Versicherungsprämien lediglich das tatsächliche Risiko reflektieren. Wenn daher die Wohnkosten durch risikogerechte Prämien so erhöht werden, dass niemand bereit ist, diese Kosten zu tragen, dann ist das Gebäude an dieser Stelle nicht sinnvoll. Dies wird durch risikogerechte Prämien transparent.

Martin Nell

Universität Hamburg

martin.nell@wiso.uni-hamburg.de


Kommentare zu diesem Artikel

Reimund Schwarze schrieb am 05.10.2014 um 11:10 Uhr

Lieber Martin,

ich teile Deine Einschätzung, wie bekannt, und die der Kollegen am Ifo-Dresden u.v.a.; es ist einfach erschreckend, wie resistent die Politk gegen diesen Rat ist. Das Vollzugsdefizit bei Regeln zur Begrenzung der Verzerrungen durch das Sysem der Adhoc-Hilfen ist beachtlich und wird ebenfalls einfach nur ignoriert!

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