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94. Jahrgang, 2014, Heft 11 · S. 764

Informationstechnik: Quo vadis IT-Gipfel?

René C. G. Arnold

Der IT-Gipfel bringt seit 2006 (fast) jedes Jahr die Akteure der IT-Branche, der Politik und der Wissenschaft auf höchster Ebene zusammen. Ohne Frage hat diese Veranstaltung Strahlkraft. Alle bisherigen Veranstaltungen ähnelten sich in ihrer Strahlkraft und dem Wunsch, die deutsche IT-Branche auf die Erfolgsspur zu führen. So zog sich der Wunsch nach einem deutschen Google, ­Facebook oder Twitter wie ein roter Faden durch zahlreiche Reden. Dieses Jahr in Hamburg verabschiedeten sich die Redner jedoch zusehends von dieser letztlich rückwärtsgewandten Idee zugunsten der vom Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Telekom Höttges beschworenen "zweiten Halbzeit", die es nun zu gewinnen gelte. Hier soll es vor allem um die Themen Industrie 4.0, intelligente Netze und IT-Sicherheit gehen.

Es steht außer Frage, dass Deutschland bei diesen Themen das Potenzial hat, erfolgreiche Spitzenprodukte zu entwickeln. Mit weltweit führenden Maschinenbauern trägt es schon heute zur industriellen Vernetzung und Effizienzsteigerung bei. Ebenso exportieren deutsche Firmen relevante Lösungen, die hinter der intelligenten Vernetzung von Verwaltung, Verkehr, Energie, Gesundheit und Bildung stehen. Bei der IT-Sicherheit steht Darmstadt als eines der herausragenden Zentren weltweit vorn. Vor diesem Hintergrund sollte der IT-Gipfel die relevanten Themen setzen und den Austausch der Akteure befördern. Dies konnte und kann die Veranstaltung sicherlich leisten. Die anstehende Neuausrichtung des IT-Gipfels sollte jedoch dazu genutzt werden, den Diskurs mutiger und offener zu gestalten.

Ein Ansatzpunkt für eine solche Neuorientierung kann es sein, einen breiten Diskurs zu führen, der über das Mantra der Effizienzsteigerung und Verknüpfung von Dienstleistungen mit Produkten in der deutschen Großindustrie hinausgeht. Es muss eigentlich darum gehen, den Mittelstand, der so oft als Rückgrat der deutschen Wirtschaft beschworen wird, wirklich einzubinden. Der Politik muss hier die Möglichkeit gegeben werden, echtes Verständnis für die Treiber und Hemmnisse zu erlangen. Auf Seiten der Anwender muss das Interesse an neuen digitalen Lösungen geweckt werden. Ebenso muss ein Austausch zwischen IT- und Industrieunternehmen an der Basis geschehen, so dass die zu bewältigenden Aufgaben gegenseitig besser verstanden werden.

Gleichermaßen wird die intelligente Vernetzung von Schulen, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen an der Basis entschieden. Insbesondere bei Lehrkräften bestehen große Hemmnisse in Bezug auf den Einsatz intelligenter IT-Lösungen. Mangelnde Kenntnisse und eine starke Pfadabhängigkeit im System Schule, wo kaum Anreize für Veränderungen gesetzt werden, sind dafür verantwortlich. Hier darf es eine Veranstaltung wie der IT-Gipfel nicht bei wohlfeilen Worten bewenden lassen. Sie muss vielmehr Lust darauf machen, neue Lösungen auszuprobieren. Diese erfordern jedoch auch neue Wege. Man muss den Blick über den Tellerrand des Angebots deutscher Schulverlage wagen und diskutieren wie, von wem und unter welchen Bedingungen in Zukunft Lerninhalte entwickelt und publiziert werden, um ein weiteres Debakel wie beim Leistungsschutzrecht zu vermeiden.

Diese beiden Beispiele zeigen: Es braucht die Einbindung der Anwender in den IT-Gipfel-Prozess. Der IT-Gipfel muss der neuen Namensgebung gerecht werden und sich mehr als Plattform bzw. Forum verstehen. Es braucht mehr Veranstaltungen wie Young-IT für junge Gründer oder intelligente Bildungsnetze im universitären Bereich. Wer die zweite Halbzeit gewinnen will, sollte nicht in erster Linie über die Ligapolitik sprechen, sondern erstmal dafür sorgen, dass alle Spieler auf dem Platz sind und Lust aufs Gewinnen haben.

René C. G. Arnold

WIK-Consult

R.Arnold@wik.org


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