Ein Service der

Inhalt

94. Jahrgang, 2014, Heft 10 · S. 688

Aktienmarkt: Zurückhaltung der Deutschen

Rolf von Lüde

Die Einlagezinsen für Spar- und Festgeldanlagen nähern sich als Folge der aktuellen Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank der Nulllinie. Nach dem jüngst von der Allianz vorgestellten Weltvermögensbericht wurden den sparenden Privathaushalten für alle Anlageformen in Deutschland in den Jahren 2010 bis 2014 im Vergleich zu den Zinssätzen im Zeitraum 2003 bis 2008 rund 23 Mrd. Euro weniger gutgeschrieben. Eine "Massenflucht" der Sparer in besser rentierliche Anlageformen wäre eine logische und erwartbare Konsequenz. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Nach dem Bericht der Bundesbank zur Geldvermögensbildung in Deutschland im ersten Quartal 2014 setzte sich der seit Längerem zu beobachtende Trend hin zu risikoärmeren Anlagen trotz der gesunkenen Unsicherheit und der niedrigen Verzinsung sicherer Anlageformen fort. Dieses Verhalten ist umso erstaunlicher, weil auf den Aktien- und Anleihemärkten auch mit grundsoliden Investments in den letzten Jahren Renditen zu erzielen waren, die die Sparzinsen deutlich übertrafen. Allein die Dividendenrendite renommierter Aktiengesellschaften mit verlässlicher Dividendenzahlung liegt häufig zwischen 3% und 5% und übertrifft damit die Geldentwertung – 0,3% im September 2014 – bei Weitem.

Mit der hohen Präferenz für Near-Money-Anlagen und ihrer Abstinenz vom Aktienmarkt haben sich deutsche Anleger in den letzten Jahrzehnten selbst auf Kosten realer Vermögensverluste so verhalten, als herrsche Deflation. Weichen die Sparer doch einmal von diesem Pfad ab, neigen nicht wenige dazu, ihre Ersparnisse in kaum regulierte und intransparente Anlagen mit hohen Zinsversprechen zu stecken. Ein solches Anlageverhalten ist derzeit z.B. bei Mittelstandsanleihen, um die Profiinvestoren in aller Regel einen großen Bogen machen, beobachtbar. Wie ist dieses ökonomisch kaum nachvollziehbare Verhalten erklärbar, das im Lebenszyklus der Privatanleger zu enormen und eigentlich vermeidbaren Wohlfahrtsverlusten führt und angesichts einer Transformation des Wohlfahrtsstaates, in dem Rentenzahlungen in Zukunft nur noch einen Teil der erforderlichen Altersversicherung abdecken, zu großen Deckungslücken beiträgt? Zunächst einmal führt der Mangel an "Financial Literacy" zu einer Reduktion der Handlungsmöglichkeiten der Anleger. Darüber hinaus ist entgegen vorherrschender ökonomischer Annahmen die Wahrnehmung von finanziellen Risiken unter anderem eine Funktion kulturspezifischer sozialer Normen und Konventionen. Dabei fließen historisch tradierte Erschütterungen der Finanzmärkte wie Hyperinflationen und Börsencrashs mit Totalverlusten selbst großer Vermögen in individuell akzeptierte und gesellschaftlich geformte "Dispositionen der Unsicherheitsvermeidung" ein. Diese werden im familialen und schulischen Kontext "kulturell erlernt" und tragen zu einer Pfadabhängigkeit des Anlageverhaltens selbst auf Kosten ökonomischer Nachteile bei. Es kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Aktienanlagen weisen in Deutschland immer noch einen "haut goût" der Spekulation auf, und die Affäre um den Präsidenten eines Münchener Fußballvereins verstärkt das Bild in der Öffentlichkeit eines damit verbundenen amoralischen Handelns.

Verhaltensänderungen, das zeigen Wissenschaft wie Praxis, sind ein höchst langwieriges und schwieriges Unterfangen. Das gilt in besonderer Weise auch für die Finanzanlagen von Privatanlegern. Die gegenwärtige Fühlbarkeit einer faktischen 0%-Verzinsung könnte ein Anstoß dazu sein, zumindest für einen Teil der Ersparnisse über andere Formen der Anlage nachzudenken. Dabei stellte das Sparbuch schon immer die subtilste Form der finanziellen Entmündigung dar. Es wäre deshalb schon viel geholfen, wenn ein Bewusstseinswandel darüber stattfinden würde, dass die Gleichungen "Sparbuch = guter und moralischer Anleger" und "Aktien = Spekulant" eine zu naive Betrachtungsweise repräsentieren, bei der die Verlierer die Sparer sind – und dies nicht erst seit dem Beginn der Niedrigzinspolitik.

Rolf von Lüde

Universität Hamburg

Rolf.Luede@wiso.uni-hamburg.de


Kommentare zu diesem Artikel

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Ihr Kommentar

Wir freuen uns über Ihren Kommentar.
Die Redaktion behält sich vor Beiträge, die diffamierende Äußerungen enthalten oder sich eines unangemessenen Sprachstils bedienen, nicht zu veröffentlichen.

SPAM-Schutz * Welcher Buchstabe fehlt im folgenden Wort?