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94. Jahrgang, 2014, Heft 1 · S. 5-6

Arbeitsmarkt: Berufsausbildung vernachlässigt

Gerhard Bosch

Gut ausgebildete Fachkräfte sind das Geheimnis der deutschen Wettbewerbsfähigkeit. Mittlerweile haben mehr als 90% der Stammbelegschaften der Unternehmen einen beruflichen oder akademischen Abschluss. Das unterscheidet deutsche von US-amerikanischen, britischen oder französischen Betrieben. Diese sind mit ihren hohen Anteilen von Un- und Angelernten deutlich inflexibler, da ihre Beschäftigten nicht so vielseitig einsetzbar sind. Die deutsche Automobilindustrie kann z.B. bei einem Modellwechsel eine alte Produktionslinie schließen und die neue ohne Qualitätsprobleme zügig hochfahren, da sie nicht viel Zeit auf das Anlernen verschwenden muss.

Viele Untersuchungen zeigen zudem, dass die duale Berufsausbildung die Integration Jugendlicher ins Erwerbsleben erleichtert, weshalb die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland im internationalen Vergleich so gering ist. Die Auszubildenden lernen unter realen Arbeitsbedingungen und sind nach ihrer Ausbildung sofort voll produktiv. Diese Vorteile der deutschen Berufsausbildung werden auch im Ausland erkannt und man versucht zunehmend, das duale System zu kopieren.

Die deutsche Wirtschaft schaut optimistisch in die nächsten Jahre und kämpft in einigen Berufen und Regionen schon mit Fachkräftemangel. In einer solchen Situation sollten eigentlich die Ausbildungsinvestitionen ansteigen, umso mehr als in den nächsten Jahren die Zahl der Jugendlichen knapp wird und bis 2025 fast die Hälfte der Fachkräfte ausscheidet. Stattdessen meldete die Bundesagentur für Arbeit für 2013 einen Rückgang der neuen Ausbildungsverträge. Besonders bestürzend ist der Rückgang in mehreren industriellen Kernberufen. An mangelnden schulischen Voraussetzungen und abnehmenden Bewerberzahlen kann es nicht liegen. Wegen der doppelten Abiturjahrgänge ist die Zahl der Bewerber 2013 sogar gestiegen. Auch die schulische Ausbildung ist heute besser als früher. In Nordrhein-Westfalen haben z.B. zwei Drittel der Unversorgten einen Realschulabschluss oder sogar eine Studienberechtigung.

Derzeit herrscht die seltsame Situation, dass fast alle Akteure der deutschen Wirtschaft stolz auf das duale System sind, das aber aufgrund eines immer kurzfristigeren betrieblichen Denkens seit 30 Jahren permanent in der Krise ist. So ist die Ausbildungsquote in Aktiengesellschaften, die sich oft an Vierteljahreszahlen orientieren, signifikant niedriger als in Familienbetrieben mit einem längeren Planungshorizont. Eine hohe Ausbildungsbereitschaft kann nur noch durch Kraftakte der Politik und der Sozialpartner gesichert werden. Die abnehmende Tarifbindung zeigt aber, dass die Unternehmen nicht mehr in gleichem Maße moralisch zur Ausbildung verpflichtet werden können, wie noch vor 30 Jahren. Die Versprechungen in den Ausbildungspakten sind daher auch immer vager geworden. Die Bildungspolitiker jeder politischen Couleur schauen zudem fast nur noch auf die Universitäten und haben die Berufsausbildung in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt.

Der Rückgang der Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen ist standortgefährdend. Wenn es nicht gelingt, die Verpflichtungsfähigkeit der Sozialpartner über die neuen Instrumente Mindestlohn und leichtere Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen wieder zu stärken, bietet sich eine Ausbildungsplatzabgabe an, mit der man im Bauhauptgewerbe gute Erfahrung gemacht hat. Die Trittbrettfahrer werden an den Kosten des Allgemeinguts "Berufsausbildung" beteiligt. Die auszubildenden Betriebe werden entlastet, was die Ausbildungsbereitschaft erhöht.

Gerhard Bosch

Universität Duisburg-Essen

gerhard.bosch@uni-due.de


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