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94. Jahrgang, 2014, Heft 11 · S. 762-763

Leitartikel

Europäische Banken: Kein Stress mehr?

Hans-Peter Burghof

Burghof_LA-sw.tif

Hans-Peter Burghof ist Inhaber des Lehrstuhls für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim.

Die europäischen Banken haben den Stresstest überstanden. Viel Zeit und Geld musste darauf verwendet werden, was vor allem die kleineren, nicht wirklich systemischen Institute erheblich belastete. Erfreulich ist, dass die allermeisten Banken den Test nicht nur überstanden, sondern sogar bestanden haben. Umstritten ist jedoch, wie viel dies über die Stabilität des europäischen Bankensystems aussagt.

Um dies zu beurteilen, ist zunächst eine Einordnung des Instruments notwendig. Ein Stresstest ist letztlich eine Frage an die Zukunft einer Bank: Würde die heutige Bank in einem gedachten Zukunftsszenario über ausreichend Eigenkapital verfügen? Gut daran ist, dass sich Aufsicht und Kreditinstitut dazu mit dieser möglichen Zukunft auseinandersetzen müssen. Aber dass Banken, die in einem oder mehreren gedachten Stressszenarien für ihr Risikoprofil an einem bestimmten, schon zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Ergebnisses lange zurückliegenden Stichtag über ausreichend Eigenkapital verfügt hätten, für alle denkbaren Entwicklungen gewappnet und in diesem Sinne "sicher" seien, wäre eine grobe Fehleinschätzung. Weder wird die Bank zum Zeitpunkt einer zukünftigen Krise über genau dieses historische Risikoprofil verfügen, noch wird eine tatsächliche Krise dem Stressszenario entsprechen. Man müsste schon viel Glück haben, wenn sie ihm wenigstens ähnlich sieht.

Hinsichtlich der Risikoprofile der Banken ist die Befürchtung der meisten Beobachter weniger die, dass Kreditinstitute kurzfristig massiv höhere Risiken eingehen könnten. Mit dem 4. November 2014 übernimmt die Europäische Zentralbank auch die kontinuierliche Beaufsichtigung der großen Institute im Euro-Währungsraum. Obwohl diese neue Behörde sich erst noch beweisen muss, scheint man fest davon auszugehen, dass sie uns zukünftig vor solchen Exzessen der Kreditinstitute bewahren kann. Aber dies ist keineswegs gesichert. Gerade den großen Spielern am Markt ist es in der Vergangenheit immer wieder gelungen, durch Lobbying und Regulierungsarbitrage zwischen den Aufsichtssystemen der verschiedenen Länder die Bankenaufsicht wirksam zu unterlaufen. Mit der Verlagerung der Aufsicht auf die europäische Ebene ist dieses Problem nicht gelöst. Und auch wenn es unhöflich sein mag, dies anzusprechen: Die berufliche Vergangenheit Mario Draghis als für die Aufsicht verantwortlicher Präsident der italienischen Nationalbank und als Vice President von Goldman Sachs bringt ihn in engen Kontakt mit den Missbräuchen der Vergangenheit und stellt damit einen erheblichen Ballast für die Zukunft der neuen Bankenaufsicht dar.

Die Befürchtungen laufen jedoch vielmehr in die Richtung, dass manche Banken zwar nach den Kapitalerhöhungen der letzten Jahre über genug Eigenkapital verfügen, dass ihnen aber unverändert ein tragfähiges Geschäftsmodell abgeht. Beide Argumente lassen sich verbinden: Institute ohne Geschäftsmodell dürften versucht sein, Rentabilität und Überleben durch eine exzessive Risikoübernahme auch am Aufseher vorbei zu gewährleisten. Sie sind mittelfristig nicht nur unrentabel, sondern könnten sich in einem unbeobachteten Moment zu einem massiven Systemrisiko auswachsen.

Welche Konsequenzen sollte man daraus ziehen? Zunächst ist die neue Bankenaufsicht so aufzustellen, dass sie rasch und durchschlagend solchen Entwicklungen bei einzelnen Instituten entgegenwirken kann. Auch hier ist Skepsis angebracht, ob dies gelingt. Die immer stärker von juristischem Denken geprägten Aufsichtsbehörden erwecken schon heute oftmals den Eindruck, dass es ihnen in erster Linie um die Konformität mit den gesetzlichen Normen und nicht um Risikoabwehr geht. Dahinter steht die Vorstellung, dass mit der formalen Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben auch automatisch das Risiko gebannt sei, zumindest aber dass man dann das seine getan habe und nicht mehr dafür verantwortlich sei, wenn es doch schiefgeht. Davon, dass diese gefährliche Ausprägung legalistischen Denkens auf europäischer Ebene weniger verbreitet wäre, ist mir nichts bekannt.

Wenn man in den Mängeln der Geschäftsmodelle einiger Institute ein systemisches Risiko sieht, erscheint es naheliegend, schon an dieser Stelle aufsichtlich zu intervenieren. Die Bankenaufsicht müsste dazu das Geschäftsmodell kritisch analysieren, Änderungen vorschreiben und, wenn kein tragfähiges Geschäftsmodell möglich erscheint, die Bank auch schließen dürfen. Dies wäre allerdings ein sehr weitgehender Eingriff in die Freiheit der wirtschaftlichen Betätigung. Gravierender jedoch ist, dass es auf Seiten der Aufsicht ein Wissen voraussetzt, über das diese gar nicht verfügen kann. Welche Geschäftsmodelle sich am Ende durchsetzen, ist Gegenstand eines Entdeckungsprozesses im Wettbewerb, und niemand kann dessen Ergebnis voraussagen. Trotzdem gibt es auf europäischer Ebene viele, die es besser wissen. In der unverfänglichen Version werden sie dazu von ihren Vorurteilen getrieben, wie ein Bankensystem auszusehen habe. Dabei bekommt das deutsche Bankensystem keine guten Noten, da die meisten deutschen Banken den am kurzfristigen Profit orientierten Instituten aus den angelsächsischen Textbooks so wenig ähnlich sehen. Man kann hier aber auch massive Lobbyinteressen vermuten, etwa wenn eine noch stärkere Konsolidierung der Bankensysteme und damit eine weitere Einschränkung des Wettbewerbs gefordert wird. Gerade nach den Erfahrungen der Finanzkrise mit überdimensionierten Finanzinstituten kann der neutrale Betrachter sich hier nur verwundert die Augen reiben.

Betrachten wir die andere Seite des Stresstests, das gewählte Szenario, dem das Risikoprofil der Bank gegenüber gestellt wird. Hier verhält es sich in Europa wie in einer Familie mit einem dunklen Geheimnis: Bestimmte Fragen darf man stellen, so etwa die, wie die europäischen Banken eine kräftige Eintrübung der Konjunktur bewältigen würden. Andere Fragen sind verboten, wie etwa die, welche Auswirkungen weitere Schuldenschnitte in einem oder gar mehreren europäischen Ländern auf die Stabilität des europäischen Bankensystems hätten. Dies soll an dieser Stelle gar nicht angeprangert werden. Bestimmte Antworten sind einfach nicht konstruktiv. Ein öffentlicher Stresstest, bei dem ein Großteil der Institute durchfiele, hilft niemandem. Die Bekannntgabe eines solchen Ergebnisses würde in höchstem Maße destabilisierend wirken. Meine Hoffnung ist, dass es dazu kein internes Denkverbot gibt, dass sich die neue EZB-Aufsicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit auch mit solchen Szenarien auseinandersetzt. Die Europäische Zentralbank hat mit vorgeblich geldpolitischen Instrumenten den europäischen Banken Anreize geschaffen, eine starke Risikokonzentration im Bereich der Staatsfinanzierung einzugehen. Aufsichtliche Ignoranz gegenüber diesen Risiken ist keine europäische Tugend.

Damit gehen die Kreditinstitute aus den verschiedenen europäischen Ländern keineswegs unbelastet in die Obhut der neuen Aufsicht. In Kombination mit dem neuen Abwicklungsfonds und der geplanten europäischen Einlagenversicherung ergibt sich eine Vergemeinschaftung der Risiken der europäischen Schuldenkrise und, wenn diese Risiken schlagend werden, auch der Schulden selbst. Die Stabilität des Bankensystems hängt damit vom Erfolg der europäischen Rettungspolitik für die Staaten und der Befähigung der neuen Aufsicht ab, das Risikoverhalten der Banken wirksamer als die nationalen Aufsichtsbehörden zu begrenzen. Wir haben mit der europäischen Bankenaufsicht durch die EZB alles auf eine Karte gesetzt. Hoffen wir, dass diese Karte sticht.

Hans-Peter Burghof

Universität Hohenheim

burghof@uni-hohenheim.de


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